Marina Vlady interessierte an der Schauspielerei die Vielfalt der Rollen, Genres und Filmsprachen, die sie mit ihrem Image besetzen konnte. Foto: Arenal
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Werkschau im Arsenal Marina Vlady verkörpert den Reichtum des europäischen Kinos

Das Arsenal widmet dem französischen Filmstar eine Retrospektive. Selbst in den Arbeiten mit den größten Regissseuren verschwand sie nie hinter deren Projektion.

Was geht im Kopf der Leute vor, wenn sie einem Star, den sie bewundern, außerhalb des Kinos begegnen? In einem ihrer Bücher erzählt Marina Vlady von einem Fan in Moskau, der ihr sogar antrug, den Tod, den sie zwei Jahrzehnte zuvor in einem Film erlitten hatte, mit den eigenen Händen zu rächen.

Als Comédienne legt es die französische Schauspielerin in rund dreißig Filmen seit den 1950er Jahren auf die Magie ihres Sphinx-ähnlichen Gesichts an. Die unterschiedlichsten Ideenwelten ihrer in vielen europäischen Ländern entstandenen Filme verkörperte sie mit gelassener Eleganz, sublimen Gesten und einer in vielen Sprachen geübten Dialogkunst.

Doch das Paralleluniversum der Bilder ist gemacht und hat seine Grenzen. Marina Vlady verschwand nie hinter den Projektionen ihrer Regisseure oder dem aufgesetzten Image einer Kunstfigur. Mehr als Glamour oder Geschäfte mit der eigenen Prominenz interessierte sie die Vielfalt der Rollen, Genres und Filmsprachen, die ihr in West- und Osteuropa angeboten wurden.

Ihr Spiel stellt immer wieder die Frage, was wir mit den Bildern anfangen, was sie in uns auslösen. Eine schmale Spur kluger Distanz gegenüber dem Zauber zeichnet ihre Filme aus.

Zunächst war sie auf das naive blonde Mädchen festgelegt

Eine Retrospektive im Berliner Kino Arsenal präsentiert nun Arbeiten, die Marina Vlady mit Regie-Größen wie Jean-Luc Godard, Marco Ferreri, Marta Meszarós, Maria Knilli, Fernando Solanas, Ettore Scola, Bertrand Tavernier und Orson Welles drehte. Sie zeigt den Reichtum des Kinos der Nachkriegszeit bis in die 1980er Jahre, an dem Vlady großen Anteil hatte.

Geboren 1938 als Tochter eines russischstämmigen Künstlerpaars, wuchs Catherine Marina Poliakoff mit drei Schwestern, die ebenfalls Schauspielerinnen wurden, in Clichy bei Paris auf. Eine künstlerische Ausbildung bekam sie als Ballettschülerin, schon mit zehn Jahren trat sie in ihrem ersten Film auf. Mit kaum fünfzehn engagierte man sie für Oreste Biancolis „Penne Nere“, ein naives Bauerndrama während des Ersten Weltkriegs, in dem sie Marcello Mastroiannis Braut verkörpert, das Inbild des blonden braven Mädchens.

In Sergei Jutkewitschs Tschechow-Biografie "Sujet für eine Kurzgeschichte" (1969), gefilmt auf 70mm, spielte Vlady die weibliche Hauptrolle. Foto: Arsenal Vergrößern
In Sergei Jutkewitschs Tschechow-Biografie "Sujet für eine Kurzgeschichte" (1969), gefilmt auf 70mm, spielte Vlady die weibliche Hauptrolle. © Arsenal

Diesem Stereotyp der Nachkriegsjahre folgte auch „La Sorcière“, ein im angeblich freieren Schweden angesiedeltes Märchen um ein junges Waldmädchen mit magischen Kräften, das von den Dörflern verfolgt, von einem französischen Ingenieur jedoch umworben wird – und schließlich einem Mob zum Opfer fällt.

