Revolutionäre Stimmung. Szene aus Armin Petras’ Inszenierung „Dantons Tod“ am Düsseldorfer Schauspielhaus. Foto: Thomas Aurin
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Vom Klassenfeind zur „Cancel Culture“ „Wokeness“ gab es auch in der DDR – sie hieß nur anders

Der Streit um Identitätspolitik und kulturelle Aneignung kocht an deutschen Theatern hoch. Gerade Ostler erkennen hier Muster aus der DDR wieder. Ein Essay.

Beispielhaft ist zuletzt das Schauspielhaus Düsseldorf in die Schlagzeilen geraten. Der schwarze Schauspieler Ron Iyamu hatte öffentlich gemacht, während Proben vom Regisseur mehrmals „Sklave!“ gerufen worden zu sein. Das Stück war Büchners „Dantons Tod“, der Regisseur Armin Petras. Premiere war im Herbst 2019, es war die erste Rolle für den jungen Schauspieler als Ensemblemitglied am Schauspielhaus Düsseldorf.

Die Bühne hatte schon einmal großen Ärger mit „Dantons Tod“. Das war bei ihrer Eröffnung 1970. Damals standen erzürnte Studenten draußen und kündigten mit zeittypischer Verve an, diesen viel zu teuren miesen Lügentempel, das ganze bürgerliche Theater, schleifen zu wollen. Ausgerechnet bei „Dantons Tod“, dieser zeitlos gültigen Parabel auf Revolution und Tugendterror: Robespierre schickt seinen Kampfgefährten Danton dorthin, wo sie alle landen, die einmal im Chor „Freiheit! Gleichheit! Brüderlichkeit!“ riefen – auf die Guillotine.

Aber „Sklave“? Es gibt gar keinen Sklaven bei Büchner. Das historische Gewissen des Regisseurs Petras hat die Rolle erfunden. Er hat der Französischen Revolution ihre fast vergessene lateinamerikanische Schwester, die haitianische Revolution, an die Seite gestellt.

Vollständig hätte der Regisseur rufen müssen: „Freigelassener Sklave Toussaint Louverture, Führer der haitianischen Revolution, dein Einsatz!“ Aber was machen Regisseure auf Proben? Die brüllen sogar die Königin von Schottland an: „Los Stuart, komm aus’m Arsch!“ Es war der Rollenname, der Einsatz-Ruf, was sonst?

In Iyamus Fall schlugen die medialen Wellen hoch. Als Ron Iyamu dem Regisseur erklärte, dass er so nicht auf seinen Einsatz hingewiesen werden möchte, verstand Petras augenblicklich und hat es nie wieder getan. Denn natürlich kann und muss man auf besondere Empfindlichkeiten, besondere Hintergründe Rücksicht nehmen. Doch Rassismus? Wenn einer das Gegenteil eines Rassisten ist, dann Petras, sagen Kollegen.

Rassismus als Zuschreibung unausweichlicher Eigenschaften

Claude Lévi-Strauss definierte 1971 in einer Rede vor der Unesco den Rassismus so: Er sei „eine Lehre, die behauptet, in den geistigen und moralischen Eigenschaften, die einer wie auch immer definierten Gruppe von Individuen zugeschrieben werden, die unausweichliche Wirkung eines gemeinsamen genetischen Erbes zu erkennen.“ Aus heutiger Sicht müsste man wohl fragen: Wie kommt ausgerechnet ein alter weißer Mann dazu zu sagen, was Rassismus ist? Weil er Ethnologe war? Weil er die „Traurigen Tropen“ geschrieben hat?

Nun ließe sich das ganze Problem so leicht lösen, gerade am Theater: Warum um Himmels willen muss ausgerechnet ein Schwarzer einen (freigelassenen) Sklaven spielen? Gebt die Rolle einem anderen. Das Wesen des Theaters ist Vertretung. Der auf der Bühne steht, ist grundsätzlich nicht der, den er darstellt. Und Robespierre war in „Dantons Tod“ schließlich auch eine Frau. Hat der Regisseur etwa gedacht, Frau und Tugendterror, das passt doch hervorragend? Dann käme zum Vorwurf des Rassismus auch noch der des Sexismus.

