Norwegen, Land der Lachse. Roman Trekel als Bootsmann, Linard Vrielink als Asle und Siyabonga Maqungo als Juwelier (v.l.) im Bühnenbild von Monika Pormale. Foto: dpa/Nina Hansch
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Staatsoper Unter den Linden Flüchtling im eigenen Land

Uraufführung an der Berliner Staatsoper: Peter Eötvös’ märchenhafte Opernballade „Sleepless“ erzählt von Ausgegrenzten in einer herzenskalten Gesellschaft.

Der Lachs hat es in sich. Riesenhaft liegt er auf der Bühne, dient mit seinem Schuppenkleid als Kulisse für Meeresufer und Fischerdorf, während sein Gräten-Bauch Wohnungen Platz gibt oder auch der Kaschemme, in der sich die Fischer die Kante geben. Der Lachs (Bühne und Kostüme: Monika Pormale) ist buchstäblich Dreh- und Angelpunkt bei der Uraufführung von Peter Eötvös‘ Opernballade „Sleepless“ in der vollbesetzten Staatsoper Unter den Linden, nach der „Trilogie“ des norwegischen Erfolgsautors Jon Fosse.

Ein junges Paar irrt durch die Nacht. Alida ist hochschwanger, Asle überfordert, sie flüchten von ihrer Insel mit dem Boot nach Bjørgvin und finden in der Stadt keine Herberge. Niemand nimmt sie auf, nicht einmal die alte Hebamme (Hanna Schwarz mit verhaltenem Timbre).

In seiner Verzweiflung tötet Asle diejenigen, die sich ihnen in den Weg stellen, er weiß sich nicht anders zu helfen. Ein unerbittliches Sozialdrama nimmt seinen Lauf, zuletzt wird Asle selber getötet.

Aus Fosses archaischem Märchen, dessen düstere Seite man wegen der sanften Diktion leicht übersieht, hat die Librettistin Mari Mezei (Eötvös ist ihr Ehemann) eine englischsprachige Moritat über prekäre Existenzen destilliert, über eine herzenskalte Gesellschaft, die arme Menschen zu Fremden erklärt, zu Flüchtlingen im eigenen Land. Eine Oper über Ausgegrenzte, Unbehauste.

Eine Mischung aus Weihnachtsgeschichte und "Bonnie and Clyde"

Staatsopern-Intendant Matthias Schulz nennt „Sleepless“ eine Mischung aus Weihnachtsgeschichte und „Bonnie and Clyde“. Die norwegische Sopranistin Victoria Randem, neues Mitglied im Ensemble, und der niederländische Tenor Linard Vrielink statten das in Alltagskleidung auftretende Paar mit jugendlich-natürlichen Stimmen und schauspielerischem Elan aus. Mühelos singen sie noch in den höchsten Lagen, bleiben textverständlich in den lyrischen Passagen ebenso wie in den Action-Momenten.

Alida wird von Wehen geschüttelt, Asle steht unter Hochdruck, ein Getriebener. Schreie und Flüstern, Menschen in höchster Not, die beiden sind die Entdeckung des Abends.

Peter Eötvös steht selber am Dirigentenpult, es ist sein zwölftes größeres Musiktheaterstück. Regie bei der Koproduktion mit dem Grand Théâtre in Genf führt sein ungarischer Landsmann Kornél Mundruczó. Kinogängern ist er durch Filme wie „Jupiter’s Moon“ oder „Pieces of a Woman“ bekannt, zuletzt zeigte er in Cannes „Evolution“, eine Generationengeschichte über Holocaust-Überlebende und den Antisemitismus von heute.

Mundruczó stattet seine Sozial- und Psychotragödien gerne mit surrealen Zügen aus, etwa wenn er dem syrischen Flüchtling in "Jupiter's Moon" übersinnliche Kräfte verleiht. So ist es auch hier, was wiederum gut zu Eötvös‘ sublim alptraumartiger und zugleich expressiver Musik passt. Viel Blech, viel Harfe, viel Schlagwerk, Piccoloflöte, Altposaune, Kontrafagott: den nordisch-kühlen Sound mischt Eötvös mit einem mal knochigen, mal zauberischen Marimbaphon, mit Wiegenlied-Anklängen und jener Tanz-Fiedel, die Asle von seinem Vater geerbt hat.

