Als wärs ein Stück von ihm. Das Grips und sein Gründervater Volker Ludwig (rechts). Jetzt leitet Philipp Harpain (links) das Haus. Foto: david baltzer / bildbuehne.de
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Volker Ludwig zum Grips-Jubiläum „Wir sind Volkstheater“

Linke Erfolgsgeschichte, Berliner Schlager, Traditionsbühne: Das Grips feiert 50. Geburtstag. Gründer Volker Ludwig über das Schreiben für Kleine und Große.

Am 17. Mai 1969 wurde im Reichskabarett Berlin „Stokkerlok und Millipilli“ uraufgeführt, ein Stück von Rainer Hachfeld und Volker Ludwig mit Musik von Birger Heymann. Vor 50 Jahren also: Das Ur-Grips war geboren. Fünf Jahre später zog das Theater an den Hansaplatz, wo es heute noch zu Hause ist. Hier kam auch die berühmte „Linie 1“ aufs Gleis. Das Grips Theater ist eine Berliner Institution und hat Generationen von Zuschauern und Schauspielern geprägt mit seiner direkten, zupackenden Art, auf die Probleme der Menschen zuzugehen und an ihr Herz. Volker Ludwig, geboren 1937, begann als Kabarettist, schrieb u. a. für Wolfgang Neuss und später auch Schlager. Er hat das Grips Theater aus der Taufe gehoben und über Jahrzehnte geführt. 2017 gelang es ihm, sich aus der Theaterleitung zurückzuziehen und das Grips an Philipp Harpain zu übergeben. Als Autor bleibt er dem Haus erhalten.

Herr Ludwig, das Grips Theater hat die Theaterwelt verändert, auch international. Sie haben Maßstäbe gesetzt. Wie fangen Sie ein Theaterstück an?

Das ist ganz unterschiedlich. Manchmal war ich auch einfach dazu verdammt, über den Sommer ein Stück für die Jüngsten zu schreiben, weil dazu sonst keiner Lust hatte.

Zum Beispiel?

„Max und Milli“, das erfolgreichste unserer Kinderstücke überhaupt. Da saß ich eines Sommers in Griechenland und wusste: Jetzt muss’te! Für die ganz Kleinen zu schreiben ist am schwersten, du weißt nie genau, was verstanden wird. Also habe ich überlegt, was die meisten Kinder kennen. Die erste Idee: Ein Kind soll ins Bett gehen und will nicht. 90 Prozent aller Kinder kennen das. Das habe ich zu einer Szene von 10 Minuten ausgeweitet. Die zweite Idee: Die kleine Schwester ist mutiger und frecher als der größere Bruder. Daraus ist die zweite Szene entstanden, die Schwester kommt nach Hause. Und die dritte Idee: Diese beiden bürgerlichen Kinder kommen auf den Spielplatz, und da ist einer mit einer Spielzeugpistole, der sie bedroht.

Steht es dem Schreiben für Kinder und Jugendliche im Weg, wenn man das volle dramaturgische Erwachsenenprogramm im Kopf hat?

Ich schreibe eben gern Szenen mit Schlusspointe, was nicht jeder schätzt. Kinder meistens schon. Wenn ich weiß, dass ich für kleine Kinder schreiben muss, dann laufe ich durch die Stadt, hör mich um oder hole auch Erinnerungen aus meiner Kindheit hoch.

Und das lässt sich übertragen?

Die „Mugnog-Kinder!“, die jetzt aktuell wieder in Griechenland gespielt werden, sind ein Beispiel. Mein Bruder Rainer und ich haben als Kinder Gegenstände mit neuen Namen benannt und sie beseelt, sozusagen. Mugnog, das ist eine kleine Holzkiste. Die Erwachsenen kriegen Angst, weil die Kinder immer von ihr reden wie von einem Menschen: Der Mugnog hat aber gesagt, man darf nur ins Bett gehen, wenn man müde ist.

