Unterstützer von US-Präsident Trump stehen vor Polizeibeamten auf dem Gang vor der Senatskammer im Kapitol in Washington. Foto: Manuel Balce Ceneta, dpa
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Trump ist wörtlich zu nehmen Der Kapitol-Sturm war ein Putschversuch

Klaus Brinkbäumer

Nach dem Sturm auf das Kapitol fragt sich unser Kolumnist, ob wir Donald Trump nicht ernst genug genommen haben. Die Antwortet ist eindeutig.

Klaus Brinkbäumer ist vom 15. Januar an Programmdirektor des Mitteldeutschen Rundfunks in Leipzig. Zuletzt war er Autor der „Zeit“ und Chefredakteur des „Spiegel“. Sie erreichen ihn auf Twitter unter @Brinkbaeumer.

Dass er anders als andere Politiker sei, na ja, ein bisschen ungehobelt eben und emotional, das sagten vier Jahre lang jene, die folgerten, wir sollten Trump ausschließlich an seinen Taten messen, punktuell ernst nehmen also, doch bitte nicht wörtlich.

Die Gegenposition war, jeden Tweet dieses Mannes wie eine Nachricht zu behandeln, sekündlich wortwörtlich, denn er war nun einmal der Präsident der Vereinigten Staaten.

Der Autor Ezra Klein, Fachmann für die Ursachen von Polarisierung, hat geschrieben, dass beim Putschversuch des 6. Januar, jenem Sturm auf das Kapitol von Washington, zu welchem der Präsident aufgefordert hatte, beides zusammenkam: Wort und Tat.

Das Themengebiet dieser Kolumne, Sprache und Politik, weist auf ihren Zweck und Sinn: die Frage zu erörtern, was Sprache verändert, erreicht, zerstört. Deshalb:

Wir müssen Autokraten wie Trump wörtlich und ernst nehmen, beides zugleich und ständig. Dass sie irritierend unintelligent sein mögen, kann dazu führen, dass wir weder das eine noch das andere tun, was ein Fehler ist: Dann unterschätzen wir sie. Das ist gefährlich, denn wir unterschätzen bereits, wie jung und fragil die liberale Demokratie ist.

Wir sollten damit rechnen, dass Autokraten wie Trump handeln

Wenn eine Demokratie zerstört wird, kommt die Attacke in heutigen Zeiten von innen: Ein Autokrat führt einen populistischen Wahlkampf, gewinnt, und im Amt höhlt er dann das Wahlrecht aus, denunziert politische Gegner und Medien, regiert korrupt und nepotistisch, setzt das Militär gegen das eigene Volk ein.

Da Demagogen wie Trump viel reden, können sie nicht alles, was sie sagen, auch tun. Das heißt nicht, dass sie es nicht ernst und wörtlich meinten. Wir sollten damit rechnen, dass sie handeln, mindestens damit, dass sie andere dazu bringen, die Worte des Herrschers zu Taten zu machen.

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Im Falle Donald Trumps stimmt es nicht, dass Wort und Tat erst jetzt identisch geworden seien. Er hat die Rassisten von Charlottesville „sehr nette Menschen“ genannt; er hat Mexikaner zu Vergewaltigern und die Bewegung von Migranten zu einer „Invasion“ erklärt, was der Attentäter von El Paso in sein sogenanntes Manifest übernahm, ehe er 22 Menschen tötete. Xenophobe und misogyne Rhetorik des Mannes im Weißen Haus haben in den USA Tabus fortgeräumt: Man darf wieder „Schlampe“ sagen, weil der Präsident „Schlampe“ sagt.

Trump hat die „Proud Boys“ ermuntert

Die Erstürmung des Sitzes der Gouverneurin von Michigan folgte dem Tweet des Präsidenten: „Befreit Michigan!“ Trump hat jene Rechtsextremisten namens „Proud Boys“ aufgefordert, sich bereit zu halten („Stand back, and stand by“), die den Sturm auf das Kapitol mitorganisiert haben; „wir lieben euch“, rief der Präsident seinen Kämpfern zu. Dass er Medien zu „Volksfeinden“ und „Fake News“ erklärt, kopieren andere Politiker; 2020 wurden weltweit über 50 Journalistinnen und Journalisten getötet.

Dass nun die USA polarisiert sind, weil politische Haltungen längst zur Identitätsfrage geworden sind, hat gewiss mit beiden Parteien zu tun: Auch weil die Demokraten langsam nach links streben, wird der Graben breiter.

Die Republikaner aber tun beides: Sie erweitern und vertiefen diesen Graben. Der politische Gegner sei Sozialist, Verräter, Feind, das ist die Sprache, die seit Ende der 60er Jahre vorbereitet hat, was nun im Kapitol geschah. „Amerika wird nie wieder Amerika“ sein, wenn Demokraten Wahlen gewönnen, sagte Trump am 4. Januar. Das Lob der Gewalt, der Ruf nach Gewalt kommt in den USA von rechts.

Nun, eine Woche vor Ende der Trump-Jahre, wenden sich führende Republikaner gegen Trump. Sie saßen im Kapitol. Die Wucht und die Wirkung seiner Worte hatte sich zum ersten Mal gegen sie selbst gerichtet.

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