Viele Bücherstapel, wenig Besucher. Eine Mitarbeiterin der Frankfurter Buchmesse an einem Verlagsstand in der Festhalle. Foto: Arne Dedert/dpa
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Von „Mask-have“ bis „Lockdowner “ Corona hat auch unsere Sprache verändert

Klaus Brinkbäumer

Wir haben uns an viele neue Wörter gewöhnt. An eine digitale Frankfurter Buchmesse will sich unser Autor aber nicht gewöhnen müssen. Die Kolumne Spiegelstrich.

Klaus Brinkbäumer war zuletzt Chefredakteur des „Spiegel“ und arbeitet heute als Autor unter anderem für „Die Zeit“. Sie erreichen ihn unter Klaus.Brinkbaeumer@extern.tagesspiegel.de oder auf Twitter unter @Brinkbaeumer. In seiner wöchentlichen Kolumne „Spiegelstrich“ betrachtet er das Verhältnis von Sprache und Politik.

Dass die Menschen fehlten, fiel sofort auf. 25 Minuten lang wartete ich, da ich 25 Minuten zu früh angekommen war, vor dem Haupteingang der Frankfurter Buchmesse auf den Kollegen Stephan Lamby, und während dieser 25 Minuten ging niemand an mir vorbei, hinein in die Hallen. Rote Fahnen flatterten im Wind wie in einem verlassenen Hafen im Spätherbst. Donnerstag. Messetag. Niemand da. 302.267 Menschen kamen 2919 zur Buchmesse. Diesmal: 400? 200? 75?

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Menschen gewöhnen sich an vieles, wissen, dass Gewohnheit tröstet. Auch Trauer kommt in Wellen, wie Joan Didion schrieb, doch Wellen werden kleiner, irgendwann. Erwachsen zu sein heißt ja, nicht nur ein Gefühl zu erleben, sondern viele Gefühle zugleich: Leid und Glück, Mut und Verzagtheit.

Seit neun Monaten leben wir nun mit Corona. Gewohnheit kann zu Müdigkeit werden: Das 30-sekündige Händewaschen hatte ich zuletzt abgekürzt, nun, angesichts der Zahlen, wieder nicht mehr. Abstand zu halten, Maske zu tragen fiel und fällt nicht schwer; und über den einstmals, als Chef, geachteten Stefan Aust und diese zwei Sätze, die bleiben werden („Die Maske muss der Maske wegen getragen werden. Als Symbol für Gehorsam den Maßnahmen der Regierenden gegenüber.“), musste ich lachen, leider.

Wie ein Kriegsgebiet am Tag danach

Es wäre so einfach. Wenn denn alle eigenverantwortlich und solidarisch handelten, müsste jener Überschutz, über den der Philosoph Julian Nida-Rümelin klagt, nicht sein. Freiheit sollte nicht die Freiheit sein müssen, von Dummköpfen infiziert werden zu dürfen.

Und erst jetzt und hier, im Oktober in Frankfurt, wird mir klar, wie viel seit Monaten fehlt. Die Nähe. Die Begegnungen, mit denen wir nicht rechnen, jene auch, die wir oder das Gegenüber herbeiführen. Die Buchmesse 2020 fühlt sich wie ein Kriegsgebiet am Tag danach an. Der Ort steht noch, alle Hallen, Verlage, Hotelbars, doch keiner da. Die Stätte der Gespräche: ohne Gespräche.

Tagesspiegel-Kolumnist Klaus Brinkbäumer. Foto: Tobias Everke Vergrößern
Tagesspiegel-Kolumnist Klaus Brinkbäumer. © Tobias Everke

[Klaus Brinkbäumers Buch „Im Wahn – Die amerikanische Katastrophe" (zusammen mit Stephan Lamby) erscheint bei C.H. Beck. Der Dokumentarfilm „Im Wahn“ läuft am 26.10. um 22.50 Uhr in der ARD.]

Und wenn wir denn sprechen, sprechen wir anders. A-Z, 2020: „Abstandshochzeit“, „Beherbergungsverbot“, „Coronasex“, „Dauerwelle“, „Ellbogen“- und „Fußgruß“, „Geistermeister“, „Herdenimmunität“, „Infektionscluster“, „Kontaktnachverfolgungsapp“, „Lockdowner“, „Mask-have“, „neue Normalität“, „postcoronal“, „Quarantini“, „R-Wert-Ampel“, „Superspreaderevent“, „Virushotspot“, „Wohnzimmeryoga“, „Zoombombing“.

Ich laufe durch Frankfurt, muss auf die Bühne, ARD-Buchmessennacht. Vor mir redet Elke Heidenreich, ist aber nicht hier, sagt virtuell, dass sie keine Kapuzenpullis mag. Nach mir redet Jan Böhmermann, ist aber nicht hier, spricht virtuell und twittert, dass ich ja einen grauen Anzug und „KEINE Krawatte“ getragen und damit Heidenreichs „Kapuzenpulloverhate“ abgefedert hätte.

Demokratiefeier in der Paulskirche

Ist dies Kommunikation, Nähe? Am Sonntag der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels für Amartya Sen. Ich bin Mitglied jenes Stiftungsrats, der Sen gewählt hat, und die Preisverleihung soll Fest des freien Denkens sein, Demokratiefeier in der Paulskirche.

Der Bundespräsident ist nicht da, sondern in Berlin in Quarantäne, der Schauspieler Burghart Klaußner gibt einen lodernden Steinmeier.

Amartya Sen ist auch nicht da, sagt virtuell: „Bücher zu lesen – und über sie zu sprechen – kann uns unterhalten, amüsieren, aufregen und unser Interesse für alle möglichen Dinge wecken. Bücher helfen uns auch, miteinander zu streiten.“ Der Preisträger ist 86 Jahre alt, Inder in Harvard, eine transatlantische Reise wäre nicht zu verantworten gewesen.

Ich sehe und höre ihn in Hamburg. Ich konnte mich nicht an das neue Frankfurt gewöhnen, Buchmesse auch ohne Bücher, denn Bücher würden angefasst und müssten danach desinfiziert werden.

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