Intermezzo. Die Lettin Elena Garanca intoniert „ Folk Songs“ von Luciano Berio. Foto: Stefan Rabold
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Voraufführung des Europakonzerts der Philharmoniker Lettland statt Ukraine

Im Zeichen der Solidarität mit der Ukraine: Kirill Petrenko dirigiert ein für das Europakonzert der Berliner Philharmoniker geändertes Programm.

Standing Ovations von besonderer Bedeutung. Sie beenden die Voraufführung eines Programms, das die Berliner Philharmoniker mit ihrem Chefdirigenten Kirill Petrenko für das Europakonzert am 1. Mai umgestaltet haben. Nach Plan sollte es eigentlich in Odessa stattfinden und mit „Till Eulenspiegels lustigen Streichen“ ausklingen.

Da der Krieg in der Ukraine alles verändert, ist der Auftritt ins lettische Liepaja verlegt worden. Nun aber heißt das Anliegen, Musik zu spielen, die der Idee von Unabhängigkeit und autonomen Rechten eine Stimme gibt. Das Konzert steht im Zeichen der Solidarität mit der Ukraine.

Klage gegen das Völkergefängnis Sowjetunion

Den Anfang macht eine „Musica dolorosa“, die der Lette Peteris Vasks 1983 als Requiem auf den Tod seiner Schwester komponiert hat. Bald wurde das Stück als Klage eines Volkes verstanden, das im „Völkergefängnis Sowjetunion“ (Vasks) lebte. In die Seufzer der Musik ist ein Cellosolo eingelassen, dessen Wesen der Sehnsucht bei Ludwig Quandt andächtigen Klang findet.

Von dem ukrainischen Komponisten Valentin Silvestrov folgt eine „Elegie“ (2002) von eigenem Stil, ein „Musikgedächtnis“ jenseits seiner Zugehörigkeit zur „Kiewer Avantgarde“. Aus Kiew, wo er bis 2022 lebte, ist Silvestrov im März mit Tochter und Enkelin nach Berlin geflohen. Die beiden Werke von Vasks und Silvestrov huldigen dem Streichorchester.

[Das Europakonzert aus Liepaja live am 1. Mai: im Fernsehen um 11 Uhr im Ersten und im Radio auf rbb Kultur]

Als heiteres Intermezzo passen die „Folk Songs“ von Luciano Berio gut dazwischen, weil sie in acht Sprachen eine multi-kulturelle Gesellschaft spiegeln. Mit ihrer wunderbar differenzierenden Gesangskunst feiert die Lettin Elina Garanca Berios emotionale Bindung an das Volkslied. In feinen Soli blüht die Instrumentierung.

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Im ukrainischen Befreiungskrieg gegen Polen spielt Gogols Erzählung um den heroischen Tod eines Kosaken, der sterbend den kommenden Sieg der Seinen sieht. Darauf beruht Janáceks „Taras Bulba“ mit majestätischem Finale nach rasenden Kampfmusiken. In der Ukraine stehen auf Plätzen Denkmäler dieser Figur.

Während sich das Orchester hier noch im Generalprobenmodus befindet, siegt es auf ganzer Linie mit „Finlandia“ von Sibelius. Das Werk entstand, als Zarenherrschaft auf Finnland lastete. Freudige Marschklänge verheißen die bessere Zukunft. In der Philharmonie gelingt den Philharmonikern mit Petrenko eine zündende Interpretation. Von Trauer zum Jubel führt das Programm, das den Wunsch der Völker nach Freiheit und Selbstbestimmung reflektiert.

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