Abstrahiert fotografiert. Fabian Martis Fotogramm von 2011. Foto: © Fabian Marti
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Von Richter bis Fruhtrunk Das Palais Populaire zeigt die ganze Bandbreite abstrakter Kunst

Elke Linda Buchholz

Die neue Schau „Ways of Seeing Abstraction“ vereint 47 Kunstschaffende mit Werken von den 1960er bis heute.

Abstraktion geht immer. Lange vorbei sind die Zeiten, als der Verzicht auf ein gegenständliches Motiv voller Pathos zur Weltsprache der Freiheit erkoren oder im Gegenteil als realitäts- und volksfern verdammt wurde. Die emphatisch ausgetragenen Grabenkämpfe der Kunst sind Geschichte. Wenn Friedhelm Hütte, seit den 1980er Jahren Leiter der Kunstsammlung Deutsche Bank, seine weltweiten Bestände durchforstet, kann er ganz nach persönlichem Gusto mixen.

Genau das gibt er als kuratorisches Konzept der neuen Ausstellung im Palais Populaire aus: die individuelle Sicht auf das offene Kunstwerk. „Ways of Seeing Abstraction“ vereint 47 Kunstschaffende aus zwölf Ländern und vier Kontinenten. Man zeigt sich global. Aber das Gros der ausgewählten Werke, entstanden zwischen 1959 und 2021, stammt letztlich doch aus europäischen Ateliers.

Tausende hauchdünne Filzstiftlinien schichtet der im Iran geborene Nima Nabavi zu schimmernden Farbschleiern, im Duktus hyperpräzise wie Computergrafiken, doch handmade. Die kristallin anmutenden Konstruktionen schreiben die geometrische Tradition islamischer Kunst in die Gegenwart fort.

Die roten Linienbündel von Rana Begum dagegen, auf hauchzartes, vergilbtes Pauspapier gezeichnet, könnten von einem Altmeister des Konstruktivismus aus den 1920ern stammen. Die aus Bangladesh stammende Künstlerin schuf sie 2020. Die Idiome überlagern sich, Kunst wird zitiert, neu interpretiert und fortgeschrieben.

Auf Chronologie oder stilistische Schubladen verzichtet die Schau. Was hier zu sehen ist, soll für sich wirken. Arrivierte und aktuelle Positionen begegnen sich auch auf die Gefahr der Beliebigkeit hin. An den Anfang des Parcours hat Kurator Hütte die farbstarken Gouachen von Wilhelm Müller gehängt. Als einer der ganz wenigen Geometrisch-Abstrakten in der DDR erwies er mit seinen „Variationen über ein Thema von Otto Freundlich“ einem von den Nazis verfolgten Künstler seine Reverenz. Soviel zu den politischen Untertönen des Abstrakten. Hier im oberen Geschoss der zweigeteilten Ausstellung sind die kühlen, geometrischen Spielarten unter sich.

Die Altmeister zitiert und neu interpretiert. Rana Begums hauchzarte Linienbündel auf Pauspapier stammen von 2020. Foto: Begum Studio Vergrößern
Die Altmeister zitiert und neu interpretiert. Rana Begums hauchzarte Linienbündel auf Pauspapier stammen von 2020. © Begum Studio

Die Werke geben klare Kante, lassen Kontraste knallen und monochrome Flächen sich breiten. Und sie schaffen es, sich nie und nimmer zu wiederholen, trotz aller formalen Reduktion. Unverwechselbar: Günter Fruhtrunks plakative Diagonalen, die wuchtig-klaren Gewichtungen des Bildhauers Ulrich Rückriems, hier im Medium der Collage, oder – auch er darf natürlich nicht fehlen – Gerhard Richter. Für die unzähligen Nuancen seiner frühen Farbtafelgrafiken loste er das Mischungsverhältnis der Grundfarben Rot, Gelb und Blau per Zufall aus und ließ maschinell drucken.

Anderen Kunstschaffenden kam handelsübliches Büromaterial gerade recht: Schnöde Computerlochkarten reihte der früh verstorbene Peter Roehl seriell zum Quadrat, während Charlotte Posenenske farbiges Klebeband schön unordentlich und trotzdem fein austariert aufs Blatt bappte: minimalistisches Understatement anno 1965. Ist das schon Objektkunst oder noch reine Abstraktion?

