Beide Bücher ergänzen einander auf unheimliche Weise

Moderne Verkehrsüberwachung. Am Stand von SenseTime, dem chinesischen Marktführer für Gesichtserkennung, bei der Security China 2018 in Peking. Foto: Thomas Peter/Reuters
Überwachung in China und im Westen Die neue Logik der Seele

Die Diagnose selbst ist nicht neu. Zuboff selbst hat Frank Schirrmacher für seine Kampfschrift „Ego – Das Spiel des Lebens“ mit entsprechenden Analysen munitioniert. Die erzählerische Ruhe, von der ihr materialreiches Buch lebt, machen es indes zu einer noch viel bestürzenderen Untersuchung. Mit dieser Radikalität hat noch niemand den Totalitarismus einer „Dritten Moderne“ beschrieben, die ihre Zeitgenossen einer umfassenden „Dressur“ unterwirft. Statt Bürgern zieht sie mit „instrumentärer“ Macht Marionetten heran.

Kai Strittmatters „Neuerfindung der Diktatur“ und Shoshana Zuboffs „Überwachungskapitalismus“ ergänzen einander auf unheimliche Weise. Was ihm methodisch fehlt, hat sie im Überfluss. Und wo er Chinas Überwachungsstrategien als zielgerichtete ideologische Perfidie beschreibt, sieht sie ein sich verselbstständigendes Marktdenken am Werk: „Der Überwachungskapitalismus ist keine Technologie, er ist vielmehr die Logik, die die Technologie und ihr Handeln beseelt.“ Zusammen liefern die beiden ein so rabenschwarzes Bild der Zukunft, dass die heraufziehenden Umweltverheerungen nur wie der letzte Sargnagel für den Planeten wirken.

Erstaunlicherweise treffen sie sich nicht nur im Blick auf China als technologische Avantgarde, sondern auch als Ressource eines Denkens von einem anderen Ort aus. Zuboff stellt der allgemeinen Verdunklung W. H. Audens (leider in grauenhafter deutscher Version zitierten) Sonettenzyklus „In Time of War“ gegenüber, der ihr als anthropologische Selbstvergewisserung dient. Zusammen mit seinem Freund, dem Schriftsteller Christopher Isherwood, war der englische Dichter 1938, auf dem Höhepunkt des japanisch-chinesischen Krieges, durch das Reich der Mitte gereist. Dabei steuerte er zu dem nie ins Deutsche übersetzten Reisebuch „Journey to a War“ 27 Gedichte und einen Vers-„Commentary“ bei, der auf der unauslöschlichen Gestaltungsfreiheit des Menschen beharrt. „Nothing is given: we must find our law“, heißt es da. Frei übersetzt: Uns ist nichts auferlegt, wir brauchen unser eigenes Gesetz.

Ein System von Jasagern wird anfällig für Fehler

Dagegen wirkt Strittmatter wenig kampfbereit. Wenn man nicht wüsste, dass er die chinesischen Verhältnisse von Grund auf kennt und seine Bitterkeit auch aus enttäuschter Liebe rührt, könnte man ihm vorwerfen, dass er trotz objektiver Verdüsterung der Lage kaum noch Zwischentöne kennt. Kapitel um Kapitel häuft er Belege für den Expansionsdrang des chinesischen Staatskapitalismus auf, der westliche Politiker und Forscher korrumpiert. Er plädiert unnachgiebig für die Auflösung der Konfuzius-Institute an den deutschen Universitäten. Und er erklärt, wie das Gift der Kulturrevolution noch immer in den Herzen der Chinesen sitzt und „die Kunst der Verstellung dem Untertanen in der Autokratie zur zweiten Natur wird“.

Manchmal scheint es, als wollte er seine Kritik auf die Spitze treiben, um jenen Punkt zu simulieren, an dem System von alleine kollabiert. Denn mit der Annahme, dass kein Regime jemals die vollständige Herrschaft über seine Untertanen erringen wird, hat er ebenso recht wie mit der Andeutung, dass totale Kontrolle die Entfaltung einer Kreativität behindert, ohne die auch rein ökonomische Innovation nicht auskommt. „Wenn einer“, schreibt er mit Blick auf Xi Jinping, „auch loyale Opposition nicht mehr duldet und am Ende nur mehr von Hofschranzen und Jasagern umgeben ist, dann macht er das System anfällig für Fehler, die ohne Korrekturmechanismen schlimme Konsequenzen haben können.“ In diesem Sinn findet in China gerade eines der größten Experimente in der Geschichte der Menschheit statt.

Der Ton bei alledem ist leicht, manchmal geradezu flapsig. Es ist das Buch eines Journalisten, der gern seinen rhetorischen Mitteln vertraut und daraus seine Kraft bezieht. Es ist, so Strittmatter, jedenfalls nicht nur fatal, dass Europa Chinas Durchsetzungskraft unterschätzt und in der Bewertung der Expansion politisch gespalten ist wie nie zuvor. Europa, so lässt er zumindest anklingen, unterschätzt auch bei Weitem, wie eine unter autoritären Vorzeichen prosperierende Wirtschaft das aufklärerische Licht des westlichen Liberalismus eintrübt. Zusammen mit Shoshana Zuboffs Diagnosen ist das eine Mahnung, der man sich nicht entziehen sollte.

Kai Strittmatter: Die Neuerfindung der Diktatur. Wie China den digitalen Überwachungsstaat aufbaut und uns damit herausfordert. Piper, München 2018. 288 S. 22 €.
Shoshana Zuboff: Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus. Aus dem Englischen von Bernhard Schmid. Campus, Frankfurt a.M. 2018. 727 S., 29,95 €.

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