Tracey Emin, 2016. Foto: Alex Hofford/dpa
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Tracey Emin fordert Werk zurück Englands schamloseste Künstlerin schämt sich für Boris Johnson

Tracey Emin hat der Regierung 2011 ein Kunstwerk geschenkt. Nun fordert sie von Boris Johnson, es abzuhängen.

Jetzt ist aber Schluss. Selbst der britischen Künstlerin Tracey Emin reicht es. So wie es vielen Briten reicht. Premierminister Boris Johnson feierte im Lockdown, während sich das Volk an die Kontaktbeschränkungen hielt und die Queen einsam beim Begräbnis von Prinz Philip saß. Eigentlich müsste sich Johnson mächtig schämen. Tut er aber nicht. Der Mann zeigt keine Reue, kennt anscheinend keine Scham. Das wird nun sogar der unmoralischsten Künstlerin Großbritanniens zu viel.

Emin, die in den neunziger Jahren als Vertreterin der Young British Artists bekannt wurde und bestimmt nicht grundsätzlich etwas gegen Partys hat, fordert nun ein Kunstwerk zurück, das sie der Regierung einst geschenkt hat. Kurz nach seiner Wahl wünschte Ex-Premier David Cameron sich 2011 ein Werk von Emin. Die kreierte eine Neonschrift in Rot, die nun in der Downing Street 10 im ersten Stock hängt, vor dem „Terracotta-Zimmer“, wo oft Gäste empfangen werden. „More Passion“, mehr Leidenschaft, lautet der Schriftzug.

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Man kann sich das vorstellen: Bierdosen zischen, Champagner wird serviert. „Come in“, ruft Gastgeber Johnson, beschienen von Emins Neonskulptur, die dem gediegenen Amtssitz ein bisschen Wildheit einhaucht. Alle umarmen sich zum Hallo, von wegen Ellenbogengruß. Dann gehen sie ins Terracotta-Zimmer, um dort ausgiebig weiterzufeiern.

Tracey Emin findet ganz zu recht, dass Johnson „More Passion“ nicht braucht. Der Mann hat eher zu viel Leidenschaft – und zwar ausschließlich für sich selbst. Wenn der Premier den Regierungssitz in der Londoner City nicht freiwillig räumt, kann man ihm zumindest schon mal die Möbel wegschnappen. Auf dass es ungemütlich werde in Downing Street 10. Mal schauen, wer dann noch zum Feiern kommt.

Sie gilt als Englands schamlosteste Künstlerin

Seit Tracey Emin 1999 für den Turner-Prize nominiert war und bei der Gelegenheit ihr eigenes, zerwühltes Liebesnest ausstellte, inklusive benutzter Kondome, leerer Schnapsflaschen, Kippen und blutigem Schlüpfer, gilt sie als Englands schamloseste Künstlerin, die für vieles steht, was britische Konservative überhaupt nicht mögen. Mit Cameron hat sie sich trotzdem gut verstanden. Der erntete entrüstete Kommentare, als er sich ausgerechnet ein Kunstwerk der ruchlosen Emin für seine Repräsentationsräume aussuchte. „More Passion“, was will er denn damit sagen, höhnte der „Guardian“ damals. „Verlangt eine neue, saubere Kultur und pflegt Freundschaft mit einer Künstlerin, die selbst nur Müll produziert“.

Emin, mittlerweile 58 Jahre alt, hat wahrscheinlich mehr Moral als viele ihr zutrauen. In einem Instagram-Post schreibt sie, „More Passion“ sei das Letzte, was die Regierung jetzt brauche. Das Verhalten des Premiers findet sie „beschämend“. Das Kunstwerk gehöre der Regierung, sie wolle es nicht zurück, nur abgehängt solle es werden. „Es kann in die britischen Botschaft in Kairo oder ins Depot“, schreibt Emin. Hoffentlich findet sie den richtigen Ansprechpartner in der Downing Street. Wer schraubt das ab?

Auf Instagram wird bereits überlegt, welchen Schriftzug sich Johnson stattdessen aufhängen sollte. Die meisten sind für „More Compassion“. Mehr Mitgefühl.

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