Diversity. Makkari, gespielt von Lauren Ridloff, ist die erste gehörlose Superheldin im Marvel-Universum. Foto: Sophie Mutevelian, Marvel Studios
© Sophie Mutevelian, Marvel Studios

„The Eternals“ im Kino Diese Superhelden können Marvel nicht retten

Oscar-Preisträgerin Chloé Zhao soll mit „The Eternals“ den Generationswechsel im Marvel Cinematic Universe vorantreiben. Doch ihr Film scheitert an den Ambitionen des Studios.

Seit es unter Milliardären zum guten Ton gehört, mit Privatraketen ins All zu fliegen – um, zum Beispiel, hochbetagten Weltraumreisenden-Darstellern einen sehnsuchtsvollen Blick auf die Erde zu ermöglichen –, haben Superhelden zumindest ein Alleinstellungsmerkmal verloren. Das space race zwischen Elon Musk, Jeff Bezos und Richard Branson folgt eher dem pathologischen Muster persönlicher Bedürfnisbefriedigung: schön immerhin, wenn es ganz nebenbei dem 90-jährigen Captain Kirk einen letzten Pop-Moment in den sozialen Medien beschert.

Altruismus spielt bei diesen Egotrips ins All eine untergeordnete Rolle. Wenn dagegen Superhelden in den Weltraum aufbrechen, haben sie einen Job zu erledigen – die Rettung der Menschheit etwa. Zeit zur Kontemplation bleibt da nicht. 5000 Jahre vor Beginn unserer Zeitrechnung ist das noch anders. „Ist sie nicht wunderschön?“, fragt die Unsterbliche Sersi (Gemma Chan) ihren Weggefährten Ikaris (Richard Madden) bei der Ankunft auf dem blauen Planeten. Liebe auf den ersten Blick.

Inzwischen lassen sich aus dem Weltall auch die Folgen des menschengemachten Klimawandels studieren. Die Spezies Mensch verfügt nun mal über eine weniger weitsichtige Perspektive als eine Gruppe Unsterblicher.

Wer allerdings schon Geburt und Ende von Sonnensystemen erleben durfte, hatte genug Zeit, sich in Nachsicht zu üben; erst recht, wenn man sich Tausende von Jahren unbemerkt unter den Menschen bewegt hat. Ausgeprägte Sympathien mit dieser putzigen Menschheit können da auch schon mal zu Interessenkonflikten mit den Schöpfern des Universums, den Celestials, führen.

Marvel-Autor Jack Kirby erfand die Superheldentruppe The Eternals Mitte der siebziger Jahre als intergalaktische Ordnungshüter, die auf der Erde nach dem Rechten sehen sollten. Ihr natürlicher Feind sind die ausgesprochen hässlichen Deviants, eine Art Glitch in der kosmischen Evolution. Als wären die Eternals mit den „Fehlbarkeiten“ der Menschen (Babylon, der Sturz der Mayastadt Teotihuacán, Hiroshima) nicht schon genug beschäftigt ...

Immer geschäftiger geht es auch im „Marvel Cinematic Universe“ (MCU) zu. Der Generationenwechsel ist eingeleitet, nachdem ein Teil der Avengers (Captain America, Iron Man und Black Widow) in „Endgame“ in den Vorruhestand geschickt wurde.

Übersichtlicher wird es dadurch allerdings nicht. Mit „The Eternals“, dem ersten Ensemblefilm des vierten MCU-Zyklus, muss Marvel-Mastermind Kevin Feige zwei Kunststücke vollbringen: neue Gesichter für die Marke etablieren und die Kernerzählung, die immer wilder zwischen Zeitebenen, Multiversen und Formaten (Kinofilmen, Streamingserien) springt, voranbringen.

Während zu Beginn des MCU noch die Figuren für den spezifischen Tonfall der unterschiedlichen Filme verantwortlich waren, verlegt sich Marvel schon länger darauf, Autorenfilmer:innen die betreuungsintensive Pflege ihres Milliarden-Franchises anzuvertrauen.

Die Oscar-Preisträgerin Chloé Zhao („Nomadland“), die eigentlich lieber mit Laiendarsteller:innen und Landschaften arbeitet, ist die wohl unwahrscheinlichste Wahl für einen Superheldenfilm – beziehungsweise computergenerierte Zerstörungsorgien. Aber „The Eternals“ soll eben auch dabei helfen, das monolithische Marvel-Narrativ für neue Seherfahrungen zu öffnen. Als Regisseurin sieht man sich da im Ringen um Autorenschaft mit einem gewaltigen Apparat konfrontiert.

