Sieben Konzerte veranstaltete Semmel unter Hygienebedingungen in der Waldbühne Berlin. Foto: Sebastian Greune
© Sebastian Greune

Veranstalter Dieter Semmelmann im Interview „Wir hoffen auf einen Sommer mit Konzerten“

Dieter Semmelmanns Firma Semmel Concerts veranstaltet seit 1991 Konzerte. Ein Gespräch über Absagen, Hilfsgelder und Shows unter Pandemie-Bedingungen.

Herr Semmelmann, dies war ein Jahr fast ohne Konzerte. Bei welchem Auftritt hat es Ihnen persönlich besonders leidgetan, dass er nicht stattfinden konnte?
Ich möchte da kein Konzert herausheben, weil wir von Sarah Connor über Roland Kaiser bis hin zu Céline Dion so viele tolle Shows geplant hatten. Es ist für jede einzelne ein kleines Drama, dass sie nicht stattfinden konnte.

Das gesamte Jahr 2020 war – ich sage es mal salopp – ein beschissenes Jahr. Es sind Dinge passiert, die wir uns nicht in den schlimmsten Albträumen hätten vorstellen wollen. Mittlerweile haben wir uns mit dieser Situation einigermaßen abgefunden. Wir sind damit beschäftigt, Schadensbegrenzung zu betreiben, möglichst alle Shows zu verlegen und damit zumindest langfristig zu retten.

Wie viele Ihrer Konzerte waren betroffen?
Wir mussten rund 1500 Veranstaltungen verlegen oder absagen. Das betrifft ein Volumen von weit über zwei Millionen Tickets.

Können Sie absehen, wie hoch hierzulande in etwa der Gesamtverlust der Konzertveranstalter ausfallen wird?
Das kann ich nicht genau beziffern, aber der Schaden geht insgesamt sicher in die Milliarden. Unsere Branche umfasst sehr viele unterschiedliche Beteiligte, nicht nur die Seite der Veranstalter, sondern alle, die zur Durchführung von Konzerten notwendig sind.

Da sind natürlich die Künstler, die Bands, die Technik, die Crews, die Security und das sonstige Personal, wo oft Soloselbstständige beschäftigt sind. Das geht bis hin zu Veranstaltungsstätten, Cateringfirmen und auch zu den Taxifahrern, denen Kundschaft fehlt.

Wird es eine Pleitewelle bei den über 450 deutschen Konzertveranstaltern geben?
Jens Michow, Präsident des Bundesverbandes der Konzert- und Veranstaltungswirtschaft, glaubt, dass 50 Prozent der Veranstalter nicht überlebensfähig sind. Das ist natürlich eine sehr hohe Zahl und es fällt mir schwer, das objektiv zu begutachten, aber ich denke schon, dass es spätestens 2022 einen Aderlass geben wird und wir einen weiteren Konzentrationsprozess erleben werden.

Dieter Semmelmanns Firma Semmel Concerts beschäftigt 150 Mitarbeitende und organisiert jährlich 1500 Veranstaltungen für über fünf Millionen Besucher. Foto: Semmel Concerts Vergrößern
Dieter Semmelmanns Firma Semmel Concerts beschäftigt 150 Mitarbeitende und organisiert jährlich 1500 Veranstaltungen für über fünf Millionen Besucher. © Semmel Concerts

Zur Unterstützung der Firmen gibt es diverse staatliche Fördermaßnahmen. Wie beurteilen Sie diese?
Die helfen eher den kleineren und mittelgroßen Betrieben. Wir als sehr großes Unternehmen scheitern da leider bisher an den Förderbedingungen und haben von diesen Zuschüssen bisher kaum etwas erhalten.

Konnten Sie denn vom „Neustart Kultur“-Programm profitieren, mit dem Kulturstaatsministerin Monika Grütters eine Milliarde Euro zur Verfügung stellt?
Ein begrüßenswerter Ansatz. Allerdings verteilt sich diese Milliarde auf wahnsinnig viele Unternehmen und Sparten, wozu auch die ohnehin subventionierten Kulturbereiche gehören. Für die kommerzielle Veranstaltungsbranche sind etwa 100 Millionen übrig geblieben, und die werden nach einem relativ komplizierten Modell verteilt. Mittel aus dem „Neustart Kultur“ gibt es für neue Projekte, die nicht gewinnbringend durchgeführt werden können. Es werden aber keine Verluste oder Schadenersatz für die letzten Monate übernommen. Das ist hilfreich, aber nur ein Tropfen auf den heißen Stein.

Dann haben Sie sich gar nicht beworben?
Doch, wir haben uns mit Veranstaltungen beworben, die wir im nächsten Jahr – auch unter Pandemiebedingungen – durchführen wollen und haben auch eine Zusage bekommen. Man muss aber ehrlicherweise sagen, dass man sich als Veranstalter sehr genau überlegt, ob man Projekte angeht, die wahrscheinlich einen Verlust verursachen werden, den man dann durch Fördermittel ausgleichen kann. Wobei auch kein Gewinn in Aussicht steht. Ich möchte den „Neustart Kultur“ gar nicht schlechtreden. Letztendlich ist jede Unterstützung begrüßenswert und wir sind durchaus dankbar. Aber unser Problem löst dieses Programm sicher nicht.

