Die 27-jährige Dirigentin Margaryta Hrynyvetska leitete das Konzert. Foto: André Stadniuk
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Ukrainisches Exil-Orchester "Mriya" Perfektion, fast aus dem Stand

Ukrainische Musikerinnen und Musiker haben ein Exil-Orchester gegründet. Beim Debütauftritt in der Berliner Philharmonie begeistern sie das Publikum.

Sie nennen sich „Mriya“, auf Ukrainisch bedeutet das: „der Traum“. Musikerinnen, die nach Deutschland geflohen sind, haben sich vernetzt – und ein Exil-Orchester gegründet, das am Dienstag in der Philharmonie zu erleben war. Die Fäden für das Projekt laufen an verschiedenen Stellen zusammen, in Berlin, in Potsdam, vor allem aber in Bremen, beim Verein „Culture Connects“.

Dessen Gründer Roman Ohem stellt vor Konzertbeginn einige Mitstreiter-Hilfsorganisationen vor und berichtet, dass ein ukrainischer Cellist seit Kriegsbeginn eine Liste aller geflüchteten Musiker:innen aus seinem Land führt. Hunderte Namen seien dort registriert, die besten von ihnen, so Ohem, vereint nun „Mriya“. Erste Konzerte hat das neue Orchester bereits in Bremen sowie der Hamburger Elbphilharmonie gegeben.

Elgars Streicherserenade leuchtet

Wie hoch das Niveau der künstlerischen Ausbildung in der Ukraine ist, weiß man natürlich in Klassik-Kreisen. Und die „Mriya“-Musikerinnen – und wenigen Musiker – bestätigen das am Dienstag auf beeindruckende Weise. Nach der Nationalhymne, zu der sich alle im Saal erheben, lässt das Ensemble Edward Elgars Streicherserenade leuchten: Klar ist der Klang, er hat Volumen und Glanz, die Melodien erblühen auf Edgar-typische Weise, in einer melancholisch-verhangenen Spielart der Romantik, mit noblen, weichen Konturen.

Andrej Bielow und Kateryna Suprun waren die Solisten in Atterbergs Suite Nr.3 Foto: André Stadniuk Vergrößern
Andrej Bielow und Kateryna Suprun waren die Solisten in Atterbergs Suite Nr.3 © André Stadniuk

Dass sie erst seit März zusammenspielen, dass die erste offizielle Probe in der Berliner Besetzung am Montag stattfand, mag man kaum glauben. Bestens eingespielt, so wirkt diese Formation. Was zweifellos auch daran liegt, dass hier Streicherinnen mitspielen, die sonst Solistinnen sind. Drei Frauen werden im Laufe des Abends nach vorne treten, als prima inter pares brillieren, um sich dann wieder einzufügen in ihre Gruppe.

Tolle Solistinnen und Solisten

Hanna Tsurkan spielt den Primgeigenpart in Myroslav Skoryks „Carpathian Rhapsody“, singt erst sehnsüchtig auf ihrem Instrument und wird dann zur Vortänzerin bei einem mitreißenden Medley von Balkan-Rhythmen. Die blutjunge Varvara Vasylieva begeistert in Johann Sebastian Bachs A-Moll-Violinkonzert mit ihrer beseelten Interpretation: Wie innig sie den langsamen Satz gestaltet, ist zugleich bewundernswert und berührend.

Die Bratscherin und „Mriya“-Initiatorin Kateryna Suprun schließlich musiziert gemeinsam mit dem Grazer Violinprofessor Andrej Bielow, zunächst Kurt Atterbergs spätromantische 3. Suite, dann ein witziges Werk des 1942 geborenen Yevhen Stankovych, das sich „Fast eine Serenade“ nennt und in einen tändelnden Tango mündet.

Mozarts Konzert für zwei Klaviere steht noch auf dem übervollen Programm, mit Kateryna Titova und Artem Yasynskyy an den von Bechstein zur Verfügung gestellten Konzertflügeln, außerdem Stücke von Valentin Silvestrov, Lutoslawski, Viktor Rekalo und Yuriy Shevchenko. Die 27-jährige Dirigentin Margaryta Hrynyvetska behält bei dem wilden Stilmix den Überblick, führt ihr Ensemble mit expressiver, dabei stets feingliedriger Gestik. Fortsetzung folgt, auf der Plattform www.mriya.de – und hoffentlich bald auch wieder live in Berlin.

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