Kulturelle Aneignung als höchstes Vergehen

Egal wie, zu den wunderbaren Dingen am Theater, mehr noch als beim Film, gehört diese Möglichkeit des Rollentauschs. Doch in dem Fall eben nicht. Eine Aporie im öffentlichen Raum ist das Blackfacing. Man darf es auch Tabu nennen. Kein Weißer schminke sein Gesicht schwarz! Ohne die fürwahr rassistische Tradition der amerikanischen Minstrel-Shows wäre es kaum verständlich.

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Inzwischen gibt es auch noch das Yellowfacing-Tabu sowie das Redfacing-Tabu, dabei ist die Moderne eine gesellschaftliche Verfasstheit, die fast alles akzeptiert, nur eines absolut nicht: das Tabu. Auch widerspricht es dem Wesen des Theaters, und es ist nicht allein. Zum Tabu des Blackfacing tritt auch noch das der kulturellen Aneignung. Kein Weißer spiele überhaupt einen Nicht-Weißen!

Kulturelle Aneignung ist im Weltbild der Identitätspolitik das größtmögliche Vergehen. Hier liegt auch der Ursprung der scheinbar jungen Kulturtechnik der cancel culture. Schon wurde die Forderung laut, Rollen wie Shakespeares Othello nur noch mit People of Color zu besetzen, wenn man diese illegitime Fantasie eines Weißen über die Gemütsverfassung eines schwarzen Mannes überhaupt noch spielen dürfe.

Ostler kennen diese Muster

Nachfahren der Ureinwohner Amerikas plädieren schon seit längerem für die Absetzung der Karl-May-Spiele. May sei der Gipfel fataler kultureller Aneignung. Dabei war May der Antikolonialist unter lauter Kolonialisten. Puccinis „Madame Butterfly“ müsse auch weg. Das hier vermittelte Bild der asiatischen Frau sei ganz und gar unhaltbar.

Das Publikum könnte nun darum bitten, man möge ihm doch auch weiterhin eine der schönsten Arien der Operngeschichte zumuten. Umso schlimmer, müsste die Identitätspolitik wohl antworten. Schönheit? Schönheit ist immer verdächtig. Nur Leute mit dem falschen Klassenstandpunkt – heute mit der falschen Identität – reden von Schönheit.

Deutsche mit migrationslosem Migrationshintergrund, Ostler also – sie kamen in ein neues Land, ohne das eigene zuvor verlassen zu haben – erkennen allzu vertraute Muster. Die Arbeiterklasse prägte neben dem Nationalismus des 19. Jahrhunderts wohl die Urform der Identitätspolitik. Der Opferstatus ist in jeder Identitätspolitik entscheidend.

Der der Arbeiterklasse war makellos: Sie hatte die industrielle Revolution mit ihrem Blut bezahlt, ihre Führung sagte später mit gespenstischer Exaktheit voraus, was geschehen würde, wenn die Deutschen Hitler wählen. Der privilegierte Zugang zur Wahrheit war gut befestigt. Von hier aus ließ sich jede kritische Position zum Standpunkt des Klassenfeindes erklären ohne legitime Möglichkeit des Einspruchs. Das macht die Wokeness.

Wir waren begierig auf kulturelle Aneignung

Was heute Wokeness heißt, hieß gestern revolutionäre Wachsamkeit. Du bist umgeben von einer Welt von Feinden. Erkenne sie! Menschen, die sich selbst absolut nicht für Rassisten halten, sollen trotzdem welche sein. In der DDR lautete die Unterscheidung subjektiver und objektiver Konterrevolutionär. Aneignen durfte man sich in der DDR im Grunde nur die eigene Kultur, also die der Ausgebeuteten und Unterdrückten. Der Rest fiel unter cancel culture.

