Die reine Provo-Lust. Performerin Daisy Phillips. Foto: Thomas Aurin
© Thomas Aurin

„The Future“ an der Volksbühne Bad-Taste-Orgie auf der Müllkippe

Aufgeblasen, konfus und wenig zukunftsweisend: Constanza Macras’ Inszenierung „The Future“ an der Berliner Volksbühne.

Das Berufsbild des Orakels hat stark an Ansehen verloren – das führt die Choreografin Constanza Macras in ihrer neuen Produktion „The Future“ an der Volksbühne vor. Fernanda Farah tritt anfangs noch in weißer Tunika als das Orakel von Delphi auf und prophezeit, bei einem Krieg werde ein großes Imperium zerstört. Einem Mann, der nach seiner Zukunft fragt, weissagt sie, seine Tochter werde einen Sohn gebären, der ihn töten werde.

Mehr als zwei Jahrtausende später betreibt das Orakel einen Tarot-Salon. Die prophetischen Kräfte der Wahrsagerin halten sich allerdings in Grenzen; alles, was sie nun zu verkünden hat, ist: „Die Zukunft ist ein neues Album von Adele.“ Fernanda Farah, die einige sehr komische Auftritte an diesem Abend hat, sieht in ihrem Eighties-Kostüm ein bisschen wie Sue Ellen aus der amerikanischen TV-Serie „Dallas“.

Macras wirbelt munter Zeitebenen durcheinander. Simon Bellouard trägt mit französischem Akzent eine Passage aus Marinettis „Futuristischem Manifest“ von 1909 vor und preist die „Schönheit der Geschwindigkeit“. Johanna Lemke taucht in das mythische Denken ein und erzählt die Amaya-Legende über die Entstehung des Salzsees Salar de Uyuni in Bolivien.

Dieser Salzsee gilt als eines der größten Vorkommen für Lithium. Auch in Elektroautos stecken Lithium-Ionen-Akkus. „Und nun werden diese Autos in Brandenburg hergestellt – und das ist auch einer der Gründe, warum die Mieten in Berlin steigen", erklärt die Tänzerin später.

Doch keine Texte von Pollesch

Constanza Macras ist neben dem österreichischen Enfant terrible Florentina Holzinger eine der beiden Choreografinnen, mit denen der neue Volksbühnen-Intendant René Pollesch kooperiert. Für „The Future“ sollte ursprünglich auch Pollesch Texte beisteuern; nun hat Macras das Script allein verfasst, eine Art Remix von Angelesenem und Theorieschnipseln.

Die Choreografin hat sich von der feministischen Physikerin Karen Barad anregen lassen. Zitiert wird auch der italienische Schriftsteller Bifo Berardi, der die „allmähliche Aufkündigung der Zukunft“ konstatiert.

Johanne Lemke in "The Future". Foto: Thomas Aurin Vergrößern
Johanne Lemke in "The Future". © Thomas Aurin

Berardis These leuchtet einem intellektuell anspruchsvollem Publikum, wie Macras es voraussetzt, unmittelbar ein. Ein harter Brocken sind die Exkurse zur Quantenphysik – eine neue Leidenschaft von Choreografinnen. Wenn Johanna Lemke über das Quantenradierer-Experiment referiert, das die klassischen Vorstellungen von Zeit in Frage stellt, oder über das Phänomen der Diffraktion, dann hat man nicht den Eindruck, die Tänzerin hätte die Materie durchdrungen.

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Der Neoliberalismus ist Schuld

Es wird viel erklärt an diesem Abend, vielmehr doziert. Die austauschbaren Textbausteine werden einem nur so um die Ohren gehauen. Dieser Belehrung stehen Musical-Nummern und ziemlich alberne Szenen gegenüber. Wie ein Comic Strip mutet die Kampfszene an, in der sich Römer, Wikinger und ein moderner Anzugträger mit Keule, Schwert und Lanze aufeinanderstürzen. Eine Eighties-Party dient vor allem als Anlass, die Modesünden der Dekade Revue passieren zu lassen. Kostümbildnerin Eleonore Carrière hat ganze Arbeit geleistet; doch die Bad-Taste-Orgie verliert schnell ihren Reiz.

Die dreiköpfige Band spielt dazu Oldies wie „Atomic“ von Blondie und das schmalzige „The Time of My Life“ aus dem Film „Dirty Dancing“. Die Tänzer:innen treten nun als „Nostalgia“ und „Dyscronia“ auf und referieren über Retro-Wellen in der Popmusik. Das gipfelt in der These, dass es der Kultur im 21. Jahrhundert nicht mehr gelingt, die Gegenwart zu erfassen – was am Neoliberalismus liege.

Die Menschheit kommt nicht voran

Der antikapitalistische Furor nimmt im Laufe des Abends zu. Mit Blick auf Elon Musk und andere Superreichen heißt es gen Ende: „Stell dir vor, in der Zukunft gibt es nur noch diese Typen – abzüglich deiner Freunde.“ Reine Provo-Lust verrät die Szene, in der Miki Shoji ihre Kolleg:innen bittet, für ein Bild nackt mit einem religiösen Symbol zu posieren.

Im Hintergrund der Bühne befinden sich zwei Hügel, bedeckt von blauer Plastikfolie. Immer wieder erklimmen die Performer:innen die Müllkippe und rutschen abwärts. Die Menschheit kommt nicht voran in der Bewältigung ihrer Krisen, lautet die Botschaft. Constanza Macras übt sich in in der Rolle der Kassandra. Doch die Mittel, mit denen sie ihre No-Future-Diagnose präsentiert, nutzen sich schnell ab. Auch die Tanzszenen zünden meist nicht.

„The Future“ wirkt aufgeblasen und konfus und bringt wenig Erkenntnisgewinn. Keine zukunftsweisende Produktion für die Volksbühne.

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