Marvel hat die Idee von Kino in einem Maß verändert, wie es bis dahin nur George Lucas mit „Star Wars“, gewissermaßen das Original des seriellen Erzählens im Kino, gelungen war. Heute ist das Franchise die dominante Erzählform , was sich etwa schon daran erkennen lässt, dass neben Zhao gleich drei weitere Drehbuchautoren nötig waren, um „The Eternals“ an das MCU anzudocken.

Zehn neue Figuren müssen im Schnelldurchlauf eingeführt werden, was selbst bei einer Länge von 157 Minuten immer noch sportlich erscheint. Früher erhielten Marvelhelden zu Beginn ihrer Karriere wenigstens noch einen Solofilm, die Unsterblichen werden in ihrem Debüt nun quasi im Dutzend abgefertigt.

Neuland für Chloé Zhao

Dass irgendwo in „The Eternals“ ein menschlicher Puls schlägt, ist das Verdienst von Chloé Zhao, die in dieser kosmischen Ursuppe von Handlung auf der Suche nach einer persönlichen Geschichte tatsächlich fündig wurde. Es geht um einen Loyalitätskonflikt zwischen Schöpfer und Schöpfung: Da die Menschheit nur eine unbedeutende Entwicklungsstufe darstellt, kann die Erde nach ein paar Milliarden Jahren dem großen Ganzen geopfert werden.

Die Eternals müssen entscheiden, ob es sich lohnt, den Lauf des Universums für einen möglicherweise toten Arm der Evolution aufzuhalten – sprich: die Menschheit vor dem Untergang zu retten.

Mit solchen grundsätzlichen Konflikten haben sich die Indie-Filme der Humanistin Chloé Zhao bisher nicht beschäftigt. Die Frage aber, welche Rolle ein Mosaiksteinchen im Gesamtgefüge spielt, ist auch die Herausforderung, der sich Kevin Feige bei der weiteren Entwicklung seines Marvel-Universums stellen muss.

Wie weit darf ein Marvel-Film noch ein Eigenleben entwickeln oder behindert zu viel künstlerische Autonomie das Großprojekt? Die Antwort fällt nach „The Eternals“ tendenziell frustrierend aus.

„The Eternals“ fühlt sich wie eine überlange Exposition an

Die mitunter ätherische Ader Zhaos, in deren Filmen es immer auch um die Balance von Mensch und Natur ging, verschafft „The Eternals“ in seinen ruhigeren Momenten ein ökologisches Gleichgewicht von Handlung und Action. Die von Gemma Chan gespielte Sersi ist dabei die offensichtlichste Zhao-Figur, sie verwandelt mit ihren Superkräften einen der monströsen Deviants in einen Baum. Die Eternals-Anführerin Ajak (Salma Hayek) wiederum hat sich in die Einöde von South Dakota zurückgezogen, klassisches Chloé-Zhao-Territorium.

Währenddessen verliert der Wissenschaftler Phastos (Brian Tyree Henry), dem die Zivilisation ihren Fortschritt verdankt, in den Ruinen von Hiroshima den Glauben an die Menschen – und führt fortan mit seinem Mann und dem gemeinsamen Sohn ein beschauliches Suburbia-Dasein.

Für manche erweist sich die Unsterblichkeit auch als Trauma: Die Amazone Thema (Angelina Jolie) verliert durch die Akkumulation von Erinnerungen langsam ihren Verstand, die Formenwandlerin Sprite (Lia McHugh) ist im vorpubertären Körper einer Zwölfjährigen gefangen.

Das Hauptproblem von „The Eternals“ besteht darin, dass jeder Dialog, jeder zwischenmenschliche Konflikt, jede Szene, selbst die Diversität der Besetzung, nur noch eine dramatische Funktion erfüllen soll. Mit der superschnellen Makkari (Lauren Ridloff) befindet sich unter den Eternals sogar die erste gehörlose Superheldin: Man würde ihr einen Solofilm wünschen, schlagfertiger ist auch mit Worten keine Mitstreiterin.

Doch so erweist sich das MCU zunehmend als erzählerisches Perpetuum mobile, jeder Film verweist immer schon auf den nächsten. „The Eternals“ fühlt sich wie eine überlange Exposition an. Die Ausdehnung des Marvel-Universums erreicht einen kritischen Punkt.

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