Im Kern proletarisch. Das Apparatewerk der AEG in der Ackerstraße in Mitte entstand 1888 bis 1890. Foto: Doris Spiekermann-Klaas TSP
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Sommerserie „Berliner Straßenpaare“ Vor den Toren der Stadt

Flugsand, Elendsquartier und Pionierbebauung: Zwischen den Ackerstraßen in Mitte und Spandau liegen Welten.

Als Groß-Berlin vor 100 Jahren geschaffen wurde, wuchs das Stadtgebiet von 66 auf 878 Quadratkilometer. Neben Lichtenberg, Schöneberg, Wilmersdorf, Charlottenburg, Neukölln und Spandau gehörten nun auch 59 Umlandgemeinden und 27 Gutsbezirke zur neuen Metropole. Kein Wunder also, dass es im Stadtplan viele Straßennamen doppelt oder sogar mehrfach gibt.

Ihr Name hat nichts Städtisches, er verweist auf einen Ort jenseits der befestigten Wege, weit draußen vor den Toren. Um überhaupt einen Namen führen zu können, etwas, woran sich eine Identität knüpfen lassen könnte, musste die Ackerstraße in Mitte lange kämpfen. 1751 gab Friedrich II. den Befehl, den märkischen Flugsand unweit der Galgenstätte zu besiedeln.

Er hatte es dabei auf Saisonarbeiter abgesehen, die über den Sommer in der Stadt arbeiteten, das verdiente Geld aber im Winter in der Heimat ausgaben. Unter ihnen soll es viele aus dem Vogtland in Sachsen gegeben haben, weshalb die Siedlung den Namen Neu-Vogtland erhielt. Sie bestand zunächst aus vier Reihen ohne Straßennamen und hatte schon bald einen schlechten Ruf.

Ursprünglich hatte der Wald bis an die Grenzen von Berlin gereicht, doch für den Ausbau der Stadt und ihrer Befestigungsanlagen wurde er komplett gerodet. Keine Wurzeln hielten mehr den Boden fest, Sandstürme fegten über das wüste Land und begruben die Zollmauer so tief unter sich, dass man über sie hinwegreiten konnte, wie ein General zu Protokoll gab. Nun sollten Menschen dort anwachsen, wo nichts mehr gedieh. Nicht immer hat das geklappt, Neu-Vogtland wurde zum Inbegriff von Rechtlosigkeit und einem Ort, den man als Bürger besser mied.

Die letzte öffentliche Hinrichtung - und die erste U-Bahn Deutschlands

Dem sollte ab 1800 ein einziger Commissarius Herr werden. Doch der traute sich nicht alleine dorthin, wo gezecht und gestritten wurde. Auf Streife ging er nur in Begleitung von wohlmeinenden Anwohnern. Eines konnte der einsame Hüter des Rechts allerdings durchsetzen: Der verhasste Name Neu-Vogtland, der zum Stigma für die dort lebenden Menschen geworden war, wurde durch Rosenthaler Vorstadt ersetzt, Friedrichs Reihen erhielten Namen, neben der Ackerstraße auch die Bergstraße, die Brunnenstraße und die Gartenstraße.

Zur Ruhe kam die Gegend zwischen dem Wedding und der Torstraße dennoch nicht. Bis 1837 war auf dem heutigen Gartenplatz der Galgen in Betrieb, wurden unter dem Gejohle des Volkes Urteile von Henker und Scharfrichter vollstreckt. Als Letzte wurde hier Charlotte Sophie Henriette Meyer durch Rädern öffentlich hingerichtet, die sich durch eigene Hand zur Witwe gemacht hatte. Sie soll noch heute umgehen und in der jetzt anstelle des Galgens hoch aufragenden St.-Sebastian-Kirche des Nachts Lichter anzünden.

Das gewaltige Gotteshaus ist wegen Steinschlaggefahr eingerüstet und wirkt aus der Zeit gefallen, der es eigentlich die Stirn bieten wollte. Gegenüber nämlich liegt das ehemalige Apparatewerk der AEG, ein selbstbewusster Bau der Industrialisierung, in der Fabriken den Kirchen ihren Platz streitig machten. Heute beherbergt das strahlend renovierte Gebäude unter anderem eine internationale Privatschule, die aufmerksam darüber wacht, das niemand Fremdes einen Blick in den Innenhof wirft.

Arbeits- und Obdachlosen half auf der Weddinger Seite einst die sogenannte Schrippenkirche

Auch im Untergrund der Ackerstraße rumorte es. Die erste U-Bahn Deutschlands verband seit Mai 1897 zwei Standorte der AEG miteinander, per Elektrolok reisten Arbeiter und Material mit 30 Stundenkilometern zwischen der Großmaschinenfabrik und dem Apparatewerk. Die Strecke war allerdings nur knapp 300 Meter lang (mit dem Verein Berliner Unterwelten kann sie erkundet werden). Drum herum herrschte Elend. Zeitgenössische Berichte entdecken in der Ackerstraße gar die elendeste aller Berliner Straßen. Fabriken, Friedhöfe, Mietskasernen von bislang ungekannten Ausmaßen, wie die nicht mehr existierenden Meyer-Höfe.

