Ein Wegweiser mit der Aufschrift "Dau" führt in den Schinkel Pavillon Foto: dpa/Jörg Carstensen
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Umstrittenes "Dau"-Projekt in Berlin "Mit der Mauer berühren wir die Wunde"

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Das "Dau"-Projekt in Berlin wirkt mysteriös und irritiert. Was soll das Vorhaben? Ein Gespräch mit Thomas Oberender, dem Intendanten der Berliner Festspiele.

Herr Oberender, wir wollen auch über das „Dau-Projekt“ sprechen. Dürfen wir das überhaupt? Es scheint umgeben von einer Mauer des Schweigens.

Wir hatten eine Pressekonferenz, es ist kein Geheimprojekt. Den Vorwurf der Intransparenz, den Sie in Ihren Artikeln erheben, weise ich zurück. Wir haben zunächst mit den Menschen gesprochen, die das Projekt betrifft, Anwohner, Institutionen, Behörden. Wir haben in den letzten zwei Jahren mit Hunderten, wenn nicht Tausenden Menschen in der Stadt Gespräche darüber geführt, ob sie sich beteiligen mögen, was sie von dem Projekt halten. Und diese Gespräche sind noch nicht beendet.

Der Kopf von „Dau“ ist Ilya Khrzhanovsky, ein russischer Regisseur. Er zeigt sich nicht in der Öffentlichkeit. Das verstärkt allerdings den Eindruck der Geheimnistuerei und Intransparenz.

Es ist das Recht von Künstlern, sich allein durch ihr Werk zu äußern. Thomas Pynchon hat sein Leben lang kein einziges Interview gegeben. Khrzhanovsky hat eine sehr spezielle Auffassung von dem, was ein „Werk“ ist. Er empfindet sich zum Beispiel nicht als Autor der „Dau“-Filme, sondern als Katalysator für das Leben einer Gruppe von Menschen, die für mehrere Jahre in der fiktiven Welt eines wissenschaftlichen Instituts und anderen Zeitalters ganz real zusammengelebt haben, woraus all die Filme entstanden sind. Er sagt: Wenn ich spreche, dann geht es nur noch um mich. Ich will aber nicht, dass mein Werk so gesehen wird.

Wie können Sie als Intendant der Berliner Festspiele sicher sein, dass der Sponsor des Projekts seriös und sauber ist?

Wir haben in dieser Richtung alles getan, was uns möglich ist, und wir haben positive Rückmeldungen von verschiedenen Seiten erhalten. Sergej Adoniev hat wie Ilya Khrzhanovsky eine Lebensgeschichte, die aus der Sowjetunion kommt, aus einer Umbruchszeit. Er hat als Obsthändler angefangen, sehr früh in Telekommunikation investiert und als Unternehmer vorausschauend gehandelt. Er kommt mir vor wie ein Visionär. Es läuft kein Verfahren gegen ihn.

Eine Szene aus dem "Dau"-Material Foto: Berliner Festspiele/Glaeser
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Verfahren laufen in Russland heute meist gegen ehrbare Leute.

Es läuft auch anderswo kein Verfahren gegen ihn. Er unterstützt in Russland liberale Kunstprojekte wie Teodor Currentzis’ MusicAeterna, das Electrotheatre in Moskau und die „Nowaja Gazietta“, deren Journalistinnen und Journalisten gefährlich leben. Er kauft sich keine Jacht, keinen Fußballclub, er sichert einigen Künstlern in Russland Freiheit. Das Erste, was Adoniev für „Dau“ gemacht hat, war die Rückzahlung der russischen Fördergelder. So kann sich das Schicksal des Kyrill Serebrennikow nicht wiederholen, der in Russland wegen angeblicher Veruntreuung von Staatsgeld verfolgt wird. Das haben wir auf der Pressekonferenz angesprochen.

Das reicht aber so nicht aus, es klang wie ein finanzieller Nebenaspekt. Serebrennikow hat internationale Solidarität erfahren, ebenso der Regisseur Oleh Senzow, der im Hungerstreik ist, näher am Tod als am Leben. Warum gibt es bei einem russisch fundierten Projekt über Freiheit dazu von Ihnen keine klare Haltung?

Das ist eine Unterstellung und seltsame Betrachtungsweise von Ihnen. Sie sprechen von der ersten Pressekonferenz für „Dau“, einem Projekt, das eine Zeitreise durch die Sowjetunion zeigt und das Umkippen einer kleinen, geschützten und privilegierten Gesellschaft, die eine Utopie lebt, in etwas sehr Dunkles, in das Ende von Freiheit. Die Filme von Ilya Khrzhanovsky können in Russland nicht gezeigt werden. Wir wollen es hier möglich machen.

