Neue Freiheit. Annelies und Otfried Preußler kurz vor ihrer Hochzeit 1949. Foto; Aus dem besprochenen Band
© Foto; Aus dem besprochenen Band

Was vor dem "Räuber Hotzenplotz" geschah Die Bitterkeit der jungen Jahre

Paul Michael Lützeler

Carsten Gansel liest Otfried Preußler mit Blick auf dessen Jahre im sowjetischen Kriegsgefangenenlager.

Kinder pflegen gern Umgang mit Geistern und Gespenstern, Zwergen und Riesen, Feen und Bösewichtern aus der real existierenden Fantasiewelt der Märchen und Sagen. Wer in den 1950er und 1960er Jahren aufwuchs, hatte das Glück, nicht nur Grimms „Rumpelstilzchen“ oder Andersens „Hässliches Entlein“ von Oma oder Opa vorgelesen zu bekommen, sondern sich mit Gleichaltrigen über den „Kleinen Wassermann“, die „Kleine Hexe“ und den „Räuber Hotzenplotz“ austauschen zu können.

Mit diesen Titeln wurde Otfried Preußler (1923-2013) einer der bekanntesten deutschsprachigen Kinder- und Jugendbuchautoren. Die globale Gesamtauflage des Schriftstellers schätzt Wikipedia auf 50 Millionen Exemplare.

Carsten Gansel, Professor für deutsche Literatur an der Universität Gießen, hat auch Slawistik studiert und spricht Russisch. Er nutzte die unter Germanisten seltene Sprachkompetenz, um in Archiven der ehemaligen Sowjetunion nach Dichtungen zu suchen, die deutsche Autoren während ihrer Kriegsgefangenschaft geschrieben haben. Sensationell war der Fund der Originalfassung von Heinrich Gerlachs „Durchbruch bei Stalingrad“, die Gansel 2016 erstmals veröffentlichte. Bei seiner detektivischen Spurensuche erwiesen sich die tristen Militärarchive aus der Stalinzeit als literarische Schatzinseln.

[Carsten Gansel: Kind einer schwierigen Zeit. Otfried Preußlers frühe Jahre. Galiani, Berlin 2022. 559 Seiten, 28 €.]

Gansels neues Buch „Kind einer schwierigen Zeit“ handelt von Preußlers Literatur, die er als Kriegsgefangener zwischen 1944 und 1949 verfasste. Das war in den Lagern von Jelabuga und Kasan, in Städten der tatarischen Volksrepublik, im Osten des europäischen Teils der UdSSR gelegen. Zudem arbeitete Gansel den Preußler-Nachlass in der Deutschen Staatsbibliothek in Berlin durch und interviewte Verwandte und Bekannte des Autors. Das Ergebnis seiner Forschungen ist ein packendes und formal ungewöhnliches Buch: Es ist sowohl eine Biografie des jungen Preußler als auch eine Dokumentation samt Interpretation des unbekannten bzw. vergessenen Frühwerks.

Brutalität des Alltags

Viele abgedruckte Gedichte, Erzählungen, Stellungnahmen, Berichte und Erinnerungen machen nun die Entwicklung des Autors verständlich. Gansel ist einer der fähigsten Kontextualisierer in der kulturwissenschaftlich orientierten Germanistik. Seine Studien werfen ein neues Licht auf die Alltagsbrutalität des sogenannten „Unternehmen Barbarossa“ und auf die nicht weniger traumatisierenden Gegebenheiten in den Kriegsgefangenenlagern.

Kontextualisierung bedeutet mehr als die Nennung historiografischer Daten. Gansel kommentiert die stark der Romantik verhaftete Ästhetik der Preußler’schen Lyrik, den Einfluss der regionalen Literatur des deutschsprachigen Böhmens auf die märchenhaften Erzählungen und – im Fall eines Schwanks – die Anleihen bei Humoresken des Biedermeiers.

Nicht missen möchte man auch die Vergleiche mit Autoren, deren schriftstellerische Lehrjahre ebenfalls in die Zeit der Kriegsgefangenschaft fallen: mit Franz Fühmann in der Sowjetunion und Hans Werner Richter in den USA. Anders als Fühmann hielt sich Preußler aus der pro-sowjetischen Agitation heraus, und im Gegensatz zu Richter konnte er den deutschen Landser nicht einfach als Opfer der Hitlerdiktatur sehen.