Wie furchtlos Vlady mit dem Hunger der Kamera umgeht, ihren Körper im Schneewittchenkleid bei ihren Gängen durch den Wald auszustellen, weist auf ihre spätere Karriere voraus. Ähnlich wie bei Brigitte Bardot äußerte sich die patriarchale Angst vor der erotischen Sprengkraft der Frauen auch in den Rollenangeboten für den Teenager Marina.

Weibliche Sexualität unter patriarchalen Verhältnissen

In André Cayattes „Avant le Déluge“ spielte sie das einzige Mädchen in einer wohlstandsvernachlässigten Jugendgang, in Luciano Emers „La Ragazza in Vetrina“ von 1960, einer Entdeckung im Retro-Programm, spielt sie eine ihre Freiheit genießende Prostituierte im Amsterdamer Rotlichtmilieu, die in eine uneinlösbare Liebesbeziehung gerät.

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Wie so oft in ihren Filmen spielt die Arbeitssphäre der Männer eine große Rolle: Der Film hält sich lange mit der Schufterei zweier italienischer Bergleute in der Fremde auf, um aus dem Ruhrgebiet in die zwiespältige Komödie der konträren Welten in Amsterdam zu wechseln.

Wie Frauen ihre Sexualität unter patriarchalen Verhältnissen zu ihrem prekären Vorteil nutzen (müssen), spiegelt sich in Marina Vladys Filmen immer wieder. Marco Ferreri nutzte 1963 ihre komödiantische Ader in „L’ape Regina“ für eine bissige Satire auf die Bigotterie erzkatholischer Eheprinzipien. Als Verlobte verweigert sich der Star den Avancen ihres künftigen Gatten Ugo Tognazzi und überfällt ihn nach der Heirat mit ihrem aufgestauten sexuellen Hunger.

Ihrer russischen Herkunft ist sie bis heute verbunden

Bis heute legendär ist Vladys Rolle als Pariser Vorstadthausfrau in Jean-Luc Godards poetischer Sozialstudie „Zwei oder drei Dinge, die ich von ihr weiß“, die auf dem ihr lange Zeit abverlangten Vexierbild als „Hure mit Herz“ aufbaut und es zugleich transzendiert.

Einer zeitgenössischen Reportage folgend geht Godard in losen, von seinem geflüsterten Kommentar überwölbten Alltagsepisoden der Frage nach, wie der kapitalistische Bauboom in Paris die Frauen dem Zwang ausliefert, Konsum und Mietsicherheit für sich nur durch ihre Gelegenheitsprostitution erreichen zu können. Vladys Kunst der Distanzierung vom Rollenklischee, in Nahaufnahmen festgehalten, funktioniert hier als Verfremdungseffekt, wenn sie beiläufig Reflexionen und Zitatfragmente vorträgt.

Im Leben jenseits der Kamera war Marina Vlady zehn Jahre – bis zu seinem frühen Tod 1980 – mit dem russischen Schauspieler und Sänger Wladimir Wyssozki verheiratet. Bis heute ihrer russischen Herkunft verbunden, lebte Vlady die schwierige Beziehung über den Eisernen Vorhang hinweg in langen Reiseaufenthalten und zahllosen Telefonstunden. In ihrem Buch „Eine Liebe zwischen zwei Welten“ setzte sie Wyssozki Anfang der Neunziger ein Denkmal.

Die Werkschau gibt zudem wunderbare Einblicke in Marina Vladys Beitrag zum osteuropäischen Kino, etwa Marta Mészarós’ „Zwei Frauen“, dem Porträt einer Emanzipation. Mit 83 Jahren überaus lebendig, weiß Marina Vlady ihre Filme und die Entstehungsgeschichten stets klug und amüsant zu kommentieren. Am heutigen Samstag und am 14. August ist sie im Arsenal zu Gast. (Bis zum 30. August im Kino Arsenal)

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