Ewig morbides Berlin. Die dritte Staffel der TV-Serie „Babylon Berlin“ ist für 2020 terminiert. Foto: ARD Degeto/X-Filme/Beta Film/Sky
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Wie es bei "Babylon Berlin" weitergeht Mord in der Illusionsfabrik

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„Babylon Berlin“ geht zu Ende, Volker Kutscher hat einen neuen Krimi geschrieben – und wie die TV-Serie fortgesetzt wird.

Natürlich ist das alles Fantasie. Allerdings: Die kinoreife TV-Serie „Babylon Berlin“, die am heutigen Donnerstagabend im Ersten ihr vorläufiges Finale feiert, sie steht, tanzt und fällt ebenso wie die Romanvorlagen von Volker Kutscher auf doppeltem Boden. Es geht um Geschichten und Geschichte, um Realität und Fiktion. Und die Fiktionen haben in anderen Fiktionen schon ihre realen Vorbilder.

„Babylon Berlin“ wird am Ende noch nicht „zu Asche, zu Staub“, wie der suggestive Leitsong immer wieder verheißt. Vielmehr explodiert die von der Berliner Kriminal-Historie so real imaginär beflügelte „B.B.“-Serie finalmente in die schiere Fantasy. Wird zur fernsehfilmischen Märchenoper, in der, wie in allen schönen Opern nur sehr langsam und mit versuchten Wiederauferstehungen gestorben wird. Wenn überhaupt.

Film ist Film, und Roman bleibt Roman. Deshalb bringen die gerne angestellten Vergleiche zwischen Kutscher und Tykwer, zwischen Buch und Drehbuch wenig. „Babylon Berlin“ hat die Biografien der Kutscher-Protagonisten Gereon Rath und Charlotte Ritter (Muster: Das Mädchen und der Kommissar) frei verändert, und die Darsteller Volker Bruch und die wunderbare Liv Lisa Fries spielen Figuren aus eigenem Recht. Mal sehen, wie das mit ihnen bei der geplanten Fortsetzung von „Babylon Berlin“ weitergeht. Zumal dann ohne den überragend abgründigen Peter Kurth als Kriminaler und Krimineller.

Mehr als Kulturgeschichte

Wenn vom Mythos Berlin in den Roaring Twenties die Rede ist, vom Tanz auf dem Vulkan der Weimarer Republik, dann ist historisch meist die Kulturgeschichte gemeint. Das schillernde Berlin von Alfred Döblin bis Brecht, die filmischen Symphonien der Großstadt, die Bildwelten von Georg Grosz, der morbid moderne Isherwood-Touch („Cabaret“).

Viele hatten darum erwartet, dass diese Welt auch „Babylon Berlin“ dramaturgisch und optisch bestimmen würde. Aber bis auf die Musik- und Tanznummern im Etablissement „Moka Efti“ und ein versuchtes Attentat auf die Außenminister Stresemann und Briand während einer Aufführung der „Dreigroschenoper“ im Theater am Schiffbauerdamm (heute BE), war da wenig. Doch hat Volker Kutscher seine im Jahr 1929 startende Berlin-Krimi-Serie mit dem Roman „Der nasse Fisch“ bewusst im Milieu von Politik, Militär, Wirtschaft und organisiertem Verbrechen begonnen. Das reißt den Zeithorizont weiter auf als eine Kulturszene, die ihrerseits alle Aufklärung auch mit Unterhaltung, Betäubung, Flucht aus der Realität verbindet.

Kampf zwischen Stummfilm und Tonfilm

Die für 2020 geplante Fortsetzung von „Babylon Berlin“ aber führt just hinein in die Welt der Illusionsfabrik. Meint der „nasse Fisch“ im Polizeijargon noch einen ungelösten Fall, signalisiert schon der Titel von Kutschers zweitem, nun wieder als Vorlage und Absprungbasis dienendem Roman „Der stumme Tod“ das Thema. Man ist im Jahr 1930, und hinter den Kulissen des Showbusiness tobt ein Kampf zwischen dem eben noch triumphalen Stummfilm und dem neuen Tonfilm. Eine Revolution, die Opfer fordert. Bei Kutscher ist es als erstes eine ermordete Filmdiva, die beim Drehen von der Technik leibhaftig erschlagen wird.

