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Klaus Brinkbäumer

Roger Angell schrieb über Baseball, Politik und das Altwerden für den "New Yorker" Jetzt ist er mit 101 Jahren gestorben. Eine Kolumne

Von Roger Angell konnte man lernen, fürs Leben. Dass sogar Hunde Suizid begehen können, durch Sprung aus dem Fenster. Dass es sich für alle, die Geschichten erzählen möchten, lohnt, die Schule zu schwänzen und ins Kino zu gehen, Morgen für Morgen. Dass sich später dann das Ringen um Wörter, Sätze, jeden Text lohnt und ewig ein Ringen bleibt, das wusste Angell, denn er redigierte Vladimir Nabokov, John Updike, Alice Munro für den „New Yorker“ und schrieb selbst für das Magazin seines Lebens, sieben Jahrzehnte lang. Er schrieb über Baseball, Politik, das Altwerden, zart und liebevoll und langsam.

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101 Jahre alt war er, als er am Freitag in seiner Wohnung auf der Upper Eastside von Manhattan starb, an Herzversagen. Einen anderen Präsidenten als Trump hatte Roger noch erleben wollen, doch glücklich machte Joe Biden ihn nicht mehr.

Dass Abschiede zum Leben gehören, Anfänge ebendarum auch, das wusste er früh, und er lebte entsprechend. Lernte Gedichte auswendig. Liess sich die „New York Times“ vorlesen. Sah weiterhin Baseball-Spiele, und als er nicht mehr sehen konnte, hörte er Baseball-Spiele. Er baute neue Freundschaften auf (wir lernten einander erst 2015 kennen), denn ständig starben die alten Freunde; es hilft im Leben weiter, ein origineller, also witziger und großherziger Gastgeber zu sein, auch das war eine Rogerlektion.

Ehefrau gestorben, zwei Kinder gestorben

„Ich weiß nicht, wie ich das durchstehen soll“, sagte Roger seinem Therapeuten, als die Ehefrau Carol und zwei seiner Kinder starben; die Schwester, der Bruder waren längst tot, die Eltern und der berühmte Stiefvater, E.B. White, sowieso. „Weiß ich auch nicht“, sagte der Therapeut, „aber du wirst es durchstehen.“

Roger Angell bestritt, dass im Alter die Triebe schwänden. Es sei die größte aller Überraschungen, schrieb er, dass alte Menschen nach intimer Liebe dürsteten. Ein reicher Witwer, den Roger kannte, heiratete seine Krankenschwester und konnte sich nach der Hochzeit nicht an ihren Namen erinnern; er nannte die Gattin „Kind“. Solche Geschichten liebte Roger, doch er verstand den Witwer.

Roger heiratete zum dritten Mal und schrieb: „Ich glaube ja, dass jeder Mensch auf der Welt heute Nacht mit jemanden zusammen sein möchte, gemeinsam in der Dunkelheit, die süße Wärme einer Hüfte oder eines Fußes oder einer entblößten Schulter in Reichweite. Die von uns, die all dies verloren haben, egal wie alt, verlieren doch nie die Sehnsucht: Seht euch nur unsere Gesichter an. Und wenn es noch einmal zurückkehrt, ergreifen wir es, verblüfft und aufs Neue verwandelt.“

Segeln vor der Küste Maines

Einmal, das ist die schönste Erinnerung, segelten wir in Rogers Revier, übrigens auf Michael Naumanns Schiff „Here and Now“, vor der Küste Maines. Roger gab das Ruder ab, er sah nicht mehr gut genug, aber er pendelte die Wellen aus, wusste, wo Bear Island war; „off we go“, rief er bei Bier, hartgekochten Eiern, Kartoffelsalat in die Böen hinein.

Einige Dinge bedauerte er: In den wichtigsten Beziehungen sei er nicht immer sorgsam gewesen, den Eltern habe er wenig Empathie und viel Arroganz entgegengebracht und nicht nur denen. Das Leben sei weitergeschritten, rasant und unwiederbringbar, und geblieben seien die Wunden.

2017 standen wir an seinem künftigen Grab, dort in Brooklin, Maine. Es war Jahrzehnte her, dass Roger und Carol hier mit einem Herrn von der Verwaltung über ein Doppelgrab gesprochen hatten. Es kostete 220 Dollar. „Pro Jahr?“, fragte Roger. „Nein, alles inklusive“, sagte der Friedhofsmann. „Deal“, sagte Roger. Neben Carols Grabstein aus weißem Marmor („1938 – 2012“) stand ein identischer zweiter: „Roger Angell, 1920 – “.

Klaus Brinkbäumer ist Programmdirektor des MDR in Leipzig. Sie erreichen ihn unter Klaus.Brinkbaeumer@extern.tagesspiegel.de oder auf Twitter unter @Brinkbaeumer

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