Die Serie versteht sich als feministisch. Und sie ist es: Wenn man als Feminismus das Austeilen von Schlägen versteht. Foto: imago/Mary Evans
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Unsere Gulity Pleasures (5) Warum ich von „Vikings“ nicht loskam – trotz miesem Frauenbild

Lena Schneider

Über Geschmack lässt sich nicht streiten. Aber schreiben. In der Serie Guilty Pleasures schauen wir in unsere Kitschecken. Teil 5: die Serie „Vikings“.

Wie schön wäre es, wenn der Drehbuchautor Michael Hirst recht hätte. Er nennt die Amazon-Serie „Vikings“ feministisch. Und erklärt auch, warum: eine „sehr signifikante weibliche Hauptfigur“ und „starke Frauenfiguren“.

Wenn Hirst tatsächlich recht hätte, wäre es leichter, „Vikings“ zu mögen. Doch dann hätte die Serie an dieser Stelle nichts verloren.

Leider steht sie hier aber goldrichtig. Denn das Frauenbild ist in „Vikings“ über weite Strecken ziemlich mies. Frauen sind „stark“, das schon: Sie sind „Shieldmaidens“ (wobei das englische Wort weniger peinlich klingt als die deutsche Übersetzung „Schildmaid“), Kämpferinnen, blutrünstig wie die Wikinger-Männer, an deren Seite sie in die Schlacht ziehen. Die Stärkste und Schönste heißt Lagertha.

Lagertha ist die besagte „sehr signifikante weibliche Hauptfigur“. Sie haut erfahrene Krieger reihenweise um, aber man fragt sich, wo sie ihre Stärke hernimmt. Zierlich, das Haar gut gewellt oder minutiös geflochten. Kinder wachsen heran, Männer altern, aber Lagertha sieht bis in die fünfte Staffel aus wie Ende zwanzig.

Zu dem Zeitpunkt hat sie einen Sohn, der älter wirkt als sie selbst. Eine Tochter gab es auch mal, aber die stirbt schon in Staffel eins. Stark heißt in „Vikings“: begehrenswert. Im Englischen gibt es dafür das schlimme Wort fuckable. Eine feministische Serie stelle ich mir anders vor.

Warum also – bei Odin! – habe ich dann alle sechs Staffeln gesehen? Die Antwort lässt sich leicht auf Corona schieben, stimmt aber trotzdem: lange Abende, kein Theater, kein Kino. Keine Reisen.

„Vikings“ schafft da Abhilfe: weite Fjorde, schneebedeckte Berge, ein bisschen „Herr der Ringe“, großes Kino. „Vikings“ schafft größtmögliche Ferne – geografisch (der Norden! seufz), zeitlich (ein fiktives 9. Jahrhundert), gedanklich (Menschenopfer, puh).

Überhaupt geht es in „Vikings“ immer ums Große: Ruhm, Leben, Überleben. Die Götter. Und vielleicht liegt da der eigentliche Grund für den Suchtfaktor: Während im Corona-Alltag die Welt auf wenige Quadratmeter schrumpft, auf die Frage „Sessel oder Sofa?“, geht es in „Vikings“ immer ums Ganze: Lockt am Ende des Korridors Walhalla? Schicksalsfügung – oder nicht?

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Die „Viking“-Welt ist weit und rau, aber ihre Grenzen sind greifbar. Das beruhigt. Ein Universum mit Deckel, sozusagen. Das Gegenteil der Corona-Welt. Die ist klein und eng und kein Ende in Sicht.

Wo „Vikings“ dann aber doch noch richtig sympathisch wird: Auch der axtwerfende Ober-Heroe Ragnar weiß, dass die Sache mit Walhalla nur ein Mythos ist. Wie auch die Mär von der weltumspannenden Schlange oder von Gott Thor, der die Trommel schlägt, wenn es gewittert. Als es am bitteren Ende in die Schlangengrube geht, rettet Ragnar sich trotzdem ins Erzählen. Schon Peer Gynt wusste, wie das hilft.

Das ist jede Menge Schlaumeierei, die den Kriegern des 9. Jahrhunderts, die ja eigentlich Bauern waren, da untergeschoben wird. Aber wer historisch Korrektes erwartet, ist hier sowieso falsch. Wer jedoch die Kraft von Erzählungen sucht und, Achtung Spoiler, einer kraftmeierischen Welt bei der Auslöschung durch eine andere zusehen will, kommt von „Vikings“ so schnell nicht los.

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