Wo sonst haben Sie aus der eigenen Biografie geschöpft?

Am Ende schreibt man doch immer über sich selbst. Dieser schüchterne ältere Junge in „Max und Milli“, das bin natürlich ich. Das jüngere Kind, die Schwester, das war mein Bruder. Manchmal abstrahiert man das ein bisschen, aber es kommt aus einem selbst.

Auch bei den Songs, für die das Grips Theater ja berühmt ist?

Das ist Handwerk. In meinem Fall beim Schlager richtig gelernt. Ich hab ja vor Urzeiten für Gitte, René Kollo oder Harald Juhnke echte Schlager geschrieben. Günter Noris, der Komponist und Bandleader, mit dem ich befreundet war, kam mal mit einem Auftrag zu mir: sechs Schlager für den WDR. Ich dachte, grässlich, furchtbar, aber er sagte: Nein, du musst Schlager schreiben, wie ein Schuster einen Schuh macht. Mit Geschmack hat das nichts zu tun. Kannste gut und schlecht machen, muss genau passen. Wenn man die erste Zeile hört, muss man wissen, wie die vierte endet. Da darf auch nichts Kompliziertes rein. So hab ich Schlager schreiben gelernt. Der eine hieß „Ohne Dich“, der andere „Nur mit Dir“, der dritte „Du allein“.

Der Schlager und das Kindertheater, die werden oft nicht ernst genommen. Haben Sie vom Schlagerschreiben etwas für die Kinderstücke mitnehmen können?

Der Ausgangspunkt vom Grips war ja, den Kindern Mut zu machen, ihr Selbstbewusstsein zu stärken, was damals notwendig war. Daraus entstanden eben diese Mutmach-Lieder. „Trau dich“, „Man muss sich nur wehren“, „Doof gebor’n ist keiner“, „Wir werden immer größer“, „Wir sind Kinder einer Erde“. Wenn man die Hauptzeile hat, ist das schon die halbe Miete.

Ihr seid die großen Optimisten, das ist dem Grips auch vorgeworfen worden. Die Geburt des Theaters also aus Mut- und Muntermach-Liedern?

Im Grunde hat sich das nie geändert. Das Mädchen aus dem ersten Stück überhaupt, „Stokkerlok und Millipilli“ hat durchaus eine Verwandtschaft mit der Inge aus „Ab heute heißt du Sara“. Oder mit dem Mädchen aus „Linie 1“. Das sind alles, auf ganz unterschiedliche Art natürlich, Überlebensstücke. Kinder trotzen ihrer Ohnmacht mit Witz und mithilfe von Solidarität. Das sind die beiden Hauptmethoden.

Das ist der Grips-Stil, in Kürze.

Das Grips hat keinen neuen Kunststil erfunden, es ist eigentlich Volkstheater, vermischt mit dem Formenreichtum des Kabaretts der 20er und 60er Jahre. Aber es hat eine neue Methode erfunden. Und zwar, die Probleme und Nöte seines Publikums, des Berliner Kinderpublikums, genau zu kennen und sich zu eigen zu machen. Es sind ja auch oft unsere eigenen Probleme. Daraus entstehen Stücke mit Wirkung, die die Wirklichkeit zeigen, wie sie ist, aber auch, wie sie sein könnte.

Szene aus "Eine linke Geschichte". Foto: david baltzer Vergrößern
Szene aus "Eine linke Geschichte". © david baltzer

Stücke wie die „Linie 1“ oder „Eine linke Geschichte“ zielen auf ein älteres Publikum. Wie funktioniert das?

