Iñigio Manglano-Ovalle macht in Filmen wie „The Kiss“ die Transparenz der Häuser von Mies van der Rohe zum Thema. Foto: Galerie Thomas Schulte
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Sonntags in die Galerie Feine Fäden

Ein langes Wochenende in Berlins Galerien.

Die Geschichte ist ganz schön vertrackt, zeigt aber, wie sehr sich Iñigio Manglano-Ovalle schon vor zwei Jahrzehnten am Architekten Ludwig Mies van der Rohe abgearbeitet hat. Es geht um das Farnsworth House in Illinois – und die Frage, in welchem Verhältnis Baumeister und Bauherrin Ende der 1940-er Jahre zueinander standen. Manglano-Ovalle spielt in seinem Film „The Kiss“ auf eine erotische Beziehung an, thematisiert aber auch die Architektur selbst. Das wiederum nimmt der Berliner Galerist Thomas Schulte zum Anlass, an diesem Wochenende mehrere Werke des Künstlers in ihren Räumen und noch bis Mitte September auf der Website zu zeigen.

Anlass ist die Wiedereröffnung der Neuen Nationalgalerie am Potsdamer Platz. Knapp 30 Galerien nutzen den feierlichen Termin, um zusammen das lange Wochenende „Mies in Mind“ zu veranstalten. An jedem der teilnehmenden Adressen setzen sich Künstler:innen mit dem Erbe des legendären Architekten der Moderne auseinander – entweder wie Manglano-Ovalle bereits seit langem. Oder aber wie Jorge Pardo (Galerie Neugerriemschneider) in jüngerer Zeit, weil der Kunst und Design ineinander verwebende Künstler parallel den Auftrag hatte, das Museumscafé der Nationalgalerie zu gestalten.

Bei Esther Schipper läuft ein Film von Rosa Barba, die zeitgleich im restaurierten Museum für das 20. Jahrhundert ausstellt, die Galerie Guido Baudach zeigt Architekturfotos von Erwin Kneihsl. Bettina Pousttchi setzt sich in der Galerie Buchmann mit Mies van der Rohes „Seagram Building“ auseinander, Thomas Ruff lässt die kühlen, klaren Bauten der Moderne in den Galerien Sprüth Magers und Konrad Fischer in unscharfe Pixel zerfallen. „Fast Mies“ nennt der österreichische Künstler Heimo Zobernig ironisch seine Ausstellung in der Galerie Nagel Draxler, wo er mit architektonischen Versatzstücken spielt. Kicken Berlin zeigt unter anderem fotografische Porträts von André Kertesz, der den Bildhauer Alexander Calder aufgenommen hat. Dessen Skulpturen stehen nun aktuell in der Nationalgalerie.
[Sunday Open featuring „Mies in Mind“, bis 22. August, Fr/Sa 11–19 Uhr, So 10–18 Uhr, www.indexberlin.com]

So verschränken sich die Ebenen und nehmen Berlins Galerien das institutionelle Ereignis auf, um feine Fäden in die zeitgenössische Kunst zu spinnen. Ein geeinsames Projekt, beispielhaft für das Potenzial der Stadt und von der Plattform Index kanalisiert, die im vergangenen Corona-Jahr mehrfach das Format „Sunday Open“ verwirklicht hat. Ein überreifendes Thema aber ist ein neuer, nächster Schritt.

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