Schöpfungsmythos. Natasha Tontey aus Yogyakarta entwickelte für die Transmediale die Installation „The Epoch of Mapalucene“. Foto: Natasha Tontey, Luca Girardini, CC NC SA 4 0
© Natasha Tontey, Luca Girardini, CC NC SA 4 0

Transmediale, jetzt auch vor Ort Eine Geschichten von Nein-Sagern

Spekulationen über die Zukunft: Die Ausstellung des Digitalkunst-Festivals Transmediale ist noch für ein paar Tage geöffnet.

Es ist alles ein bisschen anders bei dieser 34. Transmediale, die nach neunjähriger Amtszeit des Medienarchäologen Kristoffer Gansing nun zum ersten Mal von der Kuratorin und Designexpertin Nora O Murchú geleitet wird. Auch der Ort hat gewechselt.

Nicht im Haus der Kulturen der Welt findet das Festival für digitale Kultur statt, sondern im Silent Green in Wedding, im Kunstraum Kreuzberg – und coronabedingt auch viel im Internet. Die Ausstellungen konnten bisher nur per „Remote-Visit“ oder Video-Führung gesehen werden. Jetzt sind sie erstmals zugänglich. Im Fall des Silent Green nur noch ein paar Tage.

Die Präsentation in der dortigen Betonhalle, einem ehemaligen Krematorium, beschränkt sich auf fünf Arbeiten. Diese Reduktion und Entschleunigung zieht sich durch die gesamte Veranstaltung. „For Refusal“ lautet die große Überschrift, die Nora O Murchú dem Festival und der Ausstellung gegeben hat. Ergründet wird das Potenzial der Verweigerung, vom alltäglichen Nein-Sagen über die Entscheidung gegen bestimmte Technologien und die Ablehnung von Autoritäten bis zum politischen Aufstand.

Die fünf Arbeiten in der Betonhalle sind großzügig installierte Videokunst. Manche, wie die von Natasha Tontey, einer Künstlerin aus dem indonesischen Yogyakarta, die auch Artist-in-Residence der Transmediale ist, sind mit skulpturalen Elementen kombiniert.

Tontey sucht, wie auch andere bei dieser Transmediale, mittels intuitiver Recherchen und künstlerischem Futurismus Alternativen zum anthropozentrischen Weltbild. Nicht nur die männliche und westliche Dominanz wird hier infrage gestellt, sondern auch die des Menschen gegenüber der unbelebten Welt.

Kolonialismus und Moderne

In Tonteys Video rücken Steine als Verbündete in den Fokus. Die Idee kommt aus der Gabenkultur der in der indonesischen Provinz Nordsulawesi beheimateten Gemeinschaft der Minahasa. In der Minahasa-Kosmologie war der erste Mensch eine Frau, die ihre Tochter durch einen Stein zur Welt brachte. Davon ausgehend entwickelte sich ein Tauschsystem mit Steinen, das auf Freiwilligkeit, Verwandtschaft mit der Natur und gegenseitiger Hilfe beruht.

Der Film zeigt verschiedene Rituale vor Ort, bei denen die Minahasa Verbindung zu nichtmenschlichen Entitäten aufbauen. So sieht man einen Kriegertanz, bei dem die männlichen Jugendlichen in der Überzahl sind, aber eine selbstbewusste junge Frau das Geschehen dominiert.

[Kunstraum Kreuzberg/Bethanien, bis 28. 3., Silent Green, Betonhalle, bis 20. 3., Mo–So 12–18 Uhr. Nur mit Anmeldung, begrenzte Gästezahl, transmediale.de]

Wie die uralte Praxis sich mit Kolonialismus und Modernität kreuzt, das ist eine von Tonteys zentralen Fragen. Mit ihrer Arbeit spekuliert sie über die Minahasa-Kosmologie als Alternative zum derzeitigen politischen und wirtschaftlichen System Indonesiens. Die Transmediale ist voll mit solchen Gegengeschichten, neuen Narrativen und altem Wissen, die als Ressourcen für das digitale Leben angezapft werden.

Die Videoinstallation „ Ruses and Refusals“ von Madison Bycroft im Kunstraum Kreuzberg. Foto: Luca-Girardini-CC-NC-SA-4.0 Vergrößern
Die Videoinstallation „ Ruses and Refusals“ von Madison Bycroft im Kunstraum Kreuzberg. © Luca-Girardini-CC-NC-SA-4.0

Die in Berlin lebende Künstlerin Sung Tieu, Jahrgang 1987, die soeben für den renommierten Preis der Nationalgalerie nominiert wurde, zeigt die Videoarbeit „Memory Dispute“. Der 22-minütige Film bringt eine im amerikanisch-vietnamesischen Krieg mit Napalm attackierte Regenwaldgegend in Zusammenhang mit einer Hautaufhellungsprozedur, die in Asien sehr verbreitet ist. Man sieht, wie sich dünne Hautschichten vom Körper schälen und Nebel über die mit Bunkern durchzogene Landschaft zieht. Die chemische Invasionen mit Langzeitfolgen, für Landschaft, Körper und Seele.

Kritik an der Obsoleszenz

Im Kunstraum Kreuzberg ist der andere Teil der Ausstellung aufgebaut. Auch hier haben die einzelnen Werke viel Platz, fast jedes hat einen eigenen Raum. Der Fußboden glänzt wie ein weißer See, das Licht ist rosa, die Installationen sind reich an Bezügen, aber immer mit ästhetischem Wert. Die unsinnlichen Zeiten der Transmediale scheinen vorbei zu sein.

Ein Beispiel ist die Videoinstallation von Madison Bycroft. 1987 in Australien geboren und in Berlin lebend, setzt Bycroft sich in dieser Arbeit mit Figuren aus Kunstgeschichte, Religion und Popkultur auseinander, die auf die ein oder andere Art Verweigerung übten, etwa Diogenes in seiner Tonne, Buster Keaton mit versteinerter Miene oder die englische Mystikerin Juliana von Norwich, die sich im 14. Jahrhundert freiwillig in eine Art Dauer-Quarantäne begab.

Laura Yuiles Raum besticht optisch durch die Idee, alte Fernseher und Telefonapparate mit einer krümeligen Kieselsteinschicht zu überziehen. Diese mit billigem Baumaterial überwucherte Elektroniklandschaft ist als Kritik an den kurzen Halbwertzeiten unserer technischen Geräte zu lesen. In den Filmen, die auf den Dingern teils noch laufen, zeigt die Künstlerin entvölkerte Büroräume mit vor sich hinalternden Computern, die nach der Pandemie womöglich gar nicht mehr unsere Ansprüche erfüllen.

Ein Paradigmenwechsel

Nora O Murchú setzt als Direktorin andere Akzente als ihr Vorgänger, sie arbeitet mit vielen Künstler:innen, die in den vergangenen Jahren noch nicht dabei waren. Einen transnationalen Blick hatte die Transmediale immer, doch nun kommen nochmals andere Stimmen zu Wort. Auch wirkt alles entspannter, weniger gehetzt.

Nun kann man diese Ausgabe natürlich nicht mit der von 2020 vergleichen, die gerade noch unbehelligt von Corona stattfinden konnte. Aber es wirkt wie ein Paradigmenwechsel, hin vom vollgepackten, hyperventilierenden Festival, hin zu einem menschlicheren, feminineren weniger leistungsorientierten Austausch von Kunst und Wissen. Es ist zu früh, um zu sagen, ob die neue Form funktioniert und wen sie erreicht. Der Anfang fühlt sich aber schon mal gut an. Im April geht es dann im Silent Green mit einem eigenen Transmediale-Projektraum weiter.

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