Ein Liebespaar entschwebt im Himmel. Roy Andersson dreht solche Szenen in seinem Studio. Foto: Neue Visionen
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„Über die Unendlichkeit“ im Kino Geschichten aus 1001 Ohnmacht

Der schwedische Filmemacher Roy Andersson erkundet mit „Über die Unendlichkeit“ erneut die Absurdität der menschlichen Existenz.

Scheherazade erzählt. „Ich sah einen Mann, der seinen Glauben verloren hat.“ Der Priester träumt, dass ihn seine Gemeinde mit einem Kreuz auf dem Rücken einen Berg hinauftreibt, schweißgebadet wacht er auf. Ein Psychologe drängt den verzweifelten Mann unsanft aus der Praxistür, weil er Feierabend machen will. Vor der Kommunion nimmt der Priester noch zwei kräftige Schlucke vom Messwein, bevor er aus der Sakristei torkelt.

Scheherazade erzählt weiter. „Ich sah einen Mann, der die Ehre seine Familie verteidigen wollte und es später bereute.“ Ein Mann hält schluchzend seine tote Frau im Arm, das Messer noch in der Hand. Die Familie steht stumm im Türrahmen.

Die Erzählstimme ist neu im Werk des schwedischen Filmemachers Roy Andersson, eines der geschlossensten Œuvres im gegenwärtigen europäischen Autorenkino. Er habe sich für seinen sechsten Langfilm „Über die Unendlichkeit“ von der Erzählstruktur aus „1001 Nacht“ inspirieren lassen, hat Andersson in Venedig, wo er vergangenes Jahr den Regiepreis gewann, gesagt.

Trilogie über die Conditio humana

Die Beschreibung trifft allerdings auch schon auf seine preisgekrönte Trilogie über die Conditio humana zu, die zwischen 2000 und 2014 entstand. In Aufbau und Grundstimmung sind sie sich zum Verwechseln ähnlich.

Der Abschluss der Trilogie „Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach“ – ein Film über das Menschsein, so der Untertitel – besteht aus 39 Miniaturen, die in ihrer schwermütigen Lakonie, der elaborierten Absurdität ihrer farbentsättigten Szenenbilder einen schicksalshaften Fluss entwickeln.

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„Trivialist Cinema“ hat Andersson sein Werk einmal genannt, Filme über ganz normale Leute in Alltagssituationen. Seine Totalen sind frontal gefilmt, die Tiefenschärfe der Bilder ist erbarmungslos. Die traurigen Gestalten, die in ihnen nahezu bewegungslos herumstehen, wirken in den Interieurs wie verloren. Manchmal werden auch Persönlichkeiten aus der Geschichte in den Filmen Anderssons ganz klein gemacht.

„Über die Unendlichkeit“ wagt sich einmal in den Führerbunker, ein paar Nazis hängen besoffen am Tisch herum, im Hintergrund donnern schon die Bombeneinschläge. Als Hitler den Raum betritt, raffen sich die Männer zu einem kraftlosen „Sieg Heil“ auf, der Führer sucht erschüttert Halt an der Tischkante. Die Kamera starrt ungerührt auf die Szenerie, ein Anti-Untergang-Moment. Die Menschlichkeit bleibt die große Leerstelle.

Panoptikum der Menschheitsgeschichte

Niemand sollte erwarten, dass Andersson mit 77 Jahren sein Kino noch einmal neu erfindet, das hat er auch gar nicht mehr nötig. Auf unverwechselbare Weise entfaltet es seinen Reichtum; von Vignette zu Vignette, von Film zu Film entwirft Andersson in feinen Nuancen ein Panoptikum der Menschheitsgeschichte.

Da ist es konsequent, dass er eine überlebensgroße Figur wie Hitler neben die „kleinen Leute“ stellt, die in Bars bedröppelt über ihrem Bier kauern oder einem verpassten Leben nachtrauen, nachdem ihnen ein alter Klassenkamerad über den Weg gelaufen ist. Alles andere würden bedeuten, Hitler zu externalisieren, ihn zum bloßen Monster abzustempeln.

Anderssons Filme aber nehmen den Menschen zunächst mal, wie er ist, seine Taten bewertet er nicht. Grausamkeit und Aufopferung, Zweifel und Hoffnung, all diese Erfahrungen machen in der Summe die menschliche Existenz aus. Das klingt auf dem Papier banal, doch in Anderssons rigoroser Mise-en-Scène, die fast ausschließlich im Studio entsteht, ist dieses Fazit immer wieder aufs Neue bewegend.

Anderssons Figuren sind blass wie der Tod

„Über die Unendlichkeit“ verhält sich mit einer Länge von 77 Minuten zu der gut fünfstündigen Trilogie wie eine Fußnote. Die Variationen vertrauter Situationen verschaffen dem Gesamtwerk keinen neuen Erkenntnisgewinn, Andersson komplettiert lediglich die Register menschlicher Verhaltensformen – jedoch nicht als Behaviorist, sondern als Anthropologe.

Wo seine Miniaturen in früheren Filmen meist noch auf eine Pointe hinausliefen, ähneln viele Einstellungen in „Über die Unendlichkeit“ eher lebendigen Tableaus. Das Absurde seiner Alltagsbeobachtungen weicht einer Stoik, die man jedoch nicht mit Gleichgültigkeit verwechseln sollte – ein oft gehörter Vorwurf. Andersson ist tatsächlich ein Humanist, ein Verfechter des schwedischen Sozialstaatsmodells, weswegen er an der Filmhochschule in den Siebzigern auch mal mit seinem Dozenten Ingmar Bergman aneinandergeraten sein soll.

So öffnet sich in der aschfahlen Monotonie – Anderssons Figuren sind blass wie der Tod – immer wieder ein Raum für überraschende Momente. Ein Gruppe junger Frauen tanzt zu einem Rock’n’Roll-Song. Ein Liebespaar schwebt am Himmel über einem Modell des zerbombten Köln. „Ich sah einen Mann, der sich verlaufen hat“, sagt die Stimme aus dem Off. Anderssons Scheherazade muss immer weiter erzählen, um die Menschheit vor sich selbst zu bewahren.
Ab Donnerstag in 15 Berliner Kinos (auch OmU)

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