Der polnische Erzähler Szczepan Twardoch, der nicht nur in Polen mit dem Roman „Morphin“ seinen Durchbruch feierte. Foto: Zuza Krajewska
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Szczepan Twardochs Roman „Der Boxer“ Es war einmal in Warschau

Tobias Schwartz
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In Polens Unterwelt: Szczepan Twardochs meisterhaftes Romanepos „Der Boxer“, der zum Teil auf historischen Begebenheiten basiert.

An einer Stelle von Szczepan Twardochs grandiosem Roman „Der Boxer“ heißt es: „Mir ist Amerika lieber“. Dieses Bekenntnis des Erzählers bezieht sich nicht zuletzt auf eine Pistole, eine amerikanische Fünfundvierziger, die „bessere Löcher in den Menschen“ macht. Solche Details sind wichtig, führt doch die Handlung mitten in die Warschauer Unterwelt vor dem Zweiten Weltkrieg. Dort geht es schlicht ums Überleben. Scheinbar mühelos gelingt dies nur Jakub Shapiro, der Hauptfigur dieses groß angelegten Gangster-Epos, das – frei nach Sergio Leone – auch „Es war einmal in Polen“ hätte heißen können.

Shapiro ist Boxer, groß, muskulös, blendend aussehend und bei Frauen beliebt, clever, kaltblütig und nicht nur im Ring so gut wie unbesiegbar. Er ist die rechte Hand des Warschauer „Paten“ Kaplica, für den er Schutzgelder eintreibt, aber auch gelegentlich Morde erledigt und Leichen beseitigt. Eines seiner brutal hingerichteten Opfer ist der Vater des Erzählers Mojzesz Bernstein. Shapiro nimmt den 17-jährigen Halbwaisen nach vollbrachter Tat unter seine Fittiche, lässt ihn bei seiner Frau und seinen Kindern wohnen und führt ihn ein in die Welt der Bordelle, Drogen und Straßenkämpfe gegen die Faschisten, deren wachsender Einfluss die Herrschaft Kaplicas bedroht.

Jahrzehnte später, vor dem Holocaust ausgewandert nach Israel, beginnt Bernstein, ein wie sein Förderer aus ärmlichen Verhältnissen stammender Warschauer Jude, als unmittelbar Eingeweihter die Geschichte Shapiros, seiner Frauen, der polnischen „Mafia“ und der historisch-politischen Verhältnisse vor dem Einmarsch der Nazis in der polnischen Hauptstadt aufzuschreiben.

Eine sprachlich dichte, hochkomplexe Welt

Filmische Reminiszenzen und Techniken finden sich auf fast jeder Seite. Der zum Teil auf historischen Begebenheiten basierende Roman erinnert an Martin Scorseses „Goodfellas“ wie an Francis Ford Coppolas Trilogie „Der Pate“ beziehungsweise deren literarische Vorlage von Mario Puzo. „Der Boxer“ ist auch ein Thriller. Aber Szczepan Twardoch wäre nicht der meisterhafte Autor, der er ist, wenn er es dabei belassen hätte.

Der 1979 in der Nähe von Katowice geborene Schlesier, der 2014 durch seinen Roman „Morphin“ auch bei uns bekannt wurde, schätzt es nicht, mit anderen Schriftstellern verglichen zu werden. Das ist verständlich, immerhin wurde er als „polnischer Hemingway“ schon genauso gehandelt wie als „Dandy“. Allein anhand des Boxsport-Themas ließe sich eine ganze Liste potenzieller literarischer Einflussnehmer von Brecht über Georges Simenon bis zu Norman Mailer und, ja, Hemingway, erstellen. Aber auch wenn viele von Twardoch virtuos verarbeitete Motive an die Film- oder Literaturgeschichte erinnern, schafft er doch eine ganz eigene, sprachlich dichte, hochkomplexe Welt.

Die Vorliebe für historische Settings und Hintergründe verbinden seine Romane wie auch das modernistische Spiel mit der Erzählperspektive. In „Drach“, Twardochs letztem Roman über die Schicksale einer schlesischen Familie im 20. Jahrhundert, der zusammen mit der Übersetzung von Olaf Kühl 2016 mit dem „Brücke Berlin“-Preis ausgezeichnet wurde, wird die Erde selbst auf fantastische Weise zum narrativen Prinzip.

Der Schatten des Holocaust liegt bereits über den Straßen

Im nun ebenfalls von Kühl übersetzten „Boxer“ steht die Identität des Erzählers zur Disposition. Hier werden verschiedene Fährten gelegt, und irgendwann stellt sich die Frage, ob es sich nicht doch um Shapiro handelt, der die Geschehnisse aus den 1930er Jahren erinnert und sich seinen Zögling Bernstein schlicht einverleibt hat. Das würde zu dem Pottwal passen, der sinnbildhaft über Warschau schwebt – dem Leviathan, der bei Herman Melville („Moby Dick“) für die urtümliche, chaotische Allmacht der Natur steht, beim Philosophen Thomas Hobbes für die ordnende Gewalt des Staates. Twardoch nennt den Pottwal Litani, und der ernährt sich von schwarzer Milch.

Auch der Schatten des Holocausts liegt bereits über den Straßen von Warschau. Die Faschisten, die einen Putsch planen, sind die großen Gegenspieler von Kaplica, Shapiro und ihren Leuten. Durch eine Intrige wird dem „Paten“ ein politischer Mord angehängt und er kommt in ein polnisches Konzentrationslager, während Shapiro seine Geschäfte übernimmt und eine Affäre mit der Tochter seines Erzfeindes, des Staatsanwalts, beginnt.

Je schwieriger die Situation für Juden in Warschau wird, desto verlockender erscheint die Vorstellung, nach Eretz Israel auszuwandern, um dort – im Kampf gegen die Araber – einen Staat zu gründen.

Szczepan Twardoch: Der Boxer. Roman. Aus dem Polnischen von Olaf Kühl, Rowohlt Berlin 2018. 460 Seiten, 22,95 €.

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