Literatur und Popmusik. Die Musiker von Tocotronic, links Jan Müller und Dirk von Lowtzow. Foto: Michael Petersohn/promo
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Tocotronic und ihr neues Album Teenage Riot im Reihenhaus

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Eine Autobiografie in zwölf Songs: Die Band Tocotronic legt mit „Die Unendlichkeit“ ein persönliches und formvollendetes Album hin. Und ihr bislang schönstes.

Es ist verblüffend, auf welchen Wegen die Literatur, die deutschsprachige zumal, ihren Einzug in die Popmusik findet. Da sitzt also Dirk von Lowtzow von Tocotronic an einem frühen und sehr trüben, regnerischen Mittwochnachmittag in einem fensterlosen Büro im siebten Stock des Universal-Gebäudes direkt an der Spree, um Auskunft über das neue Album seiner Band zu geben, und sagt irgendwann den Satz: „Peter Kurzeck war mit Sicherheit ein großer Einfluss für uns, ein Auslöser für dieses Album. Der Mann wird viel zu wenig gewürdigt".

Obwohl der 2013 verstorbene Schriftsteller tatsächlich nicht gerade zum Kanon der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur gehört, er nie so bekannt geworden ist wie ein Walser, Grass oder auch Thomas Bernhard, liegt die Erwähnung seines Namens, seines Werkes durch Dirk von Lowtzow nicht ganz so fern: Peter Kurzeck war ein begnadeter schreibender Erinnerungskünstler, in seinen Romanen musste er unentwegt „die ganze Gegend erzählen und alles, was nicht mehr da ist.“ Und Tocotronic wiederum veröffentlichen mit „Die Unendlichkeit“ dieser Tage ein Album, das sie mit seinen zwölf Songs explizit als „eine Autobiografie in zwölf Kapiteln“ verstehen.

Von Lowtzow, der Sänger und Songschreiber der Band, und der neben ihm sitzende Tocotronic-Bassist Jan Müller geraten dann auch sofort ins Schwärmen vor allem über Kurzecks Hörbuch „Ein Sommer, der bleibt“, in dem dieser von seiner Kindheit in dem hessischen Dorf Staufenberg erzählt. Von Lowtzow sagt, wenn man selbst aus kleinstädtischen Zusammenhängen stamme – er wurde 1971 im badischen Offenburg geboren – „erkennt man darin vieles wieder. Beispielsweise die Naturbeschreibungen, wie Kurzeck und seine Freunde im Bach gebadet haben, wie sie durch die Wiesen und Auen gestreift sind, wie das nach und nach alles verbaut wurde durch die Autobahnzubringer und Ähnliches. Das sind Erfahrungen, die ich auch auf dem Land gemacht habe, selbst wenn das bei mir erst dreißig Jahre später der Fall war."

Dirk von Lowtzow versteht Jan Müller als Lektor

Es mag Zufall sein, dass Tocotronic auf Peter Kurzeck gestoßen sind; auch dass von Lowtzow, wie er später erzählt, im Korsika-Urlaub Didier Eribons Buch „Rückkehr nach Reims“ gelesen hat und darin den eigenen Song „Hey Du“ widergespiegelt sah. Der handelt davon, wie Menschen in einer Kleinstadt angefeindet werden, die anders aussehen, sich anders geben oder homosexuell sind.

Trotzdem hat die Konzeption von „Die Unendlichkeit“, und dass Dirk von Lowtzow als Songschreiber der Band erstmals gezielt Erinnerungsarbeit leistet, eine gewisse Folgerichtigkeit. Denn Tocotronic gibt es jetzt seit einem Vierteljahrhundert. Praktisch seit dem Tag, als sich von Lowtzow und Müller in Hamburg trafen und sich schnell einig waren, eine Band zu gründen, „alles andere war Nebensache, Ausbildungen, Studium“. Nachdem Arne Zank, mit dem Müller vorher schon in einer Band gespielt hatte, am Schlagzeug zu ihnen gestoßen war, veröffentlichten Tocotronic 1995 ihr Debüt „Digital ist besser“, das mit scheppernden Gitarren-Pop-Songs über Freiburger Tanztheater und Fahrradfahrer, blöde Gitarrenhändler oder der Sehnsucht, Teil einer Jugendbewegung sein zu wollen, für viel Aufsehen sorgte. Im Verein mit anderen Hamburger Bands wie Blumfeld oder Die Sterne brachte dieses Album und deren Nachfolger Tocotronic den Ruf „verkopft“, eben Teil einer deutschen Diskursrockbewegung zu sein.

Erstaunlich, dass die Band noch immer zusammen ist – 2004 stieß der US-amerikanische Gitarrist und Keyboarder Rick McPhail hinzu. Mit „Die Unendlichkeit“ veröffentlicht sie ihr nun schon zwölftes Album. Was die beiden Musiker im Büro ihrer Plattenfirma nicht zuletzt damit erklären, dass sie sich eben auch sehr freundschaftlich verbunden fühlen, dass nicht zuletzt die Arbeit innerhalb des Bandzusammenhanges sowie an anderen Projekten die Freundschaft mitdefiniere, wie Jan Müller es ausdrückt.

Insofern finden sich, versichern von Lowtzow und Müller, alle vier Bandmitglieder in den Texten ihres Sängers und Songschreibers wieder. Dirk von Lowtzow versteht gerade Jan Müller nicht zuletzt als „Lektor“, sie würden „die Arbeit am Text“ am Ende stets gemeinsam vornehmen. Und so habe er schon während der letzten Tour 2015 viel gelesen, nachgedacht und „aus dem Fenster geschaut“, so von Lowtzow, und dann, ausgehend von ein paar autofiktionalen Songs des Vorgängers sich überlegt, eine Art Memoir zu schreiben.

