Armin (Hans Löw) lebt allein mit Tieren auf der Erde. Foto: Pandora Film
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Ulrich Köhlers „In My Room“ Robinson in der Provinz

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Der letzte Mann auf der Erde: Der Berliner Regisseur Ulrich Köhler und sein Endzeitparadies-Film „In My Room“.

Stell dir vor, du gehst raus und die Menschen sind weg. Auf der Straße liegen Mopeds herum, Autos hängen in den Leitplanken, ein Partyboot dümpelt auf dem Fluss und in der Ferne bellen Hunde. Die Tiere sind noch da, die Dinge auch, keine Apokalypse, es geschah einfach so.

„Wer bin ich, wenn es die anderen nicht mehr gibt?“, fragt Ulrich Köhler. Wir sitzen im Foyer im Kino Hackesche Höfe, im großen Saal läuft gerade die Premiere von „In My Room“ mit Hans Löw als Armin, einem TV-Kameramann, der eines Morgens aufwacht und feststellt, er ist der letzte Mensch. „Wie verhält man sich ohne Gegenüber? Wenn jeglicher Erwartungsdruck der Außenwelt entfällt?“

Nicht dass der 49-jährige Filmemacher ein Einzelgänger wäre. Köhler führt eine ziemlich normale soziale Existenz, er lebt in Berlin, wohnt in Prenzlauer Berg mit Frau (die „Toni Erdmann“-Regisseurin Maren Ade) und zwei Kindern, fühlt sich vielen Kollegen verbunden, Filmemachern wie Thomas Arslan, Angela Schanelec oder Nicolas Wackerbarth. Mit Henner Winckler, den er vom Studium in Hamburg kennt, dreht er gerade den WDRSpielfilm „Das freiwillige Jahr“, eine Vater-Tochter-Geschichte, in Doppelregie. Robinsonaden faszinieren ihn trotzdem.

Dem Helden kommt die Welt abhanden

Seit seinem Erstling „Bungalow“ von 2002 ist Ulrich Köhler Spezialist für Männer, die der Welt abhanden kommen. Im Zentrum seiner Filme stehen meist verschlossene, unschlüssige Helden, umgeben vom Dschungel der Realität, dem Kameramann Patrick Orth jedes Mal eine diskrete Magie verleiht. Köhlers Helden desertieren aus ihrem Leben, in „Montags kommen die Fenster“ 2006 genauso wie zuletzt in „Schlafkrankheit“ (2011) über einen Entwicklungshelfer in Afrika.

Diesmal kommt umgekehrt die Welt dem Helden abhanden. Armin versemmelt einen ZDF-Dreh im Bundestag, haust in einer Bude in Wedding, hat kein Glück bei den Frauen, weiß nicht, wohin mit sich. Bis er am Sterbebett der Großmutter landet (Ruth Bickelhaupt), in Vlotho in Ostwestfalen, und seinen Kopf an ihren Kopf legt. Kurzer Moment der Nähe. Köhler hat das mit der eigenen Großmutter ähnlich erlebt. In den Tagen an ihrem Sterbebett existierte keine Außenwelt mehr. Bei Arnim ist auch der Rest der Menschheit verschwunden, und die Natur holt sich die Zivilisation zurück.

„In der Welt, in der ich lebe, gibt es den klassischen Helden nicht“, meint Köhler. Lieber erzählt er von einem wie Armin, der auch mal Leggins trägt, an der Nähmaschine sitzt und im Schweinwerferlicht eines Trucks Ballett tanzt. Schöne Szene: Hans Löw, der vom Theater kommt und zuletzt in Eva Trobischs „Alles ist gut“ mitspielte, ist ein großartiger Körper-Schauspieler. Maskulin, feminin, er bewegt sich jenseits der Stereotypen. Sehr lässig, wie er sich vom urbanen Looser mit Bauchansatz zum halbwegs fitten Bauern in der Provinz mit Wasserkraftwerk, Ackergaul und störrischer Ziege verwandelt.

Armin ist ein Verweigerer, der sich irgendwann wohlfühlt in seiner Haut. Ist die Verweigerung typisch für Köhlers Generation? Ja und nein. Köhler registriert das Charakteristische derer, die in den Achtzigern aufwuchsen, als der Widerstand ministertauglich wurde, beharrt aber auf dem Individuellen. Schon seine Eltern, beide Entwicklungshelfer, Ärzte mit Studium in Marburg, wo er zur Welt kam, um dann zunächst in Zaire aufzuwachsen, waren zwar 68er. Aber keine Ideologen und schon gar nicht politisch aktiv. In seiner eigenen Generation sei der Glaube an die Verbesserbarkeit der Welt ohnehin verblasst.