Was wünschen Sie sich stattdessen?
Wir haben seit März 2020 unverschuldet mehr oder weniger Berufsverbot. Unser Wunsch wäre, dass alle Unternehmen der Branche Förderungen erhalten. Also auch die vielen Einzel-Firmen, die sich mittlerweile zu einer konzernähnlichen Struktur zusammengeschlossen haben.

Wir fordern keinen kompletten Umsatz-Ersatz, denn das ist bei unserer Größenordnung auf Dauer unrealistisch, sondern einen umfassenden Ersatz unserer Fixkosten, rückwirkend bis zum Beginn des ersten Lockdowns und für die nächsten Monate. Die Kosten sind unser großes Problem, denn wir müssen weiterhin Büromieten, Versicherungen und laufende Kosten bezahlen und können nicht alle Mitarbeiter komplett in Kurzarbeit schicken, denn die Verlegung der Konzerte muss ja organisiert werden.

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Ihr Unternehmen hat im September unter Hygieneauflagen sieben Konzerte für 5000 Besucherinnen und Besucher in der Berliner Waldbühne veranstaltet. Wie wurde das angenommen und hat es sich gelohnt?
Das war für uns nach langer Zeit mal wieder ein Licht am Ende des Tunnels und wurde gut angenommen. Wir hatten eine Auslastung von etwa 75 Prozent, einige Konzerte waren auch ausverkauft. Man hat die Sehnsucht der Menschen nach Live-Erlebnissen gesehen. Und es ist zu keiner einzigen Infektion gekommen.

Wirtschaftlich ist das natürlich kein tragfähiges Modell, obwohl die Künstler auf ihre normalen Gagen verzichtet haben. Aber die Musiker und die Crews hatten wieder einmal Arbeit. Wir haben die Hoffnung, dass wir zumindest im Sommer nächstes Jahr wieder Konzerte machen können, vielleicht sogar in der Form und im Umfang, wie wir sie in der Vergangenheit organisieren konnten. Das ist mein größter Wunsch für das nächste Jahr.

Das wird Finanzminister Scholz freuen. Er sagte im Tagesspiegel-Gespräch, dass er die Konzertveranstalter ermutigen möchte, wieder loszulegen, damit es nicht dazu komme, dass die Pandemie vorbei sei und es keine Konzerte gäbe. Sie legen also wieder los?
Ja, klar. Vielleicht muss man das dem Finanzminister noch mal erklären: Wir haben ja unglaublich viel Konzerte von diesem auf das nächste Jahr verlegt. Die stehen ohnehin an. Es ist das A und O, dass wir die jetzt nicht nochmal verlegen müssen. Wir würden die Shows gerne durchführen im nächsten Jahr.

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Und wenn wir vom Finanzminister die angekündigte Zusage bekommen, dass gegebenenfalls die Schäden oder die Verluste ersetzt werden, die durch reduzierte Besucherkapazitäten entstehen, dann werden wir das auch realisieren können. Wir brauchen aber relativ schnell eine gesicherte Aussage, wie dieses Modell genau aussehen wird. Der Teufel liegt im Detail.

Wo sehen Sie Probleme?
Ich habe manchmal das Gefühl, dass in den Ministerien größtenteils Leute verantwortlich sind, die vor allem mit der subventionierten Kultur zu tun haben – mit Theatern, städtischen Konzertsälen, Orchestern. Es besteht weniger Erfahrung, wie die moderne Kultur funktioniert. Wir arbeiten jetzt mit unseren Verbänden daran, entsprechende Vorschläge vorzubereiten und sie im Finanz- und Wirtschaftsministerium vorzustellen. Unter Dach und Fach ist es noch nicht. Aber alle Beteiligten arbeiten konstruktiv zusammen und sind gewillt, gute Konzepte zu entwickeln.

Der von Scholz angesprochene Ausgleich für pandemiebedingt ausfallende Konzerte ab der zweiten Jahreshälfte 2021 würde also schon mal helfen?
Genau, das würde helfen.

Können Sie sich vorstellen, im nächsten Jahr auch mit Schnelltests oder Impfbestätigungen vor Konzerten zu arbeiten?
Wir haben viele verschiedene Konzepte in der Schublade und sind für alle Eventualitäten vorbereitet. Im Moment liegt der Fokus der Verantwortlichen verständlicherweise auf anderen Dingen. Doch wir erwarten, dass wir ab Mitte Januar angehört werden, wenn die Inzidenzzahlen hoffentlich zurückgegangen sind und das Impfen begonnen hat. Wir möchten mit unseren Künstlern für unser Publikum wieder tolle Erlebnisse schaffen. Professionelle Veranstalter können das – wir haben es in den letzten Monaten bewiesen und wir sind uns unserer Verantwortung sehr wohl bewusst.

Kommt es dann auf den deutschen Bühnen zu einem Konzert-Stau, weil so viel verschoben wurde?
Das ist ein Hauptproblem: Wir haben jetzt schon Termin-Not, weil wahnsinnig viele verlegte Veranstaltungen noch durchgeführt werden müssen. Neue Tourneen-Planungen beginnen meist erst im Jahr 2022. Aber erstmal müssen die Tickets, die die Fans behalten haben, abgearbeitet werden. Wir fordern sie gerade in einer Kampagne noch einmal auf, die Karten nicht zurückzugeben, solidarisch zu sein und an uns zu glauben. Auch deshalb ist das vom Finanzminister angestoßene Programm wichtig, damit das popkulturelle Leben auf den Bühnen wieder beginnen kann, das seit fast einem Jahr stillsteht.

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