Die unverwüstliche Candy Wang (Vivian Wu, mi.), ihr Bruder, der Schweinebauer (Haoyu Yang, li.), und dessen Sohn Zhen (Mason Lee, re.). Foto: Mubi
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Sozialkomödie über China Shanghai ist eine Stadt der verlorenen Seelen

In Cathy Yans Tragikomödie „Dead Pigs“ verzweifelt eine Gruppe Glückssuchender an der sozialen Ungleichheit im China der Gegenwart. Jetzt auf Mubi.

Ein totes Schwein macht ein Barbecue. 16.000 tote Schweine sind eine Naturkatastrophe. Während die Behörden noch rätseln, was die Tiere dahingerafft hat, berichten die Nachrichten schon über eine unerklärliche Seuche; Tausende von Tierkadavern treiben den Fluss Huangpu hinauf. Es ist ein stimmiges Bild für Cathy Yans 2018er-Regiedebüt mit dem lakonischen Titel „Dead Pigs“.

Die in China geborene und an der amerikanischen Westküste aufgewachsene Filmemacherin ist mit ihrem Debüt in ihr Geburtsland zurückgekehrt, in den Melting Pot von Shanghai. Sie hat mit ihrer Sozialkomödie aber einen Ton getroffen, den man bei diesem beteiligten Personal nicht unbedingt erwartet hätte.

Produziert hat der renommierte Regisseur Jia Zhangke, die unversöhnlichste Stimme der sogenannten sechsten Generation des chinesischen Kinos. Zhangke ist nicht gerade bekannt für seinen überschäumenden Humor; seine Filme, die er am politischen Apparat seines Landes vorbeiproduziert, erzählen von den Folgen eines rücksichtslosen Staatskapitalismus. Aber man versteht auch, was er am Drehbuch der studierten Wirtschaftsjournalistin (mit Abschluss in Princeton) gefunden hat.

Yans Figuren suchen verzweifelt einen Platz in den Verwerfungen einer sich rasant verändernden Gesellschaft, in der nur die Stärksten im 21. Jahrhundert angekommen sind. Ein glückloser Schweinebauer (Haoyu Yang) schuldet seinen Gläubigern ohnehin schon viel Geld, als die toten Tiere sich zu stapeln beginnen. Zuflucht findet er in den 3-D-Welten einer modernen Spielhalle. Später lädt er, wenn er nicht gerade seinem Glück hinterherjagt, die halbe Nachbarschaft an die heimische Konsole ein.

Das neonerleuchtete Nachtleben Shanghais

Zhen (Mason Lee) und Xia Xia (Meng Li) tauchen in das neonerleuchtete Nachtleben Shanghais ein, nur zu denkbar ungleichen Konditionen. Er räumt in Luxusrestaurants die Tische ab; nach der Schicht sammelt er mit fingierten Fahrradunfällen Schweigegeld von reichen Chinesen ein, um seinen schweinezüchtenden Vater zu unterstützen.

In den Etablissements, in denen Zhen arbeitet, verkehrt auch Xia Xia, Tochter aus gutem Haus, mit ihren gar nicht so viel älteren Sugardaddys. Die Leere in ihren Leben füllen sie mit verstohlenen Blicken füreinander, im stillen Einverständnis, dass sie trotz ihrer asymmetrischen Lebensumstände mehr verbindet als trennt.

Am besten hat sich noch Candy Wang (Vivian Wu) – rosa Schlafmaske, Leopardenmantel, Schoßhündchen – mit den Verhältnissen arrangiert. Sie betreibt mit mütterlicher Strenge einen Schönheitssalon, ihren weiblichen Angestellten predigt sie beim morgendlichen Drill ihr Erfolgsmantra: „Es gibt keine hässlichen Frauen, nur faule.“ Aber auch Candy steht unter Druck: Ihr Bruder, der Schweinebauer, nötigt sie, das Haus der Eltern zu verkaufen.

Das versucht auch der britische Architekt Sean (David Rysdahl), der an einem riesigen, einem Pastiche-Spanien nachempfundenen Stadtentwicklungsprojekt arbeitet – und von einer Modelagentin (Zazie Beetz) als „VIP-Europäer“ für PR-Events vermietet wird. Candys türkises Häuschen trotzt als letzte Bastion in der Vorstadtbrache den herannahenden Baggern.

Zum Finale ein Lied

Wo in den jüngeren Filmen Jia Zhangkes seine Protagonist:innen am Schluss gelegentlich zur Selbstjustiz greifen mussten, widersetzen sich Yans so liebenswert melancholische wie skurrile Figuren den Verhältnissen mit den vereinten Kräften der Familie. Dazu passt, dass „Dead Pigs“ mit einer gemeinschaftlichen Gesangsnummer endet, die dann allerdings eher an „Live Aid“ als an Busby Berkeley erinnert. Dieser Schluss wirft auch schon ein Licht auf das, was Yan knapp zwei Jahre später mit deutlich mehr Budget umsetzen wird.

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Denn „Dead Pigs“ ist als Debütfilm auch deshalb interessant, weil man ihn sich bereits mit dem Wissen um Yans zweiten Film „Birds of Prey: The Emancipation of Harley Quinn“ ansieht, einem Spinoff aus dem DC-Superheldinnen-Universum. Damals fragte man sich verwundert, woher plötzlich diese Regisseurin kam, von der bis dahin nur aufmerksame Festivalbeobachter:innen gehört hatten.

Vom Indiefilm zum Studio-Blockbuster

DC Comics und Produzentin Margot Robbie verdienen Lob, dass sie nach „Dead Pigs“ die Geistesgegenwart besaßen, Yan zu größeren Aufgaben berufen zu sehen – ein Versprechen, das der durchgeknallte, anarcho-feministische „Birds of Prey“ in jeder Hinsicht einlöste.

(Auf Mubi)

„Dead Pigs“, an dem sich die Arthouse-Plattform Mubi die Rechte sicherte, ist noch ein funkelnder Rohdiamant. Aber er macht auch Hoffnung, dass sich die zuletzt in Hollywood grassierende Unsitte, Indie-Filmemacher:innen mit seelenlosen Studio-Blockbustern zu betrauen, als für beide Seiten gewinnbringend erweisen kann. Der nächste Film von Chloé Zhao, die mit „Nomadland“ den Goldenen Löwen gewann und für Disney als Oscar-Hoffnung ins Rennen geht, hat gerade den Marvel-Film „The Eternals“ abgedreht. Hoffentlich nimmt sie sich an Cathy Yan ein Beispiel.

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