Das Stegreif-Orchester gehört mit seinen radikalen "Rekompositionen" klassischer Stücke zu den spannendsten zeitgenössischen Ensembles. Foto: Iken Keune/Radialsystem
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Stegreif-Orchester spielt Brahms Sturz durch die Oktaven

Isabel Herzfeld

Das Stegreif-Orchester interpretiert im Berliner Radialsystem Brahms Sinfonie Nr.3 auf radikale Weise.

Zuallererst müssen die Besucher die Schuhe ausziehen. Wie angenehm, niemandem auf die Füße zu treten und auch umgekehrt von den barfüßigen Musikern keine Tritte abzubekommen, die sich immer wieder in die dicht besetzten Reihen im Radialsystem mischen. Befreiung auf ganzer Linie ist angesagt: „#freebrahms“ hat sich das gut 30-köpfige Ensemble auf die Fahnen geschrieben, das sich vor drei Jahren um den Hornisten Juri de Marco zum Stegreif-Orchester formierte.

Keinem Dirigenten und keiner Partitur unterworfen, hat das Orchester die „Rekompositionen“ klassischer Werke so sehr verinnerlicht, dass ihre Bearbeitungen wie selbstverständlich in Improvisationen aus Jazz und Pop, Salsa oder Klezmer übergehen können. Trotz der Befreiung von Interpretationsroutine und Konzertkonvention bleibt die originale Substanz unbeschädigt – anders als bei so manchem Versuch, klassikferne Hörerschichten zu gewinnen.

Ist das überhaupt noch Brahms?

Sicher ist es für den eingefleischten Klassikliebhaber nicht leicht, sich in den Beginn der Sinfonie Nr. 3 von Johannes Brahms einzufinden. Ist das überhaupt Brahms? Junge Menschen stehen im abgedunkelten Raum, summen Dur- und Moll-Klänge, mit geschlossenen Augen, wie in Trance schwankend. Ein sachtes Schlagzeug mischt sich ein, betont den Dreivierteltakt, zu einer sehnsüchtigen Cellomelodie erklingen kehlige Stimmlaute, indischem Raga verwandt. Daraus „befreit“ sich das gezackte Hauptthema, blitzartig durch die Oktaven stürzend, zur Originalgestalt in erstaunlicher Klangfülle. Das gemütvolle Seitenmotiv wird schnell synkopisch, geht in ausladende Klarinettenmelismen über – alle Skepsis gegenüber dieser Melange verflüchtigt sich spätestens hier.

Man hört, aus welchen folkloristischen Urgründen Brahms seine Inspiration bezog, wird daran erinnert, wie er als Halbwüchsiger mit seinem Vater in Hamburger Kneipen zum Tanz aufspielte. Zur Perle wird das berühmte c-Moll-Allegretto, Schlüsselmusik im Film „Lieben Sie Brahms?, um das melancholische Hauptthema mogelt man sich herum, bringt nur den Abgesang anrührend als Streichquartett, um ihm mit geräuschvollem Technosound, zu roboterhaften Bewegungen der Musiker (Choregraphie: Ela Baumann), alle Süße auszutreiben. Das Finale sinkt auf seinem Höhepunkt pianissimo in Brahms' flirrenden Abschiedsfiguren in sich zusammen. Eine belebende Erfahrung.

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