Inmitten all dem Dunkel des Gestern baut der Buddhistische Kulturverein gerade seinen neuen Tempel. Dem Seelenheil der Arbeits- und Obdachlosen half in der Ackerstraße auf der Weddinger Seite einst die sogenannte Schrippenkirche, in der es sonntags einen Pott Kaffee, zwei Schrippen und Gemeinschaft gab für die Ausgestoßenen der großen Stadt. Eine Skulptur erinnert daran im Schatten der Mauergedenkstätte.

Danach ist die Ackerstraße stadteinwärts zunächst vor allem ein von Gottesäckern gesäumter Weg. Auf den Sophienfriedhöfen findet sich das Grab der Familie Loevy, deren Bronzegießerei den Schriftzug „Dem Deutschen Volke“ am Reichstag schuf und deren Mitglieder Opfer der Verfolgung durch die Nazis wurden. Auch der Komponist Walter Kollo liegt hier, der, wie sein Grabstein kündet, wusste, „wovon eine Frau im Frühling träumt“.

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Nach den Grabfeldern wird es mit Macht urban: Eine Craftbeer-Brauerei ist eingezogen, wo noch vor Kurzem ein neuer Gastrostern am Berliner Himmel aufgehen wollte, Ecke Invalidenstraße erinnern Blumen, Kuscheltiere und Kerzen an die Menschen, die hier im September 2019 von einem SUV überfahren wurden. Es schließen sich an: das Künstlerhaus am Acker, der dem renovierten Glanz noch immer trotzende Schokoladen und schließlich, jenseits der Torstraße, das vegane Restaurant Kopps, das die Coronakrise mit einem Lunch-Menü lindern will.

Der Koppenplatz ist Endpunkt der Ackerstraße in Mitte und liegt in der ehemaligen Spandauer Vorstadt. Bis zur Ackerstraße in Spandau sind es knapp 17 Kilometer. Und eine Weltreise.

Im Kern dörflich. Die katholisch-apostolische Kirche in der Spandauer Ackerstraße wurde 1896 erbaut. Foto: Kitty Kleist-Heinrich TSP Vergrößern
Im Kern dörflich. Die katholisch-apostolische Kirche in der Spandauer Ackerstraße wurde 1896 erbaut. © Kitty Kleist-Heinrich TSP

Vom Bahnhof Spandau über den Hohenzollernring und die Flankenschanze bis zur Ackerstraße lässt man den ehemaligen Verteidigungsring der Festungsstadt Spandau hinter sich. Einst war sie Standort einer gewaltigen Rüstungsindustrie, für die Arbeiter – 1919 waren es 70 000 Menschen – entstanden Wohnungen in der Spandauer Neustadt. Heute ist sie ein Quartiermanagementgebiet, das sich über die Fläche von 20 Baublöcken erstreckt.

Die Spandauer Ackerstraße wirkt, als hätte die Stadt hier versuchsweise ihre Finger ins Land ausgestreckt

Der Kiez, in dem jeder Dritte Transferleistungen bezieht, soll vorm Absturz bewahrt werden. Während die Stadtentwicklung rund um die Ackerstraße in Mitte abgeschlossen ist, wartet in Spandau noch viel Arbeit – auch weil die, die sich Mieten wie in Mitte nicht mehr leisten können, verstärkt hierhin ausgewichen sind. Wer dennoch nicht als Verlierer dastehen will, greift mitunter zu falscher Stärke. Die Drogen- und Gewaltprävention steht beim Quartiermanagement ganz oben.

Die Ackerstraße liegt am Rand dieser Bemühungen, sie führt ins Ungeschützte. Es wirkt, als hätte die Stadt hier nur versuchsweise ihre Finger ins Land hinein ausgestreckt, auf Widerruf und ohne Gewähr. Die Pionierbesiedlung mit flacher Vorstadtbebauung ist nie ganz verschwunden, wurde nicht überwuchert durch immer größere Häuser, die immer mehr Menschen ein Dach über dem Kopf bieten sollten.

Verdichtung ist kein Kennzeichen der Spandauer Ackerstraße, deren dörflicher Charakter sich exemplarisch im Bau der ehemaligen katholisch-apostolischen Kirche spiegelt. Der Backsteingiebel in neugotischem Stil, 1896 vom Maurermeister Doubecke errichtet, stemmt ein Kreuz in den Himmel, den schon bald kein Tegeler Flugzeug mehr stören wird.

Die Schule schräg gegenüber der Kirche wird gerade ausgebaut, daneben sind ein paar Neubauten für sichtbar gehobene Ansprüche entstanden – Zeichen dafür, dass die Spandauer Neustadt sich attraktiv machen will, auch für Berlin-Flüchtlinge. Hier gibt es noch Raum zu erobern oder neu zu nutzen. Bei einem Wohnungsbrand in der Ackerstraße Anfang des Jahres bot sich der Feuerwehr ein unerwarteter Anblick: Sie rettete 514 Cannabispflanzen vor den Flammen.

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