The Show must go on. Trotz Entlassung tritt das kurdische Ensemble weiter auf. Foto: Marcus Brandt/ picture alliance/ dpa
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Unter türkischer Zwangsverwaltung Wie sich kurdisches Theater behauptet

Shakespeare hilft: Seit ihrer Entlassung spielt das kurdische Ensemble des Stadttheaters von Diyarbakir in einem Keller, und schafft einen wichtigen Freiraum.

Volles Haus im Theater Amed. Die Karten sind wie immer ausverkauft, obwohl die Aufführung im Keller stattfindet. Im Untergeschoss eines halb verfallenen Einkaufszentrums am Rande der Altstadt von Diyarbakir stehen Schauspieler und Zuschauer vor der Vorstellung unter nackten Glühbirnen zusammen und unterhalten sich auf Kurdisch, während ein türkischer Zivilpolizist gelangweilt an seiner Zigarette zieht.

Hier im Keller spielt das kurdische Ensemble des Stadttheaters von Amed, wie die Stadt auf Kurdisch heißt, jeden Freitag und Samstag, seit die Kurdenmetropole von der türkischen Regierung unter Zwangsverwaltung gestellt und das Ensemble entlassen wurde.

Der „Sommernachtstraum“ von Shakespeare wird gegeben. „Wir sind das einzige Theater hier, das regelmäßig auf Kurdisch spielt“, erzählt der Schauspieler und Regisseur Yavuz Akkuyu, während er sich in einem Abstellraum auf die Vorstellung vorbereitet.

Bis vor drei Jahren waren Akkuyu und die übrigen Schauspieler, Regisseure und Techniker der Truppe fest angestellt am Stadttheater von Diyarbakir. Heute sitzen sie im Keller und besorgen von den Bühnenbildern über den Kartenverkauf bis hin zum Putzen und Teekochen alles selbst, um als freies Theater weiter spielen zu können.

Seit der Entlassung ist das kurdische Theater noch wichtiger

Mit seiner kurdischen „Hamlet“-Inszenierung ging das Stadttheater vor ein paar Jahren noch auf Tournee durch die Türkei. Doch dann brach 2015 der Friedensprozess zwischen der PKK und dem türkischen Staat zusammen, in Diyarbakir tobten monatelang Kämpfe zwischen PKK-Milizen und der Armee.

Ankara ließ die kurdischen Bürgermeister der Stadt verhaften und entsandte einen Zwangsverwalter, der das kurdische Namensschild „Amed“ vom Rathaus entfernte und das kurdische Ensemble vom Stadttheater entließ. An der städtischen Bühne gibt es heute nur noch türkische Veranstaltungen, die kurdische Kultur sitzt im Keller.

Das Publikum ist den Künstlern in den Keller gefolgt. Sie gehe jetzt sogar viel öfter ins Theater als vorher, als das Ensemble noch im städtischen Theatersaal spielte, erzählt eine junge Frau, die mit einer Freundin an der improvisierten Theaterkasse ansteht, um vielleicht doch noch eine Karte zu ergattern. „Das Theater ist uns noch wichtiger geworden“, sagt die Frau, die ihren Namen nicht genannt wissen will. „Die Kunst gewinnt in einer solchen Lage an Bedeutung für die Menschen.“

Die Truppe müsse deshalb weiterspielen, sagt der Schauspieler Akkuyu, und wenn es auch im Keller sei: „Die Kunst muss die politische Hoffnungslosigkeit in ihr Gegenteil verwandeln.“ Das Theater im Keller sei für die Menschen in Diyarbakir zu einem Freiraum geworden: „Hier können sie aufatmen, hier können sie ihre kurdische Sprache im öffentlichen Gebrauch erleben, und das gibt Hoffnung.“

Das Theater stehe in der Verantwortung, die kurdische Sprache und Kultur auch unter der türkischen Zwangsverwaltung am Leben zu erhalten, sagt der Schauspieler. „In guten Zeiten kreativ zu sein, das ist leicht. In Zeiten wie diesen etwas zu schaffen, darauf kommt es an.“

Aufgeben kommt nicht infrage

Nur vorübergehend konnte das Ensemble in diesem Jahr auf die städtische Bühne zurückkehren, nachdem die Kurdenpartei HDP bei den Kommunalwahlen im Frühjahr mit großer Mehrheit ins Rathaus zurückgewählt wurde. „Wir haben uns natürlich alle gefreut, dass die gewählten Kurdenvertreter ins Amt zurückkehren konnten und das Volk sein Theater zurückbekam“, sagt die Schauspielerin Berfin Emektar: „Das Stadttheater ist unser Theater, vom Volk bezahlt und von uns aufgebaut.“

Schon im Sommer setzte Ankara den neu gewählten HDP-Bürgermeister wieder ab und entsandte einen neuen Zwangsverwalter. Für die Wähler von Diyarbakir ist die Erleichterung vom Frühjahr einer ohnmächtigen Wut gewichen.

„Das kann in Deutschland keiner verstehen, wie sich das anfühlt, wenn einem die Stimme geraubt und uns der Respekt vor unserem Wählerwillen verweigert wird“, sagt eine Theaterbesucherin: „Das ist kein schönes Gefühl, so viel kann ich sagen. Wut, das ist vielleicht noch der beste Ausdruck dafür: einfach Wut.“

Von den Eintrittsgeldern in dem kleinen Kellersaal mit 82 Plätzen kann sich die Truppe nur mühsam über Wasser halten, doch aufgeben komme nicht infrage, sagt Emektar. „Indem wir hier Theater spielen, setzen wir den Kampf fort, den schon die Generationen vor uns geführt haben“, sagt die kurdische Schauspielerin: „Wir bewahren die Sprache, und wir entlarven die Unterdrückung.“

Ein Kampf für kommende Generationen sei das, sagt die Schauspielerin Elvan Kocer und blickt auf ihren kugelrunden Baby-Bauch. Sie ist im neunten Monat schwanger. Ihr Kind soll seine Muttersprache sprechen und sich kulturell frei entfalten können, wünscht sich die 35-Jährige.

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