Grenzenlos neugierig. Der Pianist Pierre- Laurent Aimard Foto: Marco Borggreve
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Stockhausen-Abend beim Musikfest Mensch und Maschine

Elektronische Klänge, Klavier und Schlagzeug: Ein charismatisches Interpretenquartett spielt Stockhausens Meisterwerk „Kontakte“ beim Musikfest.

Lange hat man sich von ihm ferngehalten. Seine exzentrische Selbstinszenierung, sein Sendungsbewusstsein spalteten die Musikwelt; seine letzten Kompositionen riefen Lächeln oder Kopfschütteln hervor. Der Stockhausen-Schwerpunkt beim Musikfest Berlin rückt vieles gerade, erinnert daran, über welch immenses musikalisches Talent, welchen Ideenreichtum und Innovationswillen dieser Komponist verfügte.

Ein mit dieser Musik absolut vertraut wirkendes, charismatisches Interpretenquartett hat sich am Samstag im RBB-Sendesaal versammelt: Pierre-Laurent Aimard und Benjamin Kobler an Tasteninstrumenten, der Perkussionist Dirk Rothbrust und der Komponist Marco Stroppa in seiner Eigenschaft als Klangregisseur. In ausgefeilter Programmdramaturgie läuft alles auf das Meisterwerk „Kontakte“ zu, in seiner Fassung für elektronische Klänge, Klavier und Schlagzeug (1958–1960). Aimard agiert eher als Schlagzeuger, darf das Klanggeschehen mit wuchtigem Tamtam-Schlag einleiten. Auch den Flügel behandelt er mit Unterarm-Clustern perkussiv, lässt selten kurze Diskantfloskeln aus den Klangfarbenmelodien fremd hervorblitzen, die Rothbrust mit Holz- Metall- und Fellinstrumenten zaubert.

Schlichtweg atemberaubend

Wie diese elektronisch umgeformt werden, als unerhört neue Gebilde den Zuhörer umkreisen und überschwemmen, sich aggressiv auftürmen und leise zerbröseln, von der Anmutung des Maschinellen zu der des Natürlichen zurückfinden, das ist schlichtweg atemberaubend.

Wie virtuos Stockhausen die Dialektik von Freiheit und Festlegung handhabt, davon spricht das Schlagzeugstück „Zyklus“ (1959), dessen hochkomplexes Material der Interpret zu eigenen Versionen kombinieren kann. In „Refrain“ (1959) verschmelzen Celesta und Klavier mit Vibraphon, Glockenspiel oder Zimbeln zuweilen bis zur Ununterscheidbarkeit, eine Art delikates „Glasperlenspiel“. „Telemusik“, ein reines Elektronikwerk von 1966, formt fernöstliche Mönchsgesänge, ungarische Klarinettenfloskeln und spanische Rhythmen um. Weil Stroppa an den Reglern aber deren Residuen weitgehend ausblendet, entgeht dem Stück eine mögliche Ausdrucksdimension.

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