[Palais Populaire, Unter den Linden 5, bis 7. 2.2022; Mit Zeitfensterticket, buchbar auf www.db-palaispopulaire.de]

Das minimalste aller Werke steuerte Karin Sander bei. Sie fügte nichts hinzu, sondern nahm etwas weg. Ihre Mitarbeiter schliffen in geduldiger Präzisionsarbeit ein glattes Quadrat aus der weißen Dispersionswandfarbe eines Raumpfeilers. Ein Hauch von Nichts, in perfekter Geometrie. Als von Sander solch ein „Wandstück“, weit großformatiger, vor Jahren in der Frankfurter Bankzentrale realisiert wurde, sorgte es für Fragen. Wo denn das Kunstwerk sei, wollten die irritierten Adressaten wissen.

Nicht zu übersehen und trotzdem gut für einen Augentäuschereffekt sind die Werke der französisch-kanadischen Künstlerin Kapwani Kiwanga, die derzeit im Münchener Haus der Kunst eine Einzelausstellung hat. Ihre großformatigen Hochglanz-C-Prints mixen Fotoästhetik und abstrakte Farbraumkomposition. Aus Jalousien, Kugellampen und Lichtkanten lässt sie unauslotbare, imaginäre Räume entstehen. Auch andere Künstler*innen frönen dem Abstrakten mit den Mitteln der Fotografie und foppen die Wahrnehmung. Nicht alles, was wie pastose Malmaterie aussieht, muss wirklich mit dem Pinsel aufgebracht sein.

Ein Gemälde setzt sich mit Corona auseinander

Die zweite Hälfte der Schau, im Untergeschoss, gehört den freien, organischen, gestischen und informellen Spielarten. Hier wird gekleckst und wild gepinselt. Aber nicht nur. „Drawing the Garden“ hat der portugiesische Künstler Cabrita sein Großformat aus fließend sich überlagernden Farbschlieren in transparentem Rot, Blau, Grün und Gelb genannt. Mitten darauf prangt ein exaktes, intensiv blaues Quadrat. Es könnte ein Stück pures Himmelsblau sein. Stärker noch als in der geometrischen Ausstellungssektion oben öffnen sich hier die Tore für persönliche Assoziationen und Emotionen.

Wie Inseln mit Vulkanen schwimmen glutrote Formgebilde im sich kräuselnden Meeresblau: Kerstin Brätsch hat dafür mit einem Profi für Marmoriertechnik zusammengearbeitet. Ihre riesige Druckgrafik gleicht einer imaginären Landkarte und ist tatsächlich, nach dem Schema eines Falk-Stadtplans, faltbar. Fast zärtlich blickt Kurator Hütte auf die kleinen, unscheinbaren Arbeiten von Tadaaki Kuwayama. Er erwarb die Serie vor dreißig Jahren in Tokio, wo sie seither die Bankfiliale ziert. Das streng minimale Konzept der Blätter unterlaufen aus der Farbschicht in den Papiergrund durchgesickerte Öle, Eigensinn des Materials.

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Ein stilles Werk des 2000 verstorbenen Lothar Quinte bildet den Schlusspunkt der Ausstellung. Es ist von düsterer Farbigkeit. Wie Vorhänge überlagern sich graue Farbnebel. Aber wird es da im Zentrum nicht heller? Ist nicht sogar ein rötlicher Lichtschimmer erahnbar? Der Kurator will darin ein Sinnbild der Zukunft erkennen, einen hoffnungsvollen Ausblick. Anderen dürfte das Bild eher als Resonanzraum für depressive Stimmungslagen erscheinen.

Die reale Welt ist in den Werken der abstrakten Kunst niemals abgebildet. Aber sie ist darin immer mit enthalten. Und das Gegenwärtige verändert den Blick auf die zu anderen Zeiten geschaffenen Arbeiten. „Corona VII“ heißt ein Werk von Franziska Furter. Sie malte es 2013 mit Tusche auf einen großen Bogen Papier. Es zeigt nichts als ein Kreisen aus schwarzen Schlieren um leere Mitte.

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