Auf den Einwand, dass insbesondere die frühen Tocotronic-Alben stark autobiografisch grundiert waren, entgegnet von Lowtzow, dass das damals eher „Tagebuchaufzeichnungen“ gewesen seien, die Band mehr als „Durchlauferhitzer“ funktioniert habe: „Alles was wir erlebt haben, kam da rein und wurde wieder ausgeschieden“. Ab dem vierten, fünften Album, habe er seine Lyrics viel artifizieller gestaltet: „Natürlich gab es auch da autobiografische Ansätze, doch habe ich mich oft sehr bewusst gegen so ein Authentizitätsdispositiv gewandt“.

Beide Musiker stimmen jedoch darin überein, dass sich womöglich ein Kreis schließe, man im Alter von 46, 47 Jahren auf ein doch recht langes Leben zurückblicken könne. So erzählt von Lowtzow insbesondere in den zentralen Songs des Albums so klar wie nie von Kindheitsängsten („Tapfer und grausam“), von der Pubertät und dem Aufwachsen in der Reihenhaussiedlung („Electric Guitar“), davon, wie er 1993 nach Hamburg kam („1993“), „das Jahr, in dem ich mich auf dem Tresen blutig schlug“. Oder er stellt in eben jenem Song „Hey Du“ die Frage: „Ist mein Stil zu ungewohnt für den Kleinstadthorizont/ Ist mein Stil zu ungewohnt, dass du mir mit Schlägen drohst?"

Manches Stück hat universellen Charakter

Einige dieser neuen Tocotronic-Songs haben universellen Charakter, besitzen eine tiefere Allgemeingültigkeit. „Electric Guitar“ mit seinem elaborierten Prefab-Sprout-Verweis im Titel dürfte vielen Mittelschichtskindern aus der Seele sprechen, dürfte ein Abgleich ihrer Adoleszenz-Erfahrungen sein mit Zeilen wie: „Ich ziehe mir den Pulli/Vor dem Spiegel aus/ Teenage Riot/ Im Reihenhaus“. Oder: „Die Treppe runter / zur Hintertür raus /Ich halte das alles / Hier nicht mehr aus.“ Und „Hey Du“, obwohl auf von Lowtzows Offenburger Hintergrund verweisend, lässt sich problemlos in die Gegenwart einspeisen, von wegen rassistischer Übergriffe und Homophobie nicht nur in ländlichen Gebieten.

Das ist der eine Vorzug dieses vielleicht besten Albums in der Tocotronic- Geschichte. Doch auch musikalisch wirkt es wie aus einem Guss. Es ist ruhiger als die Vorgänger, zurückgenommener, enthält einige Midtempo-Stücke mit viel Hitpotential, wie das wunderbare „Electric Guitar“ oder „Bis uns das Licht vertreibt“, hat schöne, ausgefeilte Arrangements, gar Bläser gibt es hier und da und einen durchgängig federnden sachten Schlagzeug-Groove. Und über dem Ganzen liegt stets Dirk von Lowztows rau-melancholischer, inzwischen auch manche Höhe treffender Gesang.

Auffallend ist, dass gerade von Lowtzow ab und an innehält im Gespräch und sagt, nicht zu anmaßend rüberkommen, sich nicht beweihräuchern, nicht zu sehr ins Literaturhistorische abdriften zu wollen. Er dann aber wieder von „einem Versuch über die Zeit und die Erinnerung“ spricht im Fall des Titel-Songs „Die Unendlichkeit.“ Oder betont, das Album habe eine „chronologische Ordnung“, die sich auf den letzten Stücken bis in die Gegenwart ziehe, es gar einen Ausblick in die Zukunft wage mit dem Schlusssong „Alles was ich immer wollte, war alles“ (woran sich ernüchternd anschließt „Alles was ich immer hatte, warst du“).

Man muss diese Chronologie nach hinten heraus nicht unbedingt nachvollziehen. Dafür sind die Lyrics zu verschlüsselt, zu privat, in Form der zweiten Person Singular auf wechselnde Gegenüber verweisend. Es mag zwar alles wahr sein, was von Lowtzow hier singt – doch erzählt wird darin lange nicht alles.

In diesen Zusammenhang passt, dass Müller und von Lowtzow auch etwas zugeknöpfter wirken bei Fragen nach ihrem Bandstatus in der Gegenwart, nach dem Älterwerden im Rock, oder dass Rockmusik im Augenblick nicht der letzte Schrei ist. „Tilman Rossmy hat einmal gesagt, da hat er noch bei der Band Die Regierung gespielt, er sei in einer Band, aber kein Musiker. Genau so geht es mir auch“, sagt Jan Müller dazu. „Wir durchlaufen einen künstlerischen Prozess“ sagt wiederum von Lowtzow, „und der ist naturgemäß im Wandel. Es gibt bei uns nicht diesen Moment, in dem wir uns fragen: War es das jetzt? Ist es das jetzt? Sind wir da angelangt, wo wir hin wollten? Mit den ganzen Memoirs, mit den Kurzecks, Eribons oder Knausgårds, da liegt etwas in der Luft. Uns hat immer interessiert den Zeitgeist zu erspüren. Und das hat viel mit Popmusik zu tun“.

Es werde nun im höheren Alter richtig interessant, sagt von Lowtzow noch, bevor er und Müller weitere Interviews im Universal-Haus geben: „Was passiert mit einem? Wie schreibt man, wie kreativ kann man sein“. Da sind sie dann wieder nah dran an jemand wie Peter Kurzeck, der sich unermüdlich schreibend so antrieb: „Nur weiter. Sowieso keine Wahl.“

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