Beckett geht natürlich auch, Beckett geht immer. Der kürzlich verstorbene Jürgen Holtz in der „Endspiel“-Inszenierung von Robert Wilson am Berliner Ensemble. Foto: imago/Martin Müller
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Wenn es dann wieder losgeht Wie Theater im Zeichen von Corona aussehen könnte

Jon Fosse und Pirandello sind in der engeren Auswahl. Und es gibt einige Überraschungen. Eine Glossensammlung.

Der italienische Nobelpreisträger Luigi Pirandello (1867–1936) erträumte sich ein Theater der fließenden Form, der „nackten Masken“. Nach der Corona-Pause wäre Pirandello ein fabelhafter Türöffner. So viel Verwirrung, Verlustgefühl, Desorientierung – aus einer gewissen Distanz betrachtet – würde guttun in einer Zeit, in der die Aerosole die Arien überlagern.

Die Uraufführung seines undramatischen Dramas „Sechs Personen suchen einen Autor“ 1921 in Rom endet im Tumult und markiert den Beginn eines triumphalen Welterfolgs. Das postdramatische Theater, das ab den neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts den literarisch- dramatischen Text auf der Bühne mehr und mehr zum Verschwinden brachte, ist hier längst angelegt, die Dauerdiskurse eines René Pollesch über das seltsame, aber auch wieder lustvolle Tun und Sein auf dem Theater entspringen dieser Quelle.

Was Pirandello unternommen hat, war sehr einfach und ungeheuer schwer zu ertragen für das damalige Publikum. Er stellt Schauspieler auf die Bühne mitsamt ihrem Theaterdirektor, die sich als unfähig erweisen, mit einem – nicht klar formulierten – Familiengeheimnis umzugehen, und nun stehen sie da.

„Zwar fehlt es uns am Nötigsten, aber von allem Überflüssigen haben wir mehr als reichlich.“ Es ist der Zauberer Cotrone, der Magier in Pirandellos nachgelassenem Mysterienspiel „Die Riesen vom Berge“, der dieses Wort gelassen ausspricht. Pirandello schöpft aus dem Nichts, und er behauptet auch nicht, etwas Festes oder Bleibendes schaffen zu können. Alles geschieht ganz und gar im Moment, und dann beginnt es von vorn.

Die Personen wehren sich gegen die Darstellungsweise der Schauspieler, die wiederum mit den Erzählungen der Personen nicht recht etwas anzufangen wissen. Ein schreckliches Durcheinander, eine Theaterprobe, die zu nichts führt, die nie richtig beginnt, ein Stück aus dem Leben, vielleicht zu nah am Leben, das sind die „Sechs Personen“, die ihren Autor ablehnen und sich selbst misstrauen. Pirandello stammte aus Sizilien, aus einem Ort namens Caos, kein Witz. Man kann dort das ihm gewidmete kleine Museum besuchen.

Beide Seiten infizieren sich gegenseitig

Mit „Heute Abend wird aus dem Stegreif gespielt“ schafft er nominell den Autor ab, das Stück soll, so die Regieanweisung, anonym angekündigt werden. Er ätzt über die „typischen Premierenbesucher“ und die „Herren Theaterkritiker, die morgen unschwer erklären können, was für ein Quark das Ganze war.“

In dem Stegreifspiel (sehr italienisch) soll eine Novelle von einem gewissen Pirandello für die Bühne adaptiert werden, wieder ein Familiendrama, aber wieder verkrachen sich die Schauspieler, gestört und entnervt von ständigen Umbauten, Pannen und gehässigen Regieanweisungen. Eine Aufführung in Berlin gerät 1930 zum Skandal, Zuschauer mischen sich ein, es kommt zum Spielabbruch.

Im Grunde hat Pirandello nichts weiter getan als ein wenig zu weit in die Zukunft zu blicken. Seine Stücke wären jetzt Steilvorlagen – hinein in ein Pandemie-Parkett mit wenigen Zuschauern, die sich auf ihren Sitzen herumlümmlen und die neue Beinfreiheit genießen. Die ebenso wie die Schauspieler mit dem veränderten Raumklang der Leere klarkommen müssen. Und die sich beobachtet fühlen von den Menschen auf der Bühne. Im Theater von Pirandello und Corona infizieren sich beide Seiten gegenseitig: Die Zuschauer treten aus ihrer passiven Rolle in eine aktive, die Schauspieler lehnen sich zurück und sehen mal zu. Rüdiger Schaper

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