Das Comeback der Textfläche

Beckett geht natürlich auch, Beckett geht immer. Der kürzlich verstorbene Jürgen Holtz in der „Endspiel“-Inszenierung von Robert Wilson am Berliner Ensemble. Foto: imago/Martin Müller
Wenn es dann wieder losgeht Wie Theater im Zeichen von Corona aussehen könnte

Eigentlich schien sie ja langsam, aber sicher auf dem Rückzug: die gefürchtete Textfläche. Das Theater unter Corona-Bedingungen wird ihr allerdings ein unschlagbares Comeback bescheren; jedenfalls quantitativ.

Weil keine andere dramatische Textsorte derart gute Voraussetzungen fürs keimfreie Theater mitbringt, könnte sie als künstlerische Präventivmaßnahme par excellence ab der kommenden Saison weitgehend konkurrenzlos die Bühnen fluten.

Die Vorzüge der gemeinen Textfläche beginnen ja schon damit, dass man mit ihr wunderbar abendfüllend aneinander vorbeireden kann. Da sie weder Dialoge noch klare Figurenzuteilungen kennt und deshalb – genau wie der Monolog, als der sie notfalls auch jederzeit aufgeführt werden kann – garantiert frei von frontaler Mund-zu-Mund-Kommunikation ist, bleibt die potenzielle Virenkonzentration im geteilten Luftraum medizinisch unbedenklich.

Beliebig viele Schauspieler können beliebig weit auseinanderstehen und die hundert bis hundertfünfzig punkt- und kommafreien Seiten – die gedanklich gern mal weite Sprünge machen, stilistisch aber tendenziell homogen bleiben - eigeninitiativ untereinander aufteilen.

Zudem, auch dies ein immenser Vorteil, kann man inszenatorisch eigentlich nahtlos an die präcoronale Bühnenkunst anknüpfen: Man stellt einfach in gebührendem Sicherheitsabstand zueinander zwei bis acht Mikrofone in Rampennähe auf oder lasse sie, das wäre die etwas coolere Alternative, vom Schnürboden baumeln.

Aus dem Übervollen schöpfen

Dass auf Auflockerungsübungen wie kollektives Singen, die bis dato in Textflächen-Inszenierungen quasi obligatorisch waren, bis auf Weiteres verzichtet werden muss, sollte weniger als Defizit denn als Chance begriffen werden: Endlich lenkt nichts und niemand mehr von den höchsten Weihen des theatralen Minimalismus ab; man kriegt das viel zitierte Textflächen-Wortkonzert in Reinkultur.

Was die konkrete Stückauswahl betrifft, kann dabei aus dem Übervollen geschöpft werden. Querfeldeinstöbern im dramatischen Output der letzten zehn, zwanzig Jahre dürfte auf sämtlichen Wegen zum Ziel führen: Kein wichtiges Thema, zu dem nicht mindestens eine entsprechende Textfläche existiert!

Schließlich deckt schon die Königin des Genres, Elfriede Jelinek, so gut wie alle gesellschaftsrelevanten Debatten-Sujets unserer Tage ab; von Donald Trump über den Sexismus bis zur Strache-Ibiza-Affäre.

Dass die Textfläche in aller Regel darüber erhaben ist, so etwas wie Plots zu skizzieren, zwischenmenschliche Konflikte auszuformulieren oder ganz und gar richtige Verbalnahkämpfe zu inszenieren, sondern dem Strukturprinzip des Stream of Consciousness folgt und also vergleichsweise wohltemperiert in einem Rutsch durchplätschert, kommt der Gesundheit ebenfalls zugute.

Wo keine dramatischen Siedepunkte erreicht werden, bleibt der emotionale Pegel und mit ihm der Tröpfchenradius auf der Bühne genauso kontrollierbar wie die Atem- und Pulsfrequenz im Parkett.

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