Vorwitzige kamen auf die Idee, Vorläuferstandpunkte der Arbeiterklasse auch in latent feindlichen, etwa bürgerlichen Strömungen zu erkennen. Auf diese Art wurde der kulturelle Kanon der DDR immer breiter. Ja, wir waren begierig nach kultureller Aneignung. Auf die Idee, dass man sie aus freien Stücken, ohne Zwang einmal zum Tabu erklären würde, wären wir nie gekommen.

Die freie Öffentlichkeit des Westens war für viele Ostler der größte Gewinn nach 1990, die plötzlich gleichberechtigten Wahrheitsansprüche, der nicht limitierte, nicht moralisch zensierte Diskurs. Nein, wir möchten die DDR nicht zurück. Nicht ihre Verdachtskultur, nicht ihre Wächterkaste samt der Verdikte über falsche kulturelle Aneignung. Theater ist immer kulturelle Aneignung, denn es bedeutet, sich Fremdes vertraut zu machen.

Das Christentum ist kulturelle Aneignung par excellence

Kulturelle Aneignung ist das Wesen unserer Gattung. Das betrifft nicht nur Stücke, die man sehen oder nicht sehen kann, es betrifft alles, sogar unsere Götter. Nehmen wir nur die des Theaters. Die Griechen haben das Theater erfunden, sein Schutzgott war Dionysos. Ein liederlicher Gott, völlig ungriechisch, mitsamt seinem unmöglichen Kultus erst aus dem Osten zugewandert. Ein göttlicher Migrant. Auch die Muse hat einen Migrationshintergrund. Am Anfang war sie nur eine einzige, gar die Bürgin der sittlichen Verfassung eines ganzen nichtgriechischen Staatswesens. Götterwanderung überall.

Oder nehmen wir das Christentum! Was für eine kulturelle Aneignung. Ein kleiner orientalischer Erlösungsglaube wurde zum Erzieher eines fremden Erdteils, der dafür seine eingeborenen Götter verlor. Nun gut, nicht er allein. Eine große Erzieherin trat an seine Seite: die Aufklärung. Nach Kant ist sie „der Ausgang der Menschheit aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit.“

Was man den „Rassismus“ bei Immanuel Kant genannt hat, ist primär seine Annahme, die verschiedenen Menschengruppen hätten je nach Stand ihrer gesellschaftlichen Entwicklung eine unterschiedliche Empfänglichkeit für solcherart Austritte. Die Nachricht vom großen Sklavenaufstand auf Haiti 1791 – er schrieb gerade „Zum ewigen Frieden“ – ließ den Alten in Königsberg aufmerken. Die Sklaven machen mitten in der Karibik die Ideen der Französischen Revolution zu den ihren?

Neu war nicht die Nachricht, dass Sklaven Aufstände beginnen. Neu war etwas anderes: Bisher hielten die freigelassenen Sklaven von Saint Domingue, wie Haiti damals hieß, umgehend selber wieder Sklaven. Neu, revolutionär war die Einsicht: Es soll gar keine Sklaven mehr geben! Ein klarer Fall von großartiger kultureller Aneignung.

Moralische Reinheit als höchster Wert

Petras hatte in Georg Büchners „Dantons Tod“ den eurozentristischen Blick geweitet und der Französischen Revolution gleichsam ihre karibische Schwester zur Seite gestellt. Ihr Resultat war immerhin den erste unabhängige Staat Lateinamerikas.

Das Verdikt über „kulturelle Aneignung“ ist achtenswert als Autonomie- und Unberührbarkeitserklärung unterdrückter Traditionen, aber letztlich wie alle Verdikte unfruchtbar, um das Mindeste zu sagen. Es kann Geschichte nicht denken. Es müsste das Ethno-Theater zum allein möglichen Theater erklären.

Der Rassismus ging aus von einem gemeinsamen, unveränderlichen Wesenskern der Andersfarbigen. Ironisch genug kommt das Konzept der „kulturellen Aneignung“ genau da wieder an. Und vielleicht sollten Robespierres Brüder und Schwestern im Geiste von heute einmal wieder „Dantons Tod“ sehen, denn sie teilen mit dem obersten Revolutionswächter dasselbe Ideal: das der moralischen Reinheit als höchstem Wert.

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