Szene aus „Coming Society“. Foto: Julian Röder
© Julian Röder

Volksbühne: "Coming Society" von Susanne Kennedy Und ewig kreist die Drehbühne

Wenn Avatare mit sich selbst reden: Susanne Kennedy inszeniert „Coming Society“ an der Volksbühne.

„Es ist unmöglich zu sagen, wie lange ein unendliches Spiel gespielt wurde“, säuselt die Lautsprecherstimme. Das stimmt natürlich. Es ist allerdings möglich zu sagen, wie lange der Abend „Coming Society“ von Susanne Kennedy und Markus Selg in der Volksbühne gedauert hat. 75 Minuten. Aber wie es so ist mit der Zeit, dieser rätselhaften Schöpferin und Vernichterin allen Lebens: auch vergleichsweise überschaubare Spannen können sich anfühlen wie eine Ewigkeit. Vor allem, wenn man auf einen Plapper-Parcours ohne Ziel geschickt wird. Aber der Reihe nach.

Regisseurin Kennedy, deren Arbeiten sich seit je an der berühmten Schnittstelle von Performance und Bildender Kunst bewegen, hegt ein gewisses Misstrauen gegenüber dem konventionellen Theater. So weit, so nachvollziehbar. Sie lässt die Schauspieler beispielsweise gern Masken tragen und ihre Stimmen als Voice-Over vom Band kommen, was erstens das nervige Streben nach Virtuosentum aushebelt und zweitens schon zu ästhetisch verblüffenden Ergebnissen geführt hat. Wie im Falle ihrer Inszenierungen „Fegefeuer in Ingolstadt“ (2013) oder „Warum läuft Herr R. Amok?“ (2014), die jeweils zum Theatertreffen eingeladen wurden. Zuletzt allerdings sind Kennedys planvolle Betriebs-Irritationen immer erratischer geraten. Siehe „Women in Trouble“, noch unter Chris Dercon ebenfalls an der Volksbühne entstanden. Eine Seifenopern-Installation aus der Krebsklinik war das, in der es um Tod und Wiedergeburt, virtuelle Realitäten und Avatare, Oberflächen-Sucht und verlorenen Sinn ging. Kurzgefasst: um alles und nichts.

Turnschuhe mit Zehen-Sichtfenster

Gleiches gilt jetzt für „Coming Society“. Nach kurzer Lecture aus dem Off – wiederum über Avatare – wird das Publikum aufgefordert, durch ein leuchtendes Tor die bedächtig vor sich hin kreisende Bühne zu betreten. Die hat der Berliner Künstler Markus Selg gestaltet, der gern archaische Mythen mit avancierter Technik verlinkt. So flimmert, zum Beispiel, neben dem Bild eines Menschenopfers aus Maya-Zeiten eine Waldlandschaft mit Schaltkreismuster über den digitalen Screen. Es gibt Pyramiden und ein „inneres Tor“, also einen Kreisbau mit Wirbelsäulen-Tapete und anderen Mustern, die aussehen wie psychedelisch Erbrochenes. Ein paar wenig beschäftigte Schauspieler sind auch über diese verteilt, darunter Suzan Boogaerdt, Bianca van der Schoot, Kate Strong oder Thomas Wodianka. Die tragen teils quietschebunte Leggings und Turnschuhe mit Zehen- Sichtfenster (Zukunftsmode?), wandern mit entrücktem Gesichtsausdruck zwischen den Zuschauern umher, und manchmal raunen sie einem auch Zitatfetzen aus nächster Nähe ins Ohr: „Denn alle Lust will Ewigkeit…“

Nietzsche also. Die philosophische Richtung des Abends ist aber eher der Solipsismus, die Annahme, dass außer dem eigenen Ich möglicherweise gar nichts existiert. Wohl deshalb wirkt „Coming Society“ wie ein Selbstgespräch. Bedeutungsschwere Sätze werden in diese theatrale Wellness-Landschaft für Existenzialismus-Touristen geblasen, von Donna Haraway, Joseph Campbell, aus der Fernsehserie „The Bold and the Beautiful“ oder von „Airbnb Experiences“. Ein Mitteilungsbedürfnis hat „Coming Society“ nicht. Um welche künftige Gemeinschaft es hier gehen soll, bleibt Kennedys Geheimnis. „Choose your last words, we are going to die“, englischt es einmal aus den Lautsprechern, zu denen die Schauspieler den Mund bewegen: „Wähle deine letzten Worte, wir werden sterben. Eine plausibel klingende Ansage, weil man sich ja bekanntlich zu Tode langweilen kann. Und ewig kreiselt die Drehbühne.

Vielleicht ist die Volksbühne ja nur eine Illusion?

Kennedy erinnert ein bisschen an den amerikanischen Regisseur Darren Aronofsky, der nach einigen Erfolgsproduktionen sein Publikum mit der „The Fountain“ verstörte – einer mystisch raunenden Jungbrunnen-Geschichte, in der sich allerlei Religiöses und Esoterisches zum lavendelduftenden filmischen Schaumbad mischte. Als „rite de passage“ kündigt die Volksbühne „Coming Society“ an. Man werde in eine Sphäre geführt, heißt es, in der sich „Natur, Technologie und Spiritualität verbinden“. Kann schon sein. Nur verhalten sich Kunst und Spiritualität leider in den meisten Fällen zueinander wie die Lümmel aus der letzten Bank – man muss sie schön getrennt halten, sonst kommt nur Unfug dabei raus. „Ist es möglich, dass wir nicht real sind und es nicht einmal wissen?“, lautet noch so eine Sinnfrage des Abends. Wer weiß! Es kann ja auch sein, dass die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz nur eine Illusion ist. Oder dass Susanne Kennedy gar kein Theater macht.

wieder am 26. und 27. Januar, weitere Termine im Februar

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