Volker Kutscher aber hat soeben seinen neuen Roman „Marlow“ vorgelegt, der sofort in den Bestsellerlisten gelandet ist. Dieser „siebte Rath-Roman“ spielt in Berlin 1935, im Jahr vor den Olympischen Spielen. Kutschers weiteres Projekt reicht vom 2008 erschienenen „Nassen Fisch“ und dem Jahr 1929 bis 1936, bis zu Olympia in Berlin. Da sollte man daran erinnern, dass eben im Jahr 1936 auch Philip Kerrs „Feuer in Berlin“ handelt: der Auftakt einer „Berlin noir“-Serie des im Frühjahr 2018 verstorbenen britischen Autors. Ein Mord-Feuer kontrastiert da mit dem Olympischen Feuer, in dessen Widerschein die Nazis für kurze Zeit aus Imagegründen die Diskriminierung der Juden zu mildern vorgeben. Um zugleich auch andere Verbrechen begehen und begehen zu lassen. Übrigens, apropos Film-Thema: Bei Kerr gerät mit viel Sex and Crime schon beim ersten Feuerschein eine dubiose Ufa-Diva ins Bild. Und sie logiert in einer haptisch toll beschriebenen Schöneberger Wohnung, ein Stockwerk unter dem Ehepaar Goebbels.

Kerr war der farbigere, lebhaftere Erzähler

Merkwürdig, dass im Zuge des „Babylon Berlin“-Booms sehr wenig von dem großen Schotten Philip Kerr und seinem Dutzend Berlin-Krimis die Rede ist. Kerr, nicht verwandt mit Alfred Kerr und dessen Tochter Judith, hat für seine in den 1930er und 40er Jahren spielenden, bereits ab 1989 publizierten Bücher mit teilweise identischen historischen Orten und Personen ganz viel von dem bereits recherchiert und vorweggeschrieben, was Volker Kutscher zwanzig Jahre später auf seine Weise nachempfunden und selbst erfunden hat. Kutscher steht auf Kerrs Schultern.

Und im neuen Roman „Marlow“ fällt er da fast herab (Piper Verlag, 522 Seiten, 24 Euro). Kerr war immer der farbigere, lebhaftere Erzähler. Mit britischem Witz. Allerdings auch mit vielen, in deutscher Übersetzung überbordenden Bildern: „...wenn er grinste, war sein Mund eine Kreuzung aus Früh-Maya und Hochgotik“. Kutscher und Kerr sind beide stark im Beschreiben des Alltags der Mordinspektion im Polizeipräsidium am Alexander Platz – unter dem dicken Chef Ernst Gennat, genannt „Buddha“. Ihn hatte Kerr einst wiederentdeckt: den Mann, der die kriminalistische Aufklärung zur Zeit der Weimarer Republik revolutionierte; der das Rüstzeug der heute in jedem TV-Krimi obligatorischen „KTU“ (Kriminaltechnischen Untersuchung) schuf und das moderne „Profiling“ miterfand. Vorbild auch für Fritz Langs Film „M“.

Mord, Drogen, Hermann Göring

In dieser Welt und im Schatten der allgegenwärtigen Nazis bewegen sich Gereon Rath und seine Frau Charlotte, die im Buch Jura studiert und dann als Privatdetektivin parallel zu ihrem Mann ermittelt. Weil, das lernt man hier, unter den Nazis sogar „arischen“ Frauen der Beruf einer Anwältin oder Richterin verwehrt war. Mord, Drogen, Horst Wessel, Hermann Göring, ein reiches, ausreichend fürchterliches Spektrum. Und wie üblich mehrere Motiv- und Erzählstränge, geschickt verstrickt. Aber es ist trotzdem Volker Kutschers schwächstes Buch. Weil staubtrocken, ledersprühend. Und manchmal schier nervtötend redundant. Kutscher sagt vieles mit teilweise gleichen Worten mehrfach, immer wieder betont er, dass der Nichtnazi Rath „Heil Hitler“-Begrüßungen unerwidert lässt, und selbst kleine metaphorische Pointen werden umständlich erklärt. So reicht es nicht, dass eine über einen Stuhl gehängte SS-Uniform einer schwarzen Vogelscheuche ähnelt. Kutscher betont eigens noch, dass diese Scheuche hier Menschen und keine Vögel erschrecke.

Nein, apropos „Marlow“, der Name des Großgangsters im Hintergrund, der in „Babylon Berlin“ zum vordergründigen „Armenier“ wurde: Ein deutscher Chandler ist dieser Marlow leider nicht.

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