Das Gemälde „ Junge und Mädchen“ von Semen Fajbisovic aus dem Jahr 1988. Foto: Anne Gold, Courtesy: Ludwig Forum für Internationale Kunst Aachen
© Anne Gold, Courtesy: Ludwig Forum für Internationale Kunst Aachen

„The Cool and the Cold“ im Gropius-Bau Kalter Krieg an der Wand

Die Mauer hat auch künstlerische Entwicklungen geteilt. 30 Jahre nach dem Ende der Sowjetunion zeigt der Gropius-Bau die Ausstellung „The Cool and the Cold“.

Der Kalte Krieg, so dachte man, ging mit dem Zerfall der Sowjetunion zu Ende. Das hat leider nicht gestimmt; unbestreitbar aber bleibt, dass um 1990 eine welthistorische Epoche endete, die gekennzeichnet war von der politischen, militärischen, aber eben auch ideologischen Konfrontation von West und Ost.

Umso erstaunlicher ist es, dass bislang kein nennenswerter Versuch unternommen worden ist, die kulturellen Hervorbringungen dieser Epoche einander gegenüberzustellen. 30 Jahre nach dem Ende der Sowjetunion kommt es endlich dazu, und welche Stadt wäre als Schauplatz besser geeignet als Berlin, und welche Institution berechtigter als die Stiftung, die die Großsammler Peter und Irene Ludwig unter ihrem Namen eingerichtet haben!

Zu sehen sind 125 Werke der Malerei von 80 Künstlern

„The Cool and the Cold“ ist anspielungsreich die Ausstellung von Malerei aus den USA und der Sowjetunion aus den drei Jahrzehnten bis 1990 überschrieben, die nun im Gropius-Bau – und wohlgemerkt nur hier – gezeigt wird. Die Ausstellung vereint rund 125 Werke der Malerei von 80 Künstlern, also weder Skulptur noch Video oder Installationen, um den Einwand vorwegzunehmen, dass hier kein vollständiger Überblick geboten werde.

Die Ludwigs sammelten ganz überwiegend Malerei, und sie sammelten in Quantitäten, bei denen einem schwindlig werden kann. Aus der Sowjetunion, die die Sammler seit den späten 1970ern bereisten, waren alsbald um die 1000 Arbeiten erworben worden, und aus diesem, in den 1990ern gezielt um bis dahin fehlende Künstlernamen ergänzten Fundus, mittlerweile auf sechs Häuser mit dem Namen Ludwig verteilt. Nun stellte die – inzwischen nach Frankfurt gewechselte – langjährige Leiterin der Stiftung, Brigitte Franzen, gemeinsam mit Benjamin Dodenhoff die gegenwärtige Auswahl zusammen.

Diese stellt eine Herausforderung an das westlich konditionierte Auge dar – denn die guten alten Bekannten vor allem der wieder und wieder ausgestellten amerikanischen Pop-Art-Bestände der Ludwigs treffen auf russische Bilder, die thematisch ähnlich, stilistisch aber verschieden sind, vor allem aber eine andere Haltung bezeugen.

„Die kunsthistorischen Begriffe“, so formulierte es Brigitte Franzen zur Einführung, „taugen nicht als Rückgrat einer solchen Ausstellung“, was ein bisschen überspitzt ist, denn natürlich stehen die imaginären Schubladen bereit, um die gezeigten Gemälde einzusortieren. Aber sie spielen nicht die Hauptrolle. Der Besucher kommt nicht umhin, sich auf den beständigen Vergleich einzulassen und zu akzeptieren – worauf Franzen hingewiesen hatte –, dass „jede Zeit ihren eigenen Maßstäben unterliegt“.

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17 Räume im Erdgeschoss sind gefüllt, der ganze Umgang um den Innenhof. Und natürlich liefert die Chronologie den roten Faden, hier allerdings klug akzentuiert durch thematische Räume wie etwa zu „Raumfahrt“ oder „Freizeit“. Gerade diese beiden Räume zeigen Verwandtschaften wie auch schroffe Unterschiede. Während die Darstellungen von Raumfahrt, in beiden Ländern eine Angelegenheit staatlichen Prestiges, einander in ihrem kritiklosen Optimismus ähneln, gehen die Darstellungen der Alltagswelt doch weit auseinander.

Im Westen herrscht die Glätte der Objekte, die die Fotorealisten wie Ralph Goings oder Richard Estes makellos reproduzieren, im Osten geht es um Formen des Zusammenseins, ob im Kollektiv wie bei Aleksandr Ischin – „Sonntag“ als wandfüllendes Triptychon – oder privatistisch wie bei Galina Neledva „Familienfest“).