Gansel ist ein Kenner von Kulturtheorien und -diskursen. Wenn es um metahistorische Erzählüberlegungen geht, beruft er sich sowohl auf Walter Benjamin wie auf Reinhart Koselleck; bei der Thematisierung von Überwachen und Strafen in den Lagern wird Foucault zitiert; kommen Verstrickung, Schuld, Erinnern und Vergessen zur Sprache, fehlen nicht die relevanten Hinweise auf Nietzsche, Jaspers und Hannah Arendt; und wenn er die schreibende Bewältigung traumatischer Erlebnisse anspricht, konsultiert er Freud und neuere Psychoanalytiker.

Vertreibung der Sudetendeutschen

Zu den Besonderheiten des Buches gehört die Auseinandersetzung mit der Kultur und Geschichte der deutsch-böhmischen Bevölkerung, die man nach dem Ersten Weltkrieg die sudetendeutsche Minorität der Tschechoslowakei nannte. Am Beispiel von Preußlers Familie werden Tradition und Mentalität der habsburgischen Monarchie vergegenwärtigt, die Folgen der Pariser Vorortverträge von 1919, die Wirkung des Münchner Abkommens mit dem zweiten „Anschluss“ des Jahres 1938, die Zerstörung der Tschechoslowakei im Frühjahr 1939, die Vertreibung der Sudetendeutschen 1945/46 aus der zweiten Tschechoslowakischen Republik sowie die Flucht ins Nachkriegsdeutschland (in diesem Fall nach Bayern).

Preußlers Vater war Lehrer im böhmischen Reichenberg, zudem ein Kenner der dortigen Literatur. Durch ihn und die Großmutter wurde dem Autor schon als Kind die regionale Sagen- und Märchenwelt vermittelt. Prag fasziniert ihn. Das zeigen die jugendlichen Sonette über die alte Königs- und Kaiserstadt. Unmittelbar nach dem Abitur wird Preußler mit 17 Jahren in die Wehrmacht eingezogen. Seine erste Erzählung aus dem Jahr 1942 (zwei Jahre später publiziert) heißt „Erntelager Geyer“. Gansel nennt sie bündisch geprägt und verteidigt sie gegen den Vorwurf der Nazi-Ideologie.

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Der junge Leutnant und Kompanieführer wird an die rumänische Front abkommandiert. Die Erfahrungen dort hat Preußler während der 1990er Jahre in dem Manuskript „Bessarabischer Sommer“ festgehalten, aus dem Gansel lange Passagen zitiert. Es ist nicht als Ich-Erzählung geschrieben, doch wird mittels eines Alter Ego eigenes Erleben erinnert. Die Front bricht – Stalingrad wiederholt sich – im August 1944 völlig zusammen. Nun beginnt die fünfjährige Kriegsgefangenschaft Preußlers.

Bedrohung durch den Tod

Die Bedrohung durch den Tod hört keineswegs auf. Gansel schildert die Folgen von Unterernährung und sklavischer Ausbeutung in den beiden ersten Jahren der Gefangenschaft. Allmählich verbessern sich Verpflegung und medizinische Betreuung.

Preußler hilft sein literarisches und zeichnerisches Talent. Er darf Wandzeitungen mit Nachrichten und Losungen erstellen, amüsante Schauspiele (teils aus eigener Produktion) aufführen; seine Gedichte (Lebensweisheiten in Reimen) kursieren in Abschriften unter den Mitgefangenen. Preußlers Autobiografie „Verlorene Jahre?“ blieb ein unveröffentlichtes Fragment. Mit den sich aufdrängenden ethischen Problemen als junger Offizier in Hitlers Wehrmacht setzt sich der Autor später in dem 1971 publizierten Roman „Krabat“ auseinander. Im Grundriss des Werks erkennt man den faustischen Teufelspakt. Seine Geliebte hilft dem Schüler Krabat, mit dem „Meister“ der „Schwarzen Schule“ und ihrer Hasslehre zu brechen.

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