„Hinweg mit euch. Ich bin die Stimme – nicht ihr!“ Peter Handke am 10. Dezember beim Nobelpreis-Bankett in Stockholm. Foto: Anders Wiklund/Reuters
© Anders Wiklund/Reuters

Wie lässt sich Handke in Zukunft lesen? Es braucht eine Kommentierung seiner Jugoslawientexte

Miranda Jakiša

Nach der Literaturnobelpreis-Debatte: Peter Handkes Jugoslawien-Texte benötigen kulturelles und historisches Zusatzwissen, am besten per Kommentar.

Peter Handke gehört zum Bestand in deutschsprachigen Bücherregalen. Kaum ein Bildungshaushalt in Deutschland, der Schweiz und schon gar nicht in Handkes Herkunftsland Österreich, der nicht zumindest zwei, drei Handke-Bücher führt. Mein erster Handke war – wie für viele – „Wunschloses Unglück“.

Der Text verschlug mir als Gymnasiastin in den achtziger Jahren die Sprache, während er beredt Worte für das Unsagbare fand. Glasklar einen Selbstmord erfassen, noch dazu den der Mutter – was für eine Leseerfahrung! Literatur wie diese hat mich zur Literaturwissenschaft verführt. Von Handke habe ich nahezu alles gelesen.

Während der Promotionszeit in Tübingen schenkte mir ein Germanist die „Kindergeschichte“. Darin werden „die Realitäts-Tümler als die Tyrannen einer neuen Epoche“ bezeichnet, und der Erzähler ergänzt: „Hinweg mit euch. Ich bin die Stimme – nicht ihr!“.

Als ich dies las, waren die Jugoslawien-Texte zum Großteil schon geschrieben. Sie trieben einen Keil zwischen mich und „meinen“ Handke. Mir blieb als Südslawistin keine Wahl.

Wie kann man Handkes verschiedene Texte in ein Verhälntis setzen

Wie schlagen wir, die wir mit Handkes Literatur aufgewachsen sind, nun, nach einer heftigen Debatte um seine Literatur und ihre Preiswürdigkeit, eine Brücke zwischen unserem Bücherregal, unserer Leseerfahrung und den Jugoslawientexten? Geschichtsklitterung, Kriegstreiberei und Genozid-Relativierung sind dem Schriftsteller vorgeworfen worden.

Wie können wir Peter Handke in Zukunft lesen? Wie die einen zu den anderen Texten von Handke ins Verhältnis setzen, wie das frappierende Gesamtwerk zu den störenden Jugoslawien-Texten?

Eines hat die Diskussion auch Nicht-Experten für die West-Balkan-Staaten vor Augen geführt: Dass es Verständnis- und Auslegungsprobleme mit jenen Werken gibt, die Handke zwischen 1996 und 2011 verfasst hat und die sich mit dem zerfallenden Jugoslawien, mit vermeintlicher Gerechtigkeit für einzelne Folgestaaten und überhaupt mit nachjugoslawischen Aushandlungs- sowie Gerichtsprozessen befassen.

Auch in der Verteidigung Peter Handkes geht es wohl niemandem um die Jugoslawientexte.

Dass sie für viele unwichtig zu sein scheinen, hat natürlich auch mit dem Kenntnisstand zum Kosovo, zur Serbischen Republik oder dem geteilten Bosnien zu tun. Nur weil Peter Handke ein suspektes Interesse für diese Region entwickelt hat, müssen ihm Leserinnen hierzulande nicht folgen.

Es geht um eine angemessene Lektüre der Texte

Empathie-Appelle und Aufklärungsarbeit werden dann mitunter zur politischen Korrektheit deklassiert, Hinweise auf Politik und Geschichte als Besudelung der Literatur verlacht. Doch außerhalb Serbiens findet sich unter den sogenannten Balkan-Experten (Leuten wie mir) niemand, der etwas zur Verteidigung der Jugoslawientexte vorzubringen hätte.

Im Gegenteil, aus den Reihen der Südosteuropahistoriker, der Südslawistinnen und der Diplomaten für die nachjugoslawische Region hagelt es durch die Bank Kritik an Inhalt, Suggestivkraft und Parteinahme dieser Texte. Es fällt schwer, Argumente gegen ihre politischen Einwände und historischen Ergänzungen ins Feld zu führen. Doch es bleibt der Wunsch, der Literatur ihren eigenen Raum zu belassen.

