Aus glücklicheren Zeiten: Kinder machen Dehnübungen mit dem Chordirigenten Simon Halsey. Foto: Monika Rittershaus
© Monika Rittershaus

„Vokalhelden“ der Berliner Philharmoniker Dieser Berliner Kinderchor probt jetzt per Videokonferenz

Wie soll man in der Coronakrise eine Chorprobe veranstalten? Die „Vokalhelden“ gehen deshalb einen ungewöhnlichen Weg.

Es ist Donnerstag Nachmittag. Die Chorprobe beginnt. Die jungen Sängerinnen und Sänger sitzen artig auf ihren Stühlen. Unvermittelt steht eine der Teilnehmerinnen auf, geht in die Küche und kehrt kurz darauf mit einem Getränk in der Hand und einer Katze auf dem Arm in die Probe zurück. 

Sie setzt sich hin und tut so, als wäre nichts passiert. Ob sie denn mitsinge?, fragt der Stimmbildner. Sie nickt stumm, öffnet den Mund minimal und beschaut sich ihre Mitsänger auf dem Bildschirm als wären sie Teil einer neuartigen Fernsehserie. 

Chorprobe per Zoom-Videokonferenz

Seit einigen Wochen schon Proben die „Vokalhelden“, das Kinderchor-Ensemble der Berliner Philharmoniker per Zoom-Videokonferenz. Das Ensemble wurde 2013 gegründet, an drei Standorten in Moabit, Schöneberg und Hellersdorf wird in vier verschiedenen Altersgruppen geprobt. 

Das Ziel der Philharmoniker ist es, den Zugang zur klassischen Musik allen Kinder zu ermöglichen, es sollen „Kooperationen und nachbarschaftliches Miteinander“ sowie „Bildung und Chancengleichheit“ gefördert werden. 

Jetzt steht Chorleiter Johannes Wolff in seiner Schöneberger Wohnung, macht Aufwärm- und Gesangsübungen. Die Sängerinnen und Sänger können ihn hören, ihre Mikrophone sind allerdings stumm geschaltet. Auf seinem Tablet sieht er lediglich die Münder seiner Schützlinge auf und zu gehen. Choreographien können so weiter geprobt werden.   Musikalisch arbeiten lässt sich allerdings nicht. 

„Ich rede in ein Tablet und werde hoffentlich verstanden“

„Wir wissen nicht, ob die Kinder wirklich singen“, sagt Wolff. „Und etwas eigenartig ist es natürlich schon. Ich rede in ein Tablet hinein und werde hoffentlich verstanden. Was die Kinder machen, kriege ich selber nicht mit. Das Wichtigste für einen Chorleiter bleibt dabei auf der Strecke: das gemeinsame Musik machen.“ 

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Doch für die Kinder ist es eine willkommene Abwechslung von ihrem stark eingeschränkten Lebensalltag. Die Schulen sind, genauso wie die Nachmittagsbetreuung geschlossen. Viele andere Hobbys sind zurzeit nicht mehr möglich. Dass die Chorproben zumindest digital aufrecht erhalten werden können, sorgt so immerhin für ein wenig Beschäftigung. 

Auch für die Eltern eine Entlastung

Vivian Keischgens ist Standortmanagerin der Vokalhelden und damit die Vermittlerin zwischen dem Organisationsbüro und dem künstlerischen Team. Ebenso hält sie engen Kontakt zu den Eltern. „Nicht nur die Kinder, auch die Eltern sind froh, dass es für ihre Kinder etwas zu tun gibt. Sie haben mehr Struktur in ihrem Tag.“  

Tendenziell erscheine es ihr so, als würden viele Schulen ihre Schüler zurzeit etwas überladen. „Das ist natürlich auch für die Eltern eine Belastung, wenn sie täglich mit ihrem Kind Schulstoff büffeln müssen.“ Dass die Kinder diese digitale Arbeitsweise lieben, erkenne sie schon daran, dass sich viele zu Proben einwählen, an denen sie normalerweise gar nicht teilnehmen würden. Die Langeweile scheint groß zu sein. 

Ein geplantes Konzert steht auf der Kippe

Ein anstehendes Konzert am 11. Mai, gewöhnlich der Höhepunkt der gemeinsamen Chorarbeit, steht zurzeit auf der Kippe – noch ist nicht abzusehen, wann die Ausgangsbeschränkungen gelockert werden können. Gemeinsam mit Ensemblemitgliedern der Philharmonikern und dem Publikum sollte ein buntes Mitsingprogramm mit Liedern aus aller Welt aufgeführt werden.

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Sollten größere Menschenansammlungen dann noch nicht möglich sein, gibt es bereits Überlegungen, auch dieses Konzert digital auszurichten. Die Kinder seien von der Idee jedenfalls begeistert. Schließlich, sagt Keischgens, „sind digitale Medien für diese Generation noch normaler und alltäglicher als für uns“. 

Das wichtigste kommt zu kurz – das gemeinsame Musikmachen

Ob die Kinder die normalen Chorarbeit nicht trotzdem vermissen? „Auf jeden Fall“, sagt Wolff. Beim Chorsingen geht es schließlich um viel mehr als nur Töne treffen. Man komme zusammen, treffe seine Freunde und sei Teil einer Gemeinschaft. Kann digitales Proben vielleicht in Zukunft eine Ergänzung zum Chorbetrieb darstellen? 

Eher nicht, glaubt Wolff. „Dafür ist der Kontakt dann doch zu unpersönlich.“ Viele Gespräche, gerade innerhalb seines Teams, könne man sehr gut per Videokonferenz führen. „Musikalisches Arbeiten ist so nicht möglich. Andererseits es ist wohl das beste, was man zurzeit machen kann.“ 

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