Sibylle Berg bei der Digitalkonferenz re:publica, 2019. Foto: picture alliance/dpa/Soeren Stache
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Sybille Berg plaudert mit Dietmar Dath Das sind wahrlich ernste Scherze!

Peter von Becker

In „Zahlen sind Waffen“ liefern sich Sibylle Berg und Dietmar Dath ein dystopisches Dialogpinpong. Ein äußerst intelligentes Vergnügen. Die Kolumne Fundstücke.

Peter von Becker schreibt an dieser Stelle regelmäßig über literarische Fundstücke. Nächste Woche: Gerrit Bartels über den Proustbetrieb.

Aktuell sind Plauderbücher gerade sehr beliebt. Gespräche zwischen Alexander Kluge und Ferdinand von Schirach oder zwischen Martin Suter und Benjamin von Stuckrad-Barre schaffen es sogar in die Bestsellerlisten. Doch noch etwas unter dem Radar der Großberichterstattung läuft die überaus unterhaltsame Unterhaltung – der Doppelsinn wird hier wahr! –, die zwischen den scharfsinnigen Zeitgeistern Sibylle Berg und Dietmar Dath bereits im Herbst 2019 geführt wurde. Daher thematisch noch absolut coronafrei!

Garniert von zwei Einzelinterviews mit Berg-Dath und moderiert und ediert von Jens Balzer, Maja Beckers, Thomas Vašek und Lars Weisbrod, ist dieser Gesprächs–Band ein intelligentes Vergnügen: Sibylle Berg /Dietmar Dath „Zahlen sind Waffen“ (Verlag Matthes & Seitz, Berlin 2021, 120 Seiten, 10 Euro). Auch dem Namen der smarten, handlich kleinfeinen Verlagsbuchreihe „Fröhliche Wissenschaft“ macht das alle Ehre, und Herr Nietzsche lacht wohl ein Lächeln unterm unsterblichen Schnauzbart.

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Es geht um Fantasie und Fantasy, um Karl May und Karl Marx, um Codes, China, Philosophie, Physik, um alles und nichts. Also ganz stark um Literatur. Um Fortschritt, Zukunft und Dystopie. Sibylle Berg alias SB sagt gleich am Anfang: „Ich kann eigentlich nur denken, während ich schreibe.“ Und Dietmar Dath (DD) antwortet: „Ich habe im letzten März aufgehört zu denken, seitdem rede ich.“ Dann kommt man auf den SB-Roman „GRM“, in dem Großbritannien in einen faschistischen Überwachungsstaat umgebaut wird, „mit Drohnen und Daten“.

Es ist auch ein Trostbüchlein

Stichwort Dystopie. Oder „Niegeschichte“, das ist der Titel von DDs fast tausendseitigem Kompendium der Science-Fiction. Beide Bücher, meinen die Autoren, entsprächen nicht so der gängigen „Literaturhausliteratur“. SB: „...ich habe nicht viel Angst. Aber Freude daran, zu zeigen, was sonst zugedeckt wird mit romantischem Scheißdreck.... Das ist alles Verdeckungsliteratur, was so besprochen und gefeiert wird.“

DD will „als Marxist“ einerseits widersprechen, meint aber dialektisch zustimmend zur Verdeckungsliteraturhausliteratur: „In der darf man über all diese (dystopischen) Sachen nur reden, wenn man gleich in die Dritte Welt geht oder ins Problemviertel, ... aber alle sind letztlich genauso versöhnungsbedürftige Kleinbürgerherzen wie wir, bloß in dreckig. Da bricht für mich der Unterschied zwischen Tröstung und Trost auf. Tröstung ist, wenn irgendein Nikolaus kommt und sagt: Das ist ja alles nicht so schlimm. Trost ist: Ja, so schlimm ist es.“

DD nennt schlimm schön vorbildhaft den „verrückten Poe unter Drogen“ oder Baudelaire und er zitiert den SF-Autor Harlan Ellison, der über Fiktionen, bei denen „vor Schreck die Leute weglaufen“, gesagt hat: „These are the only moments of truth in a life of endless lies.“

Diese Gespräche haben ihren sinistren Witz, im Sinne des jedem wahren Witz zugrundeliegenden Katastrophischen. Anders gesagt, geht es hier auch um „ernste Scherze“ (Goethe über „Faust II“). Also ein Trostbüchlein.

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