Echtes Social-Distancing-Theater

Beckett geht natürlich auch, Beckett geht immer. Der kürzlich verstorbene Jürgen Holtz in der „Endspiel“-Inszenierung von Robert Wilson am Berliner Ensemble. Foto: imago/Martin Müller
Wenn es dann wieder losgeht Wie Theater im Zeichen von Corona aussehen könnte

Eine der besten Nachrichten dieser ziemlich rumpeligen Theatersaison wäre im langsam klaffenden Sommerloch fast untergegangen: Das Berliner Ensemble testet laut Pressemitteilung die „Raumdesinfektion mit Aerosolverneblung“. Ein hypermodernes Verfahren namens „Amoair“ kommt dabei zum Einsatz, das bislang nur von der Nasa und den Putzkräften ausgewählter Kurkliniken erprobt wurde. Selbst „schwer zugängliche Bereiche, sogenannte Schattenflächen“, werden damit im Handumdrehen mikrobenfrei. Es kann nur eine Frage der Zeit sein, bis alle anderen Bühnen der Stadt hier nachziehen.

Bleibt die Frage: Welches Theater eignet sich für aerosolvernebelte Räume? Man will ja die schönen Schattenflächen nicht gleich wieder schmutzig machen. Mit den üblichen Klassiker-Updates kommt man da nicht weit.

„Die heilige Johanna der Schlachthöfe – Das Billigfleisch-Musical“, Verdis „Maskenball“ im FFP2-Look, Fontanes Pandemie-Abend „Effi niest“ – alles reizvoll, aber mutmaßlich zu personalintensiv und fragwürdig in Bezug auf die Einhaltung der Abstands- und Hygieneregeln innerhalb des Ensembles.Nein, es braucht ein echtes Social-Distancing-Theater. Und dafür empfiehlt sich die Wiederentdeckung einiger Preziosen aus dem Kanon der modernen Entfremdungs-Dramatik.

Jon Fosse gehört wieder auf den Spielplan! Sie erinnern sich? Fosse, dieser norwegische Großmeister des unberedten Schweigens. Noch vor zwanzig Jahren hatte jedes Theater, das auf sich hielt, mindestens drei Fosse-Stücke pro Saison im Programm. Sie hießen „Da kommt noch wer“, „Traum im Herbst“ oder „Die Nacht singt ihre Lieder“ und sie vermochten es, die bleierne Melancholie von zehn Hektar verödeter Fjord-Landschaft in ein einziges „Vielleicht“ zu packen.

Viel mehr wurde bei Fosse nie gesprochen. „Ja“, „nein“, „weiß nicht“. Diese Bedeutungsschwere zwischen den Zeilen! Die ganze Vergeblichkeit unserer Existenz, versinnbildlicht im Satz „Die Windeln sind in der Tüte“! Die Stücke lassen sich jedenfalls prima mit zehn Metern Abstand spielen. Einfach auf der Stelle, um möglichst wenig Atem zu verbrauchen.

Arbeiten der Einsamkeit

Auch Falk Richters Frühwerk verdient eine Neuinspektion. Diese 90er-Jahre-Arbeiten an der Schaubühne, die (wenn unsere Erinnerung nicht trügt) vor Einsamkeit nur so klirrten. Ausgebrannte Manager, betrübte Kriegsreporter, gründlich desillusionierte Berliner Party-People drifteten da durch die Leere ihres Lebens, auf der vergeblichen Suche nach jemandem, der sie bitte mal kurz in den Arm nimmt.

Was heute ja eh ein totales No-Go wäre. Manchmal saßen die Richter-Figuren auch alleine im Hotelzimmer, irgendwo am Ende der globalisierten und turbokapitalistisch beschleunigten Welt, wo der blasse Schimmer ihrer Macbooks ihnen die Tränen nicht trocknen konnte und Masturbation kein Trost mehr war.

Menschliche Elementarteilchen eben, perfekt für Corona-Zeiten. Sie müssen sich nur vor dem Aerosolnebel in Acht nehmen. Patrick Wildermann

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