Eine Jugend in den USA. Eine knappe halbe Stunde dauert Sung Hwan Kims Video-Erzählung. Foto: Daad-Galerie/Jens Ziehe
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Sung Hwan Kim in der Daad-Galerie Gewalt der Straße

Claudia Wahjudi
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Kampf um Emanzipation: Der koreanische Künstler Sung Hwan Kim präsentiert in der Daad-Galerie seinen Biennale-Film „Love Before Bond“.

So ist es viel besser. Sung Hwan Kim hat seinen Film „Love Before Bond“ schon einmal gezeigt, 2017 im Zentralen Pavillon der Venedig-Biennale, wo nur die spektakulären Szenen die Aufmerksamkeit die Besucher bannten, Blitz und Donner etwa oder die Sätze über einen Mann, der seine Frau ermordete. Der große poetische Rest hatte in der unübersichtlichen, lauten Schau kaum Chancen.

Doch zum Glück war Sung 2015 Daad-Stipendiat und erst jetzt folgt seine Ausstellung in Berlin. Dieses Mal kommt die Filminstallation so gut zur Geltung, dass sie sogar wohltuend auf gestresste Großstädter wirkt. Sung hat die Daad-Galerie in eine Art Wohnlandschaft verwandelt, mit schwarzem Teppich und einem geometrischen Wandanstrich in Schwarz und Weiß. Dazu flattern im Luftzug zartrosafarbene Seidenpapiere. Hinzu kommen Miniaturvorhänge, Goldplättchen, Kreidezeichnungen und, abgeschirmt von der Fensterfront zur Oranienstraße, eine Bank und schließlich die Leinwand für den Film. Dass Sung vor seiner Hinwendung zur Kunst auch Architektur studierte, kommt dem Betrachter zugute: Das Ganze wirkt so klar und wohnlich, dass sich der knapp halbstündige Film bequem mehrmals schauen lässt. Nicht zuletzt fokussiert der Sound von David Michael DiGregorio die Aufmerksamkeit: teils Filmmusik, teils Meditationshilfe, teils Ambient, ein intelligenter Mix aus Flattern, Zirpen, Schleifen und Krachen, Scheppern und Flöten, Brummen, Schaben und Schubert’scher Klaviersonate. Er passt perfekt zu den Filmbildern von braunen Ziegeln und goldenem Dekor, gletscherblauem Eis und rotierendem Ventilator.

Inspiriert von James Baldwin

Doch worum geht es eigentlich? Wie ein Gedicht lässt die Folge ineinander verwobener Szenen nicht nur eine Interpretation zu. Trotzdem wird schnell deutlich: Der Film handelt vom Heranwachsen, genauer: einer Jugend in den USA, von jungen Schwarzen und Kindern koreanischer Einwanderer. Die Jugendlichen, mit denen Sung Hwan Kim den Film in einem Workshop erarbeitete, tasten sich zu einem Miteinander vor. Sie erproben ihre Stimmen, auch, um sich politisch Gehör zu verschaffen. In „Love Before Bond“ geht es um den langen Kampf um Emanzipation, der sich auch aus den zitierten Zeilen des Schriftstellers James Baldwin heraushören lässt. Und es geht um die Erfahrung von Gewalt. Einige Passagen dürften all jenen vertraut klingen, die sich schon einmal auf der Straße bedroht fühlten.

„And who has not dreamed of violence“ nennt Sung seine Ausstellung nach James Baldwin. Zur Literatur gesellen sich Zitate aus Musik und Architektur, hinzu kommen Design, Tanz und Schauspiel. Durch die Künste verbinden sich hier Jahrhunderte und Kontinente, das Spektrum reicht von Shakespeare bis Ta-Nehisi Coates, von Kalifornien bis Sudan. Sung Hwan Kims identitätspolitische Arbeit hat universellen Anspruch: Hier ist man Mensch, hier darf man’s sein.

Daad-Galerie, Oranienstr. 161, bis 25. 2.; Di–So 12–19 Uhr.

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