Schwebende Klänge, eine magische Atmosphäre, durchsetzt mit Lautmalereien

Es war einmal, und es ist hochaktuell. Der Mensch ist des Menschen Verderben. Häufig bittet Asle seine Liebste, ein wenig zu schlafen. Sie soll die Gewalt nicht sehen, während er übermüdet die Nerven verliert. In ihren Träumen wird sie von Nornen heimgesucht, zwei in den Proszeniumslogen platzierte Vokaltrios hegen sie mit sirenenhaften Gesängen ein. Übermäßige Dreiklänge evozieren flirrende Spannung, und als es enger wird für die beiden, sind es verminderte Dreiklänge.

Peter Eötvös hat der Komposition den Tritonus als Hauptintervall zugrunde gelegt, die übermäßige Quart erklingt gleich zu Beginn. Auch der Quintenzirkel für die wechselnden Grundtöne der zwölf Episoden wird in Tritonus-Schritten absolviert, im Wechsel mit kleinen Sekunden. Offene Harmonik, schwebende Klänge, eine mitunter magische Atmosphäre: Wagners Tristan-Akkord schwingt mit. Rot glühen die Augen des Bühnenfischs dazu.

Tochter und Mutter. Victoria Randem als Alida (l.), Katharina Kammerloher als Alkoholikerin. Foto: dpa/Nina Hansch Vergrößern
Tochter und Mutter. Victoria Randem als Alida (l.), Katharina Kammerloher als Alkoholikerin. © dpa/Nina Hansch

Gleichzeitig ist „Sleepless“ mit Lautmalereien gespickt, mit haptischer, illustrativer Musik, seien es das Wummern an verschlossener Tür, ein derber Teufelstanz, die schrillenden Glocken, mit denen die Fischer ihre Ware anpreisen, oder das Torkeln von Asles Alkoholiker-Mutter (bewegend realitätsnah: Katharina Kammerloher).

Wenn die Prostituierte den jungen Asle mit frivolen Koloraturen becirct (großartig: Sarah Devrise) oder die Fischer in ihrem Ölzeug betrunken ihr Wasser abschlagen, neigt das Werk jedoch zur Karikatur. Zu schweigen von den unvermittelt putzigen Möwen auf dem Lachsrücken oder den sich aus dem Bühnenhimmel herabsenkenden Schäfchenwolken, die den Selbstjustiz-Mord an Asle diskret verbergen. Ist ja die Staatsoper hier.

[Weitere Aufführungen in der Staatsoper am 3., 7., 9. und 16. Dezember, jeweils um 19.30 Uhr]

Darin liegt das Problem des Stücks wie schon der (weniger tragisch zugespitzten) Fosse-Erzählung. Asle erweist sich als der einzige komplexe Charakter, changierend zwischen Zärtlichkeit und aggressiver Nervosität. Alle anderen bleiben Stereotypen, auch Jan Martinik als grölender Barbesitzer, Siyabonga Maqungo als kapitalistisch-gieriger Juwelier (der Lachs bleckt sein Maul und gibt einen glitzernden Goldschatz frei), Tómas Tómasson als rachewütiger „Man in Black“ .

Heilige, Hure und Machos: Das stereotype Männerbild geht mit einem antiquierten Frauenbild einher

Wenn in den Klassikern der Operngeschichte Frauen sterben oder gerettet werden müssen, während die Männer handeln, misshandeln oder töten, mag das den Rollenbildern ihrer Entstehungszeit geschuldet sein.

Aber eine Uraufführung im Jahr 2021, in der eine schutzlose, minderjährige Mutter mit dem Zerrbild der Hure korrespondiert und die zahlreichen Nebenfiguren ein überkommenes Macho-Klischee verkörpern, bis hin zu Arttu Kataja als gütigem Retter in versöhnlicher Baritonlage?

Am Ende geht die altgewordene Alida ins Meer, ein nordischer Liebestod. Ihr einsamer Epilog geht einem ans Herz, das allerletzte Wort hat die Solo-Violine. Aber selbst Victoria Randems souveräner Sopran kann nichts daran ändern, dass „Sleepless“ dieser Frau keinen Raum lässt für mehr als den Opferstatus. Tosender Beifall, Ovationen im Saal.

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