Letzter Mann und letzte Frau, aber kein Paar

„Was sind eigentlich Geschlechterbilder?“, fragt Köhler. Im Film sind die Frauen die Tüchtigen. Die Lebensgefährtin von Armins Vater (Michael Wittenborn) kreuzt im Sterbehaus mal eben mit vorgekochtem Essen auf, um schnell wieder wegen des Jobs loszuflitzen. Oder Kirsi (Elena Radonicich), die letzte Frau, die nach Jahren – Köhler leistet sich gern souverän lapidare Zeitsprünge – mit einem XXL–Truck angefahren kommt. Sie ist der Cowboy, Armin der Sesshafte. Mit der Liebe klappt es wieder nicht.

Ein Akt der Freiheit, erklärt Köhler. Bloß weil er der letzte Mann und sie die letzte Frau ist, taugen sie noch lange nicht zum Paar. Es ist Kirsi, die die vermeintliche Vorbestimmung unterläuft, auf dem freien Willen beharrt. Er will eine Familie gründen, sie zieht lieber weiter.

Der Filmemacher Ulrich Köhler Foto: Pandora Film
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Was wäre, wenn. Köhler spielt gerne Gedankenspiele. Schickt Armin zuerst auf den Brenner, wo der machomäßig mit einem Lamborghini-Polizeiauto durch die Bergdörfer brettert. In der ersten Drehbuchfassung gab’s auch einen Berlin-Ausflug samt KadeWe-Plünderung, aber dann besann er sich auf eine minimale Erzählung, angesiedelt in der deutschen Provinz. Das ist Armins Moment der inneren Freiheit, sagt der Regisseur. „Ihm steht die Welt offen, aber er entscheidet sich, dahin zu gehen, wo er herkommt und seinen Kleinwagen zum Hühnerstall zu machen.“

Und warum kehrt er selber so gern nach Westfalen zurück, dreht immer wieder da, auch den neuen TV-Film? Deutschland als dezentrale Nation, geprägt vom Mittelstand in den 10 000-EinwohnerStädten, setzt Köhler an – und unterbricht sich: „Ich habe keine Lust, dass das Team abends nach Hause geht. Filmemachen ist ein gemeinsamer Ausflug, ich mag die Gruppendynamik.“ Dazu das Geschenk anderer Lebenswelten, die Bauern, der Landarzt, die Leute in Vlotho, die extra ihre Vorgärten verwildern ließen. Und die Tiere. „Ziegen sind toll“, lacht Köhler.

Köhler hat noch nie einen Stoff in Berlin realisiert

„Aber vielleicht wird es Zeit für einen Großstadtfilm.“ Kann doch nicht sein, dass er hier lebt und es liebt, aber nie einen Stoff in Berlin realisiert. Raus aus der Provinz! Armins misslungene TV-Interviews am Anfang von „In My Room“, mit Thomas Oppermann, Karl Lauterbach und Sahra Wagenknecht hat Köhler immerhin selber gedreht, an jenem turbulenten Tag, als Martin Schulz seine Kanzler-Kandidatur verkündete. In der Ära Rot-Grün dachte er über einen Parlamentarismus-Film nach, à la Alexander Kluge. Aber noch hat er zu viel Respekt vor dem Dokumentarischen, zu viele Skrupel, jemanden zu filmen, „mit dem ich keinen Vertrag habe wie mit den Schauspielern“.

Nicht dass es beim Spielfilm keine Ausbeutung gäbe. „Den ’Fair Play Award’ werde ich vorerst wohl nicht gewinnen. Ich bin ein Kontrollfreak, mache viele Takes“, gesteht er. Ein Teamworker ist Köhler trotzdem. Er braucht die Wahrnehmung der anderen: Sagt’s und geht in den Kinosaal, wo gerade der Abspann läuft. Dort sind die Namen aller Beteiligten ganz unhierarchisch übereinandergeblendet. Er hat sich einen Zettel geschrieben, damit er keinen vergisst, wenn er die Crew auf die Bühne holt.

Delphi Lux, fsk, Wolf, Hackesche Höfe

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