Das ist eine neue Information. Warum wurde bisher nicht über Khrzhnanovskys Situation gesprochen, ist das zu gefährlich?

Ich denke, Khrzhanovsky versteht sich nicht als Dissident, sondern als Künstler, der das Privileg hatte, seine politischen Erfahrungen und die mit den Abgründen der menschlichen Seele zu einem sehr außergewöhnlichen Werk zu formen.

Wenn man mit Menschen zusammenkommt, die „Dau“-Material gesehen haben, gibt meist es den Hinweis auf Schweigeverpflichtungen, wie bei einer Sekte.

Wenn Sie fast drei Jahre an einem Filmzyklus drehen und sieben Jahre daran schneiden, dann verstehe ich dieses Schutzbedürfnis. Es ist ja auch noch nicht fertig. Von den 700 Stunden Film sollen jetzt in einer Weltpremiere die ersten 13 Kinofilme gezeigt werden. In der Filmbranche ist es nicht ungewöhnlich, Diskretion zu vereinbaren. Das gilt für amerikanische Serien und Hollywood-Blockbuster genauso. Die Machart und Idee von „Dau“ ist in der Filmgeschichte einzigartig. So ist, glaube ich, noch kein Filmzyklus entstanden, und auch die Erlebnisweise des Kunstprojekts „Dau“ in Berlin wird etwas Neues sein.

Dann sagen Sie bitte etwas Inhaltliches, wenn es geht.

„Dau“ hat zwei Ebenen. Das eine ist das Filmprojekt über das Leben einer Gruppe von Wissenschaftlern in einem Moskauer Institut zwischen 1938 und 1968. Hier sind rund 700 Stunden Film entstanden. Ohne versteckte Kamera. Jürgen Jürges war mit seiner 35-Millimeter-Kamera von Anfang bis Ende sichtbar dabei. Das andere ist das Kunstprojekt „Dau-Freiheit“. Hierfür soll durch eine Replika der Berliner Mauer ein Areal entstehen, in der sich die reale Welt eines Stadtviertels mit der fiktionalen von Khrzhanovsky mischt. Das Kunstprojekt „Dau“ ist mehr als die Mauer und die Filme. Sie reisen quasi in ein anderes Land. Dort gibt es Performances, Konzerte, eine besondere Form von Gastronomie und vieles mehr.

Können Sie sich vorstellen, dass diese neue Berliner Mauer Menschen irritiert, wenn nicht verletzt durch diesen Anblick in der Mitte der Stadt?

Absolut. Die Mauer ist in Berlin sicher das schmerzhafteste Symbol für Teilung und den Verlust von Freiheit. Als Khrzhanovsky mir sagte, er wolle, als ein Element seines Projekts, die Mauer wiederaufbauen, bin ich erschrocken. Dann dachte ich: Das machen wir. Deutschland war seit der Öffnung der Mauer nie getrennter als jetzt. Wir leben in einem innerlich zerrissenen Land – AfD, Pegida, Reichsbürgerdörfer in Bayern, jetzt Chemnitz, ein Riss geht durch unser Land. Mit der Mauer berühren wir diese Wunde. Deswegen bin ich bei dem Projekt dabei. An vielen Orten der Welt werden neue Mauern gebaut, und in Berlin weiß man sehr genau, was das bedeutet.

Die Mauer als massive Provokation?

Sie ist ein Symbol. Eine Frechheit, etwas, das bedrohlich wirkt und sich nicht erklärt. Das darf eigentlich nicht sein. Hinter dieser Mauer werden Nobelpreisträger Vorträge halten und Marina Abramovic arbeiten. Teodor Currentzis wird mit seinen Musikern vor Ort sein, andere Künstlerinnen und Künstler werden von innen die Mauer bemalen. Wir hoffen, die Mauer in einer Nacht aufbauen zu können. Und das muss mit dem Verkehr auf den Straßen und dem Leben der Menschen und Institutionen vor Ort funktionieren. Die Produzenten und wir als Veranstalter planen das mit den besten Firmen Berlins, wie damals bei der Festspiel-Aktion mit den „Riesen“ am Brandenburger Tor.

Zwei Jahre sind eine lange Zeit, eine Menge Arbeit. Die hätten Sie auch in Programme für das Haus der Berliner Festspiele stecken können, das steht oft leer.

Wir sind kein Repertoiretheater. Wir haben eine hohe Veranstaltungsdichte. In diesem Jahr gab es die Weltpremiere des neuen Stücks von Alain Platel, ein neues Zirkusfestival, hochrangige Tanzgastspiele. Allerdings sind die finanziellen Rahmenbedingungen für das Haus nicht einfach. Die Bundesmittel, die wir zusätzlich bekommen haben, gelten einer Idee – der Immersion.

