Besucher bestaunen das Ischtar-Tor im Pergamonmuseum. Foto: SMB/David von Becker
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Update Wie das Ischtar-Tor ins Pergamonmuseum kam Karriere dreier glasierter Ziegelsteine

Der Archäologe Robert Koldewey legte erst einmal Bruchstücke vor: Ausgangspunkt für eine gewaltige Rekonstruktion.

Kaum vorstellbar, dass aus drei glasierten Ziegel-Fragmenten aus Babylon einmal das Ischtar-Tor im Vorderasiatischen Museum in Berlin entstehen konnte. Immer wieder fragen Besucher:innen, wie das Tor überhaupt nach Berlin gekommen ist. Diese Geschichte erzählt die Kabinett-Ausstellung „Vom Fragment zum Monument“ im Pergamonmuseum.

Das Deutsche Reich wollte Anfang des 20. Jahrhunderts seine Museen auch mit spektakulären Großfunden aus Westasien füllen, wie es das British Museum und der Louvre seit Mitte des 19. Jahrhunderts taten.

Der Architekt Robert Koldewey und der Orientalist Eduard Sachau kehrten 1897 von einer Forschungsreise durch das Gebiet des heutigen Iraks zurück, um den Königlichen Museen eine geeignete Ausgrabung in Mesopotamien vorzuschlagen.

Die Babylon-Grabung sollte 18 Jahre dauern

Koldewey legte die drei farbig glasierten Bruchstücke auf den Tisch und sagte, damit ließen sich große farbige Ziegelreliefs rekonstruieren, ähnlich wie es die Franzosen mit den imposanten Fassaden von Susa (Iran) im Louvre getan hätten. Dieser Vorschlag überzeugte, und so startete 1899 die Babylon-Grabung der Deutschen Orient-Gesellschaft unter der Leitung von Robert Koldewey, die kriegsbedingt bis 1917 dauerte.

In der ersten Ausstellungsvitrine im Pergamonmuseum sind die berühmten drei Fragmente zu sehen. Ein großes Foto von heute zeigt das erste Ischtar-Tor, das König Nebukadnezar II. (604-562 v. Chr.) aus gebrannten haltbaren Ziegeln mit Relieftieren bauen ließ. Zu seinen Lebzeiten ließ er insgesamt drei Tore errichten und hat dabei eines auf das andere gesetzt. Die Straßen zwischen den Mauern wurden jeweils zugeschüttet, und so wuchs die Anlage in die Höhe.

Erst in der zweiten Bauphase waren die Ziegel farbig glasiert

Bei seiner Kampagne legte Koldewey die erste Bauphase aus gebrannten Ziegeln frei, die heute noch im Irak zu sehen ist. Das Tor der zweiten Bauphase bestand aus gebrannten, farbigen Ziegeln. Auf einem großen Foto von 1902 sieht man Reste des freigelegten zweiten Tores, wie es auf dem ersten Tor mit den einfachen Ziegeln steht. Die Ebene ist flach, im Hintergrund sind Hügel zu erkennen, die mit dem Schutt der dritten Bauphase übersät sind. Die Archäologen hatten sie zum Teil abgetragen.

Zu Füßen dieses Fotos geben zahlreiche farbige Ziegelfragmente des dritten Tores im Sand einen Eindruck von der Fundsituation. Knapp 800 Kisten voller Ziegelschutt aus zwei Fundteilungen durften 1903 und 1926 nach Berlin reisen. Bedingung war die Rückgabe einiger rekonstruierter Reliefs an die Museen in Istanbul und Bagdad: ein ungleicher Deal, aber damals legal. Allerdings war Irak bis 1932 kein souveräner Staat.

[Pergamonmuseum, Museumsinsel, bis 3. 10.; Dienstag bis Sonntag 10-18 Uhr. Zeitfenster unter www.smb.museum/tickets]

Die noch stehenden Reste des Ischtar-Tores zu Beginn der Grabungen in Babylon, 1902. Foto: Staatliche Museen zu Berlin, Vorderasiatisches Museum, Deutsche Orient-Gesellschaft Vergrößern
Die noch stehenden Reste des Ischtar-Tores zu Beginn der Grabungen in Babylon, 1902. © Staatliche Museen zu Berlin, Vorderasiatisches Museum, Deutsche Orient-Gesellschaft

In jahrelanger Kleinarbeit wurden nun die Fragmente konserviert und sortiert. Walter Andrae, seit 1928 Direktor des Museums, setzte sich vehement dafür ein, das Pergamonmuseum während der Bauzeit so umzuplanen, dass auch das Ischtar-Tor mit Prozessionsstraße hineinpasste.

Von Boddiens Idee mit dem Fassaden-Bau gab es schon früher

Man ließ sogar das Tor als Holzgerüst mit bespanntem Papier 1:1 errichten, auf das Theatermaler die Fassade aufmalten, um Geldgeber für die Rekonstruktion zu gewinnen – die Idee des Schloss-Lobbyisten Wilhelm von Boddien ist also nicht neu.

Achtzig Prozent der Ziegel des heutigen Tores sind keine Originale, sondern wurden in drei Keramikwerkstätten im Berliner Umland gebrannt. Wer die Ausstellung verlässt, betrachtet das rekonstruierte Tor mit neuen Augen und Respekt.

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