Man ertappt sich dabei, die Betonung der Personen für östlich, die der Objekte für westlich zu halten, doch natürlich bevölkern auch im Westen Personen die Bilder. Aber man spürt, dass sie in den Bildern, die unter den materiell beschränkten Möglichkeiten des Sowjetsystems entstanden, eine andere Bedeutung, eine andere Prägnanz besitzen.

„Cold“ ist die Malerei der Sowjetzeit ganz und gar nicht

Das kommt in einer Gegenüberstellung, die den Kuratoren offenbar besonders wichtig war, zum Ausdruck: Boris Nemenskij lässt 1961 gefallene Soldaten – junge Männer – auf der titelgebenden „Namenlosen Höhe“ im Tod vereint liegen, während Roy Lichtenstein ein Jahr später das Kriegsgeschehen wohl im Pazifikraum nur als die Vergrößerung einer Comic-Zeichnung mit dem lautmalerischen Titel „Takka Takka“ wahrnehmen kann. Pathos ist im Westen verpönt – auch darauf spielt das „Cool“ in dem Ausstellungstitel an –, während es im Osten aus der dröhnenden Propaganda herausgelöst und dem Individuum als natürliche Ausdrucksform zugestanden wird. „Cold“ ist die Malerei der Sowjetzeit ganz und gar nicht.

Aber es gibt nicht nur figurative Malerei. Der Ausstellungsparcours hat einen Vorspann, da ist ein Gemälde von Jackson Pollock als Ikone zu sehen. So ging die Entwicklung im Westen in den 1950er Jahren. Aber die Abstraktion bleibt als Unterströmung stets präsent. Auch Ludwig, der Ende der 1960er Jahre von der Pop-Art begeistert war und ihr ab 1969 im Kölner Wallraf-Richartz-Museum einen international beachteten Standort bot, hat sich ihr später zugewandt. Und so ist jetzt beispielsweise ein Großformat der wunderbaren, hierzulande immer noch unterschätzten Helen Frankenthaler zu sehen, während sich im Osten Viktor Pivovarov oder Eduard Schteinberg an das Erbe des Konstruktivismus halten.

[Gropius-Bau, Niederkirchnerstr. 7, bis 9. Januar. Katalog 40 €.]

In den 1980ern drängt die Straße ins Bild, in den Graffiti-Bildern eines Keith Haring oder Jean-Michel Basquiat. Im Osten schwinden die Dogmen des Sozialistischen Realismus, bis dahin eher subversiv behandelt, gänzlich hinweg. Jetzt sollte der Besucher an den bewusst konfrontativen Auftaktraum der Ausstellung zurückgehen.

Da treffen ein konventionelles Lenin-Bildnis von Dmitrij Nalbandjan und der überlebensgroße Siebdruck-„Elvis“ von Andy Warhol aufeinander. In der Mitte zwischen zwei keilförmigen Stellwänden aber leuchtet das altmeisterliche Gemälde „Stalin und die Musen“ vom Künstlerduo Komar & Melamid, das den Sowjet-Klassizismus schon Anfang der 1980er ironisch aus den Angeln hebt.

Die Ausstellung ist ein Augenöffner

Diese spezifische, von Melancholie kaum zu unterscheidende Ironie aber, wie sie nur unter den Bedingungen der bleiernsten Jahre der Sowjetzeit entstehen konnte, hat Ilya Kabakov parat, längst einer der Größten der Gegenwartskunst: „Geprüft (Auf der Parteisäuberung)“ heißt denn auch sein Gemälde von 1983, das mit der westlichen Pop Art die Reproduktion einer Vorlage gemein hat, also eine Realität zweiter Ordnung darstellt – und doch im scheinbar unkritisch dargestellten Sujet die ganze Abgründigkeit des Lebens unter einer Diktatur bloßlegt.

Tatsächlich endet die Ausstellung aber mit einem anderen Werk, der Überschreibung von 50 Zeitungsseiten der „Prawda“ mit dem Wort „Glasnost“ von Dmitrij Prigov 1987-89. Bald darauf war die Sowjetunion Geschichte. Die Kunst aber, die zu ihrer Zeit entstand, besteht aus eigenem Recht, und sie hat Bestand.

Diese Ausstellung, mit manchen Unebenheiten, die naturgemäß beim Grundkonzept „West gegen Ost“ denn auch entstehen, ist ein Augenöffner. In den Zustand der westlichen Abkapselung können wir, können die Museen nun nicht mehr zurück. Wäre nicht gerade Berlin prädestiniert, die künstlerische Konfrontation von Ost und West auf Dauer sichtbar zu halten?

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