Mans mysteriöses Gemälde „Flowering Ego“ von 2018 Foto: Galerie Neu
© Galerie Neu

Victor Man in der Galerie Neu Blaue Träume

Jens Müller

Der begehrte Maler Victor Man zeigt Bilder in der Galerie Neu – die meisten behält er für sich.

Es ist kein ganz alltäglicher Name, aber gleichwohl ein bloßer Zufall: In Episode 724 der „Tatort“-Reihe hieß der obligatorische Bösewicht Victor de Man. Der belgische Waffenhändler, dem etwas Mysteriöses anhaftete, war ein Gespenst aus der Vergangenheit des von Richy Müller gespielten Stuttgarter Kommissars Thorsten Lannert. Man muss das nicht überstrapazieren, weil, wie gesagt: bloßer Zufall. Bestimmt. Sicher. Aber ein ganz kleines bisschen darf man schon darüber staunen, wie selbstverständlich diese Wörter „mysteriös“ und „Vergangenheit“ auch auf ihn passen: den rumänischen Künstler namens Victor – ohne Adelsprädikat – Man.

Müde Motten, schwarze Totenköpfe

Ziemlich mysteriös sind etwa viele der von Victor Man in altmeisterlicher Manier, also einem einer recht fernen Vergangenheit entlehnten Stil, gemalten, häufig wiederkehrenden Motive. Zum Beispiel die ruhende Motte. Zum Beispiel der schwarze Totenkopf. Zum Beispiel die blaue Brezel. Marie-Christine Molitor von Victor Mans Berliner Galerie Neu kann auch nicht sagen, was es mit der blauen Brezel auf sich hat, die die Figur in dem Bild „Flowering Ego“ in der rechtesten ihrer drei Hände hält. Der Vogelkopf aber lässt – in diesen Zeiten – unmittelbar an die Schnabelmasken denken, wie sie Pestdoktoren südlich der Alpen vor Jahrhunderten trugen. Tatsächlich ist dieses Bild während der vergangenen Pandemie-Monate entstanden. In einer für Victor Man neuen, für seine Verhältnisse beinahe grellroten Farbigkeit und einer ungewohnten Größe von über zwei Metern Höhe. Zum Vergleich: Die kleinste Arbeit dieser dritten Schau der Galerie Neu mit dem 1974 geborenen Künstler misst lediglich 28,5 x 20,5 x 3,5 cm.

Die Ausstellung trägt den, nicht nur wegen des fehlenden Kommas mysteriösen, von dem im 17. Jahrhundert wirkenden Theologen und Mystiker Angelus Silesius übernommenen Titel: „Die Rose ist ohne Warum. Sie blühet weil sie blühet“. Nach Rosen sucht man in der Ausstellung vergeblich. Man findet, auf dem Bild mit der Motte: Dornen. Man hat sie, soviel immerhin hat er verraten, ganz ausnahmsweise, auf dem Friedhof in der Siebenbürger Stadt Cluj gesehen, in dessen Nachbarschaft er wohnt. In Cluj hat er auch an der Kunstakademie studiert. Dort und an Israel Hershbergs der figurativen Malerei fest verschriebener Jerusalem Studio School. Kein Wunder oder – um dabei zu bleiben –, ausnahmsweise wenig mysteriös, dass Victor Man danach als Porträtmaler reüssierte, 2014 als „Artist of the Year“ der Kunsthalle der Deutschen Bank in Berlin ausgezeichnet wurde.

2014 war Man "Artist of the Year"

Dem Vogelmenschenbild gegenüber hängt – und wagt, wie dieses, so die Deutung des Ausstellungstextes der Galerie, nicht weniger als „den Versuch der Austreibung des Bösen“ – „Untitled (Adieu à Satan)“. Noch ein Novum in seinem Werk mit dem existenziellen Gesamtthema, hat Victor Man hier das – schwarzweiße – Cover eines 1952 erschienen Buchs des Kirchenmannes und Autors surrealistischer, mystischer und okkultistischer Schriften Ernest Gengenbach abgemalt. Und sich dabei die Freiheit genommen, den Verlagsnamen L'Ecran du Monde mit einer, nun ja, mysteriösen Schlange zu übermalen. Nachfragen erübrigen sich. Mysterien sind nicht erklärbar, sonst wären sie keine. Es versteht sich, dass Victor Man keine Interviews gibt.

Zwei nur minimal in Größe und Farbgebung variierte Bilder mit dem gleichen Titel „Self Portrait With The Yellow Shadow of Christ“ sind hingegen in gleich doppelter Hinsicht exemplarisch für Victor Mans Schaffen: das Jesus-Antlitz für die religiöse Motivik, das Selbstporträt für die Selbstreferentialität.

Eines dieser beiden Bilder – welches, lässt sich nicht sagen – taucht mysteriöserweise im dunklen Hintergrund des Bildes „Rózsa Victoria“ wieder auf, mit dem Victor Man seine kleine Tochter porträtiert hat. Es hängt neben dem Bildnis ihrer Mutter, der Titel „Rupture“ verweist auf den zurückliegenden, schmerzhaften Trennungsprozess. In beiden Porträts dominieren die von Victor Man bevorzugten kalten Blau- und Grüntöne.

Sein extremes Gespür für Farbennuancen lässt sich auch an der Wandfarbe ablesen: auf den ersten Blick das übliche White-Cube-Weiß. Auf den zweiten Blick auf die Farbkante etwas unterhalb der in der Galerie Neu sehr hohen Decke sieht man die grauen und beigen Pigmente. Victor Man würde so ein Detail ebenso wenig der Galerie überlassen wie die Gestaltung des Einbandes seines geplanten neuen Buchs aus grünblauem Leinen dem Verlag (der Buchhandlung Walther und Franz König).

Viele der Bilder, die er malt, sind für ihn so persönlich, erfährt man, dass eine Trennung von ihnen für Victor Man zu schmerzhaft wäre. Nur vier der neun Bilder der Ausstellung sind überhaupt verkäuflich. Oder waren es. Denn sie sind bereits verkauft. Möglicherweise helfen die Preise zwischen 120.000 und 240.000 Euro Victor Man etwas über diesen Trennungsschmerz hinweg.           

Galerie Neu, Linienstr. 119 abc; bis 31.10., Di–Sa 11–18 Uhr

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