„Eine linke Geschichte“ war ein Ausnahmefall. Detlef Michel und ich wollten nach 15 Jahren endlich wieder Kabarett machen. Aber wir kamen einfach nicht dazu, weil wir erst mal für uns diese ganze Zwischenzeit aufarbeiten mussten. So schrieben wir dieses Stück. Das ist wirklich unsere eigene Geschichte. In der Premiere saßen dann die sehr verfeindeten Veteranen, die MLer, die Revis, die Spontis und die, die zur SPD rübergemacht hatten, erstmals wieder beisammen, und sahen ihre Geschichte aus einer ironischen Distanz. Ich war übrigens froh, wieder mit Ironie arbeiten zu können, die funktioniert ja bei Kindern nicht. Sprachwitz ja, aber nicht Ironie.

Hat der Welterfolg von „Linie 1“, uraufgeführt 1986, das Stückeschreiben beeinflusst?

Das war furchtbar, bei allem, was danach geschrieben wurde, hieß es erst mal: „Linie 1“ ist besser. Das ist auch einer der Gründe, warum wir danach „Ab heute heißt du Sara“ geschrieben haben – das kann nun wirklich keiner mit „Linie 1“ vergleichen.

Sie sagten mal, das Selbstbewusstsein der Kinder sei heute ein anderes.

Sie sind nicht mehr unterdrückt wie damals, Ende der Sechzigerjahre. Für uns waren die Kinder eine unterdrückte Klasse, wir haben uns tapfer und stolz an die Seite dieser Unterdrückten gestellt, das haben die Kinder auch sofort gespürt. Aber deren Probleme von damals, dass sie die Klappe zu halten haben und Dresche kriegen und keine Rechte haben, das sind nicht mehr die Probleme heute.

Das Grips Theater wollte dazu beitragen, dass sich das ändert, das Pädagogische gehört zu eurer linken Geschichte.

Alle fragen sich immer: Warum machen wir eigentlich Theater? Das gibt’s bei uns nicht. Die Probleme ändern sich, aber Probleme gibt es immer. Wir sehen unser Publikum und seine Sorgen und machen daraus Stücke. Das Thema, das sich am meisten durchzieht, ist übrigens Mobbing. „Doof bleibt doof“ war das erste Mobbing-Stück, von 1973…

Eltern, die sich trennen, kaputte Familien, diese Strukturen ändern sich ja leider nicht wirklich.

Natürlich nicht. Armut bleibt ein großes Thema. In „Laura war hier“ ging es zuletzt mal wieder um eine allein erziehende Mutter mit ihren Problemen. Der Tochter reicht’s, sie zieht durchs Haus auf der Suche nach einer anderen Familie, lernt andere Verhältnisse kennen, merkt, woanders ist es auch nicht unbedingt besser. Aber im Zuge dessen findet sie ganz viele Freunde. Das ist oft der Schluss bei uns.

Warum funktioniert das bei euch mit dem jungen Publikum besser als an den großen Häusern mit älterem Publikum? Probleme haben alle, ein Unterhaltungsbedürfnis haben alle, was ist der Unterschied?

Unsere Regisseure wollen eben den Kindern etwas erzählen und nicht zeigen, wie toll sie selbst sind. Das spielt eine ganz große Rolle. Wir vertreten die Interessen des Publikums, und nicht die von irgendwelchen Festivalleitern oder Regisseuren. Ästhetische Innovation ist für mich ein Schimpfwort. Ich habe noch nie gehört, dass ein Kind nach der Vorstellung geschimpft hat, Mist, das war schon wieder nicht innovativ.

Das Gespräch führte Rüdiger Schaper. Ein halbes Jahrhundert Theatergeschichte: Das Grips übergibt sein Archiv an die Akademie der Künste und stellt sein Buch zum Jubiläum vor, in dem das Gespräch mit Volker Ludwig in einer längeren Fassung zu lesen ist: „Für die Zukunft – 50 Jahre Grips Theater“, Hrsg. von Philipp Harpain, Textredaktion Patrick Wildermann; Bildredaktion David Baltzer. 220 Seiten. 20 Euro, Alexander Verlag. Präsentation am Sonntag, 28. April um 11 Uhr in der Akademie der Künste, Pariser Platz.

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