Stephan Hermlin. Foto: Waltraud_Grubitzsch/dpa
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Von Hermlin bis Gründgens Die Domizile großer Schriftsteller

Peter von Becker

In der Kolumne Fundstücke geht es dieses Mal um die Heimatorte von Schriftstellern und ihre literarische Verarbeitung.

Peter von Becker schreibt an dieser Stelle regelmäßig über literarische Trouvaillen. Nächste Woche:  Gerrit Bartels über den Literaturbetrieb.

Die Ferienzeit ist in diesem Jahr eher selten die Fernreisezeit. So reüssieren gerade in und um Berlin die Ausflüge in die nähere Umgebung oder Erkundungen innerhalb der Stadt. Es nehmen auch die „Geheimtipps“ zu – wenn in der Brandenburger Provinz (vulgo: Pampa) plötzlich ein sandiger oder noch kopfsteingepflasterter Weg von der Bundesstraße abzweigt und wie unverhofft zu einem gerade restaurierten Landschlösschen führt.

Mit eben noch stillem Park, in dem etwa wegen einer modernen Skulpturenausstellung sich zwischen Wiesen und Bäumen sowie im angrenzendem Gastgarten die Großstädter in verwunderten Scharen begegnen.

Flaneure im Geiste Fontanes, Tucholskys, Franz Hessels, die uns mit ihren Beschreibungen zu solchen Orten im Märkischen wie im Städtischen verführen, gibt es nicht eben zuhauf, doch immer mal wieder. Und einer ist der Berliner Dramaturg, Übersetzer, Biograf und Geistesgelehrte Klaus Völker.

Der zuletzt langjährige Rektor der Ernst-Busch-Theaterschule hat neben seinen umfänglicheren Büchern über Brecht, Boris Vian, Sean O’Casey, Max Hermann-Neiße, Fritz Kortner oder die Schauspielerin Elisabeth Bergner auch drei schmale Broschuren verfasst, die sich jeweils Dichtern und Künstlern in und mit ihren Wohnhäusern widmen.

Bilder deutscher Kultur- und Zeitgeschichte

So sind in der Reihe „Frankfurter Buntbücher“ seit 2008 von Klaus Völker erschienen: „Mephistos Landhaus. Klabund (1926) und Gründgens (1934-1946) in Zeesen“; dann „Johannes Bobrowski in Friedrichshagen 1949- 1965“ und in diesem Jahr „Stephan Hermlin in Berlin-Niederschönhausen (1947-1997)“ (alle in der Schriftenreihe des Kleist-Museums Frankfurt/Oder, zwischen 24 und 32 Seiten, 8 Euro).

Die mit oft seltenen Fotos, Karten und Faksimiles schön illustrierten, hochformatigen „Buntbücher“ bieten in Völkers überaus kenntnisreicher Manier neben der kurzgefassten Lebensgeschichte der Hausbesitzer und ihrer Mitbewohner Einblicke nicht nur in die benannten Orte.

Es entsteht jedes Mal auch ein pointiertes, biografisch fokussiertes Bild deutscher Kultur- und Zeithistorie. Wobei die Domizile der Poeten Johannes Bobrowski und Stephan Hermlin zumindest von außen jederzeit und das von einer Enkelin und ihrem Mann erworbene und sanierte Bobrowski-Haus nach Voranmeldung auch mit Blick in das ehemalige Arbeits- und Bibliothekszimmer noch zu besichtigen sind.

Mahnung und Memento

Zuvor hatten Gerhard Wolf und der Fotograf Roger Melis die „Beschreibung eines Zimmers“ für ihren Dichterfreund bereits in einem gleichnamigen Bändchen verewigt (Neuauflage Verlag Das Arsenal, Berlin 1993, 176 S., 14, 90 €).

Dagegen steht das einst von Gustaf Gründgens und seiner Frau Marianne Hoppe während der Nazizeit von dem emigrierten jüdischen Bankier Ernst Goldschmidt erworbene kleine Barockschloss am Zeesener See bis heute da: wie entzaubert, verwildert, verflucht.

Die Umstände und der Preis des 1934 von einem Rechtsanwalt namens Gert Voss (sic!) für den frisch ernannten Berliner Staatsintendanten Gründgens verhandelten Kaufs wurden wohl nie geklärt. Und das vom preußischen Hofarchitekten Danckelmann 1690 nahe Königs Wusterhausen erbaute und später aufgestockte ehemalige Herrenhaus war schon zu DDR-Zeiten verkommen.

Aber auch nach der Restitution an Erben der Familie Goldschmidt droht es hinter einem überwucherten Sperrzaun nun immer weiter zu verfallen. Völkers Bändchen bedeutet so Mahnung und Memento.

Hermlin war ein schillernder Freigeist

Ein Wurf ist das jüngste „Buntbuch“ über Stephan Hermlin. Den als Rudolf Leder geborenen Schriftsteller, der als Jude und junger Kommunist über abenteuerliche Stationen der Emigration in Frankreich und der Schweiz nach 1945 erst nach Frankfurt/Main und dann nach Ost-Berlin zurückgekehrt war, hat Völker seit 1960 näher gekannt.

Zwischen linken Idealen, rotem „DDR-Adel“, langjähriger Nähe zu Honecker und dennoch kritischer Courage (etwa nach der Biermann-Ausbürgerung) war Hermlin ein schillernden Feingeist. Mit viel Sympathie porträtiert ihn Völker nun vor allem als Freigeist. Auch das ein Denk-Mal.

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