Es ist zum Modewort geworden.

Vielleicht ja durch uns? Wir haben den Begriff nicht erfunden, aber diesem Phänomen durch unser Programm und die Initiative des Bundestages zu einer hohen Sichtbarkeit verholfen. Man könnte das auch als Erfolg betrachten. Vor allem aber sind es ja die Künstlerinnen und Künstler, die solche Formen schaffen.

Was heißt das denn eigentlich, Immersion?

Immersion heißt eintauchen. Immersiver Spracherwerb heißt ins Ausland gehen, wo man von der fremden Sprache umgeben ist. Richard Sennett sagt, wenn Sie 10 000 Stunden Cello spielen, werden Sie das Instrument und das Instrument ein Teil von Ihnen. Immersiv ist, wenn Ihr Gästezimmer bei Airbnb zum Hotel wird und Ihr Auto bei Uber zum Taxi. Immersiv ist alles, was Ihnen nicht mehr einfach gegenübersteht, sondern Sie entdecken sich in etwas „mittendrin“, wie Ivan Fischer es nannte. Das ist an sich weder gut noch schlecht. Die neuen Technologien führen dazu, dass Künstler und Unternehmer andere Werk- und Erlebnisformen schaffen und das Portal sozusagen unsichtbar machen. Wir erleben das fasziniert und kritisch zugleich. Unser erstes Symposium zu diesem Thema hieß „Die Schule der Distanz“. Etwas Ähnliches hat das Haus der Kulturen der Welt mit dem Anthropozän-Projekt erreicht.

Der Eindruck ist entstanden, dass die Berliner Festspiele sich nun ganz auf immersive Kunst verlegen. Das ist eine problematische Verengung.

Aber wir machen nicht nur Immersion. Wir machen unterschiedliche Festivals, Gastspiele und Ausstellungen. Im Dezember zeigen wir ein riesiges Gastspiel einer Schanghai-Oper. Und was wir in der Reihe Immersion produzieren, wird sehr gut angenommen: die Ausstellungen von Ed Atkins, Omer Fast, das Totaltheater von Vinge / Müller wurde gerade zur Bühne des Jahres gewählt, „Welt ohne Außen“ und Philippe Parreno waren sehr gut besucht. Die Leute im Silicon Valley führen Krieg gegen alte Industrien, gegen die uns vertraute Form von bürgerlichem Leben, Arbeit, Beziehungen. Wir lassen uns ein auf eine neue, sich verändernde Welt, aber wir tun das nicht blind.

Aber wir wissen doch, was mit Wohnungen passiert, wie die Welt sich neu organisiert. Warum soll man solche Prozesse in der Kunst kopieren, was hat man davon?

Wir wollen es fühlbar machen, reflektierbar. Eine Theatergruppe wie Signa tut das schon lange. Als Festspiele erfinden wir diese Dinge doch nicht, sondern wir reagieren auf Entwicklungen in der Kunstszene. Künstler wiederum reagieren auf eine verstörende Welt.

Und das tun sie mit dem Riesen-Immersionsprojekt „Dau“ auch?

Wir geben uns Mühe, das möglich zu machen. Was das Wirken Ihrer Redaktion betrifft, wirkt es eher, als wollten Sie es unmöglich machen.

Nein, das tun wir nicht. Journalisten stellen Fragen. Und hier stellen sich sehr viele Fragen, bei diesem Projekt.

Warum haben Sie eigentlich so viel Angst vor Immersion? Selbst ich rede nicht so viel von Immersion wie Sie.

Ich habe keine Angst vor Kunst, ich habe Angst vor diesem und jenem in dieser Welt, zum Beispiel undurchsichtigen russischen Strukturen, die Einfluss ausüben, Demokratie zersetzen wollen. Und auf mich wirkt „Dau“ sehr nebulös.

Auch mich beängstigen Trollfabriken in Russland und seine Geheimdienstpolitik, Wahlen zu manipulieren und westliche Gesellschaften zu polarisieren. Aber es gibt auch ein anderes Russland. Berlin stand doch immer für den Mut, Außergewöhnliches zu riskieren. „Dau“ berührt große Fragen. Wer weiß, wie die Sache wird. Aber möglich sein sollte sie. Mich beeindruckt das Werk von Ilya Khrzhanovsky. Sein Projekt für Berlin ist kontrovers und sehr intensiv. Wir als Festspiele wollen herausfinden, wie weit man im Erkunden anderer Welten gehen kann.

Das Gespräch führte Rüdiger Schaper.

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