Ein Knaller. Franka Potente und Moritz Bleibtreu in „Lola rennt“. Foto: picture alliance
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Wie X Filme das deutsche Kino prägten Mit „Lola rennt“ zur Renaissance des Berlin-Films

Tom Tykwer und andere Regisseure gründeten in den Neunzigern die Produktionsfirma X Filme. Sie wurde stilprägend. Heute feiert man 25 Jahre.

Die Renaissance des „Berlin-Films“ lässt sich ziemlich präzise datieren. Im August 1998 rannte ein Mädchen mit tomatenroten Haaren um ihr Leben, als Comicfigur und in Person von Franka Potente.

Es ging um 100 000 D-Mark und die philosophische Frage, ob man dem Schicksal vielleicht doch ein Schnippchen schlagen kann. Lola hatte 20 Minuten, um zu verhindern, dass ihr Manni (der junge Moritz Bleibtreu) eine Dummheit begeht. Ihr kleinkrimineller Lover muss das Geld eines Gangsterbosses auftreiben, das er in der U-Bahn vergessen hat.

„Lola rennt“ war in den ausklingenden Neunzigern ein Versprechen, dass das deutsche Kino knapp zehn Jahre nach dem Mauerfall wieder etwas zu sagen hat.

Tom Tykwer, der seine formativen Jahre im Kreuzberger Moviemento Kino verbrachte, entfesselt in 80 Minuten einen Bilderrausch aus Stakkato-Schnitten und atemlosen Kamerafahrten, angetrieben von pulsierendem Techno.

Dreimal beginnt Lola ihre Geschichte von vorne, dieses erzählerische und technische Kabinettstückchen ebnete sowohl Franka Potente als auch Tom Tykwer den Weg nach Hollywood.

„Lola rennt“ war für die 1994 gegründete Produktionsfirma X Filme eine Visitenkarte. Das deutsche Kino hatte genug Feuer, wenn die Kreativen nur die Kontrolle über die Produktionsmittel an sich reißen. So lautete der Plan von Tom Tykwer, Wolfgang Becker, Dani Levy und Stefan Arndt, der zuvor bereits Tykwers Regiedebüt „Die tödliche Maria“ produziert hatte.

Die drei Filmemacher hatten die Nase voll, als Einzelkämpfer gegenüber Produzenten aufzutreten. Im Interview mit der „taz“ nannten sie ein Jahr nach der Gründung den Filmverlag der Autoren um Wim Wenders, Rainer Werner Fassbinder und Hark Bohm als Vorbild.

Finanzielle Unabhängigkeit schafft künstlerische Freiheit, den Beweis wollte das Quartett antreten. „X Filme Creative Pool“ lautete der vollständige Name ihrer Produktionsfirma.

Etwa zur selben Zeit prägte Schramm Film mit Christian Petzold, Angela Schanelec und Thomas Arslan den Begriff „Berliner Schule“, die dem deutschen Kino auf Festivals viel Aufmerksamkeit bescherte.

Tykwer & Co hatten dagegen wenig Interesse am introvertierten Autorenkino. Sie wollten große, dramatische Geschichten mit unverkennbarer Handschrift erzählen – wie François Truffaut, Robert Redford oder Mike Leigh, die sie dafür bewunderten, wie sie handwerkliches Können und große Gefühle vereinten. Nur jünger, frischer. Berlin eben.

Um die Jahrtausendwende waren die „X Filme“-Produktionen stilbildend für dieses neue Berlin, das gerade im Begriff war, seine eigene Geschichte wiederzuentdecken: mit Wolfgang Beckers ostalgische Wendekomödie „Good Bye Lenin!“, Achim von Borries’ Weimarer Jugenddrama „Was nützt die Liebe in Gedanken“ und der verschmitzten Komödie „Alles auf Zucker“ von Dani Levy, der dem in der NS-Zeit aus Deutschland verschwundenen jüdischen Humor nachspürte.

Man nahm sich Grenzgängern wie Dominik Graf („Der rote Kakadu“) und Oskar Roehler an, der sich nach seinem klassizistischen Kritikerliebling „Die Unberührbare“ mit „Der alte Affe Angst“ und „Lulu & Jimi“ austoben durfte. Aber auch jungen Regisseurinnen wie Nicolette Krebitz und Ayşe Polat bot X Filme eine Anlaufstelle.

An diesem Freitag feiert X Filme sein 25-jähriges Bestehen. Berlin ist nicht mehr dasselbe, ebenso das deutsche Kino. Nach dem Konkurs von Senator und Kinowelt ist X Filme die nach Constantin zweiterfolgreichste deutsche Produktionsfirma, sie residiert mit dem dazu gehörigem Verleih inzwischen in einer Jugendstilvilla in der Kurfürstenstraße.

Und Tom Tykwer ist in Hollywood ein gefragter Mann. Sein größter Erfolg ist, bei aller Ambition, aber nicht das 100 Millionen Euro teure Sci-Fi-Epos „Der Wolkenatlas“ (der seinerzeit kostspieligste Independentfilm floppte an der Kinokasse), sondern eine Fernsehserie über die „Golden Twenties“.

„Babylon Berlin“ hat nicht weniger als „Lola rennt“ zum Berlin-Mythos beigetragen. Doch künstlerisch wirkt der 13-Stünder, vergleichbar mit „Der Wolkenatlas“, eher wie ein Kraftakt. Neben der Mammutproduktion erscheinen die anspruchsvolleren Filme, die Weltkriegsdramen „Das Weiße Band“ von Michael Haneke und François Ozons „Frantz“ oder Maria Schraders herausragende Stefan-Zweig-Biografie „Vor der Morgenröte“, lediglich wie Prestigeobjekte. Das würden die drei Regisseure, die 1995 in der „taz“ vom deutschen Kino eine „Haltung“ einforderten, wohl ähnlich sehen.

Aber Berlin ist eben auch nicht mehr die kreative Spielwiese der Neunziger, sondern ein Wirtschaftsstandort. So wurden eigens für „Babylon Berlin“ auf dem Studiogelände Babelsberg die Fassaden eines historischen Straßenzugs errichtet. Respekt. Die Kulisse wird sicher nicht der letzte Beitrag von X Filme zum deutschen Kino bleiben.

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