Verschmelzen. Poliça mit Sängerin Channy Leaneagh (links) und das Stargaze Ensemble von André de Ridder (4. v. l.) Foto: Graham Tolbert
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Synth-Pop-Band Poliça Wege aus der Machtlosigkeit

Lorina Speder
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Die amerikanische Synth-Pop-Band Poliça hat zusammen mit dem Berliner Kammerensemble Stargaze ein mitreißendes Album aufgenommen. Ein Porträt.

Am Abend der US-Präsidentschaftswahl ging Channy Leaneagh mit einer bitteren Gewissheit ins Bett: „Ich hatte keine Zweifel daran, dass er gewinnen wird“, sagt die Sängerin der amerikanischen Synth-Pop Band Poliça am Telefon. Als sie in der Nacht darauf nicht schlafen konnte, schrieb sie den Gesangspart des Stücks „How Is This Happening“. In dem zehnminütigen Lied unterstützen wenige, gedehnte Orchesterklänge ihre eindringliche Gesangsmelodie, die immer wieder fragt, wie das alles passieren konnte.

Dabei bezieht sie sich nicht explizit auf die Nacht der Trump-Wahl. „Es geht eher um die Machtlosigkeit, die ich fühlte“, erklärt die Musikerin. „Es hat mich einfach traurig gemacht, zu sehen, dass wir in der amerikanischen Geschichte nach Jahren des Fortschritts immer wieder hunderte von Jahren zurückgehen müssen.“ In der Mitte des Songs steigert sich das Orchester in ein Minuten andauerndes Crescendo hinein. Leaneaghs Stimme klingt zunehmend verzerrter. Sie habe sich ihren Gesang bei dem Song mit Flöten und Geigen vorgestellt – „als ob wir zu einer einzigen Stimme verschmelzen“, sagt sie.

Der Song befindet sich auf dem am Freitag erscheinenden Album „Music For The Long Emergency“, bei dem ihre Band erstmals mit André de Ridders Berliner Kammerensemble Stargaze zusammengearbeitet hat. Poliça, die mit zwei Schlagzeugen, Bass und Synthesizer arbeiten und aus Minneapolis stammen, sind fester Bestandteil der alternativen US-Musikszene. Auf ihren bisher drei Alben haben sie ihr Talent für atmosphärisch dichte, politisch aufgeladene Songs bewiesen. An der Seite von Stargaze, die schon mit Musikerinnen und Musikern wie John Cale, Marc Almond oder Anna Calvi kooperiert haben, fügen sie ihrem Soundspektrum nun eine neue Dimension hinzu. Etwa wenn die Stimmung in „How Is This Happening“ durch die dissonanten Orchester-Klänge immer finsterer wird. Die Violinen heulen wie apokalyptische Sirenen. Ein stumpfes Hacken auf einer Trommel markiert den Takt. Ein emotionaler Zwiespalt in Klang verwandelt.

Dass sich Stargaze und Poliça über zwei Kontinente gefunden haben, verdanken sie dem Musikformat Liquid Music. Für ein Projekt stellte die Plattform die beiden Gruppen vor zwei Jahren einander vor. „Unsere Welten sind sehr schnell zu einer gemeinsamen Welt zusammengewachsen“, sagt Leaneagh und erinnert sich an gemeinsame Abende des Musikhörens. Dort entwickelten die Musiker erste Ideen für ein Album. Beim Interview am Telefon ist sie freundlich und aufgeweckt. Wenn sie sich an die Abendessen in Berlin erinnert, sprudeln die Sätze aus ihr heraus. Obwohl es wegen der straffen Tourpläne beider Gruppen schwierig war, die 13 Musikerinnen und Musiker zu koordinieren, sind ihre Erinnerungen an die Zusammenarbeit durchweg positiv.

Kein Song gleicht dem nächsten

Das Album überzeugt besonders durch seine Vielfältigkeit. Keiner der sieben Songs gleicht dem nächsten. Trotzdem verbindet Leaneaghs stimmungsvoller Gesang sie zu einem großen Ganzen. Auch hat man nie das Gefühl, dass die acht Orchestermusiker Poliça nur begleiten – vielmehr klingen sie nach einer neuen Band gleichberechtigter Mitglieder.

Für Channy Leaneagh ist es das vierte Studioalbum, das sie mit Poliça herausbringt. Sie hatte nie eine Musikkarriere geplant. Im Kindesalter bewunderte sie die Geigenspielerin, die ihre Ballettstunden begleitete – so sehr, dass sie auch Unterricht auf dem Instrument nahm. Später begeisterte sie sich für Bluegrass und arbeitete während des Studiums in Minneapolis als Straßenmusikerin. „Dort hat mich jemand gesehen und gefragt, ob ich sein Konzert eröffne“, sagt sie. Der Produzent von Poliça, Ryan Olson, entdeckte sie vor sieben Jahren bei genau diesem Auftritt auf der Bühne und lud sie prompt ein, in seiner Band zu singen. „Ich bin immer noch überrascht, dass das so passiert ist und bis heute mein Leben verändert hat“, sagt Leaneagh lachend. Sie sei nicht sonderlich ehrgeizig und ohne die Musik wahrscheinlich Pflegerin im Krankenhaus geworden.

Für „Music For The Long Emergency“ haben sich Poliça und Stargaze 2016 immer wieder getroffen. Im Herbst spielten sie das erste Mal in Berlin vor Publikum. Während des Michelberger Music Festival im Berliner Funkhaus entstanden zudem neue Songs für das Album. Die anregende Atmosphäre des Festivals kann man hören: Der Midtempo-Song „Agree“ erzeugt mit seinen poppigen Melodien ein Gefühl der Sorglosigkeit. Das sich anschließende Stück „Cursed“ verändert abrupt die Stimmung. Ein wild hämmerndes Schlagzeug, irrlichternde Streicher und eine männliche, verzerrte Stimme, lassen an den Soundtrack zu einer turbulenten Verfolgungsjagd denken. Leaneaghs später hinzukommende Stimme ist ebenfalls stark verzerrt und geht fast unter in der Noise-Attacke.

Solche Wechsel verdeutlichen die Offenheit von Poliça und Stargaze. „Wir schreiben gefühlsbasierte Musik und orientieren uns an Melodien. Wir lassen sie entscheiden, wohin sich der Song entwickelt“, erklärt Leaneagh den Songwriting-Prozess. Diese Strategie ging auf. Die mal düster-traurigen Passagen, die sich mit Momenten der Unbeschwertheit abwechseln, machen das Album so mitreißend und dynamisch.

„Music For The Long Emergency“ erscheint am 16.2. bei Transgressive/PIAS

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