Die Debatte hat, so wie sie geführt worden ist, Handke-Jünger gegen Ex-Jugos ausgespielt, literaturliebende Germanisten gegen kulturspezifisch verblendete Slawisten, das Literaturfeuilleton gegen das Ressort der Südosteuropageschichte.

Dabei geht es beiden Seiten doch um die letztlich selbe Forderung: eine angemessene Lektüre dieser Texte. Und darum, dass alle Leserinnen, unabhängig vom Wissensstand über die jugoslawischen Folgestaaten, zu einer selbständigen, informierten Lektüre auch der Jugoslawientexte befähigt werden können.

Handkes Jugoslawientexte, da sollten auch die schärfsten Kritiker die Kirche im Dorf lassen, „leugnen“ oder „kriegstreiben“ nicht einfach. Die Formulierung dürfte sogar Handke selbst ein Stück weit gefallen haben. Hat er nicht in seiner Nobelpreisrede in Stockholm um die Rückkehr zum Dorf und zum Text gebeten, als er eine explizite Stellungnahme zu der Debatte um ihn lieber verweigerte und stattdessen die Literatur für sich sprechen ließ?

Ein Begleitapparat muss auf die literarische Dimension verweisen - und auf die politisch-historische

Als Schriftsteller darf er sich diese Position freilich leisten; der Leserschaft fällt es schwer, die Augen vor den Einsprüchen der Opferverbände und vor der Empörung der Beschriebenen so zu verschließen wie er. Zurück zum Text also! Wir müssen uns heute die Frage stellen, was die massive Kritik für zukünftige Handke-Lektüren im Deutschunterricht bedeuten wird. Germanisten wie Jürgen Brokoff, Christoph Deupmann oder Boris Previšic haben längst kritische Analysen der Jugoslawientexte geliefert.

Doch fachwissenschaftliche Sekundärliteratur eignet sich wohl kaum fürs Klassenzimmer oder heimische Buchregal.

Es führt kein Weg daran vorbei: Nur eine faktenbasierte, wissenschaftlich fundierte Kommentierung der Jugoslawientexte, die die Lektüre des Jugoslawien-Korpus unterstützend begleitet, kann uns das Werk von Peter Handke wieder unverstellt zugänglich machen.

Die Verständnis- und Auslegungsprobleme der Jugoslawientexte sind eine direkte Folge des kontextuellen Wissensstands der Leserschaft, und daher lässt sich die Forderung nach einer Kommentierung auch nicht als Stigmatisierung oder gar Zensurmaßnahme ausgelegen.

Ein Begleitapparat, der tatsachenorientiert und möglichst deutungsfrei kulturelles und historisches Zusatzwissen in lesbarer, dennoch wissenschaftlich überprüfbarer Form liefert, wird die kritische und kompetente Lektüre für jene, die eine solche suchen, massiv erleichtern.

Und er beschwichtigt die Empörung derer, die Verschleierung, Verklärung und sogar Lügen in den Jugoslawientexten ausmachen.

Erwähnte Orte, Personen und historische Ereignisse müssen für ein Verständnis der Texte mit Kontextinformation versehen, sowie aufgerufene mythologische Figuren aus der südslawischen Kulturgeschichte als auch Anspielungen auf kulturspezifische Narrative und zeitgenössische politische Diskurse aus Serbien und Bosnien knapp, aber verständlich erläutert werden.

Dann bekommt das Literarische wieder den ihm gebührenden Raum.

Ziel einer Kommentierung bleibt dabei stets, die Leser zu befähigen, poetologische und literarische Dimensionen von den politischen und historischen Inhalten unterscheiden und die Texte damit überhaupt umfänglich verstehen zu können. Wir lesen schließlich auch Shakespeare kommentiert. Eine Sprache und ein Werk erschließt sich aus historischen Gründen nicht immer ohne Weiteres.

So gerüstet, kann den Leserinnen und Lesern getrost überlassen werden, Handkes Jugoslawientexte zu lesen, wie sie es für richtig halten. Hauptsache, wir lesen sie.

Miranda Jakiša ist Professorin für Südslawische Literatur- und Kulturwissenschaft. Sie lehrte ab 2009 an der HumboldtUniversität in Berlin, seit 2019 an der Universität Wien. Gegenwärtig arbeitet sie an der Kommentierung der Jugoslawientexte.

Zur Startseite