Kann ein unerfülltes Sexualleben Frauen ab 40 krank machen? Dazu will Anette (Sofia Helin) herausfinden. Foto: imago images/Andreas Bardell
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Sofia Helin über Sex, „Lust“ und Konflikte „Macht Liebe, nicht Krieg!“

Sofia Helin wurde als Heldin in „Die Brücke“ bekannt. Ihr Statement mit der schwedischen Serie „Lust“ kommt genau zur richtigen Zeit.

In der TV-Serie „Die Brücke – Transit in den Tod“ spielte sie Saga Norén, die effektive, kühle schwedische Kommissarin. Sofia Helins Polizistin mit Asperger-Syndrom war so stilbildend, dass es mit „The Bridge“ ein US-Remake gab – Diane Kruger spielte die Hauptrolle.

Manchmal geht es auch in die umgekehrte Richtung. So wie bei der HBO-Serie „Lust“, die bei den Berlinale Series ihre Weltpremiere feiert. Gewisse Ähnlichkeiten zur HBO-Erfolgsserie „Sex and the City“ und dem Nachfolger „And Just Like That“ sind nicht zu übersehen.

[„Lust“: 15. Februar, 18 Uhr im Zoo Palast 2; 20. Februar, 16.15 Uhr im Cinemaxx 9]

Sofia Helin spielt in „Lust“ die Hauptfigur Anette, die für das schwedische Gesundheitsministerium die Studie „Sex is a Highway to Health“ über den Zusammenhang von Sexualität und Gesundheit durchführt. Ebenso wie ihre Freundinnen kann sie selbst viel Sachdienliches zum Thema beitragen. Das Konzept zu dieser ersten skandinavischen HBO-Serie stammt von Helin und den anderen Hauptdarstellerinnen Anja Lundqvist, Julia Dufvenius und Elin Klinga. Gemeinsam mit Showrunner Frans Milisic Wiklund haben sie „Lust“ entwickelt.

Frau Helin, wie kamen Sie und Ihre Freundinnen auf die Idee für diese Serie?
Als wir über unser Privatleben und unsere Beziehungen sprachen, bemerkten wir, dass wir über alles sprechen konnten, außer über unser Sexualleben. Und damit sind wir nicht allein. Als wir schließlich über Sex redeten, haben wir viel gelacht und bekamen Lust, eine Geschichte rund um das Thema zu kreieren. Sexualität ist für alle Menschen ein wichtiger Teil des Lebens. Etwas, was man nicht googeln kann, das man leben und erleben muss.

Was halten Sie von der These, dass ein unerfülltes Sexualleben Frauen über 40 krank machen kann?
Zuerst einmal: „Lust“ ist eine Unterhaltungsserie, die nicht auf Tatsachen basiert. Es stimmt jedoch, dass das schwedische Gesundheitsministerium zwischen 2016 und 2018 eine Umfrage durchführen ließ, um die Bevölkerung und ihre sexuelle Gesundheit zu untersuchen. Das hat uns zu dieser Comedy-Serie über Sex inspiriert.

Bei meinen Recherchen habe ich einiges über Frauen und Männer mittleren Alters in Schweden erfahren. Zum Beispiel, dass Frauen in den meisten schwedischen Familien zwar genauso arbeiten wie die Männer, dazu aber viel mehr unbezahlte Aufgaben übernehmen. Das macht es noch interessanter, über sexuelle Gesundheit nachzudenken.

„Pornos im Internet haben alles auf den Kopf gestellt. Alles ist überall verfügbar“

Skandinavische Frauen gelten als sexuell offener als Frauen in anderen Ländern.
Ich bezweifle, dass es in der westlichen Welt bei der Sexualität große Unterschiede zwischen den Ländern gibt. Pornos im Internet haben alles auf den Kopf gestellt, alles ist überall verfügbar. Es ist eher ein veraltetes Bild, dass wir Schweden offener sind als andere. In gewisser Hinsicht sind wir Frauen in Schweden aber emanzipierter als anderswo.

Wir haben ein fantastisches System, mit einem Jahr bezahltem Mutterschaftsurlaub für alle Eltern, subventionierter Vorschule für alle Kinder ab einem Jahr und einem Steuersystem, das es für beide Eltern rentabel macht zu arbeiten. Es ist ein großer Unterschied, wenn man weiß, das man finanziell unabhängig sein kann.

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Braucht die Generation 40 plus in Sachen Sexualität Tipps von Millennials, so wie Anette von ihrer Tochter?
Wir alle können uns sowohl von jüngeren als auch von älteren Menschen inspirieren lassen. Das mittlere Alter ist eine Lebensphase, in der die Menschen die meiste Verantwortung in ihrem gesamten Leben zu tragen haben. Verantwortung bei der Arbeit, gegenüber den Kinder und den Eltern. Dann kommen bei Frauen noch die Wechseljahre dazu, die sowohl eine emotionale Achterbahnfahrt als auch eine Zeit der ultimativen Befreiung sein können.

Mich würde wirklich interessieren, ob jemand von so einem stressigen Leben sexuell erregt wird. Bitte lassen Sie es uns wissen!

Let's talk about Sex: Die Idee für die schwedische Serie "Lust" kam von den Hauptdarstellerinnen. Foto: Johan Paulin/HBO Max Vergrößern
Let's talk about Sex: Die Idee für die schwedische Serie "Lust" kam von den Hauptdarstellerinnen. © Johan Paulin/HBO Max

Was unterscheidet „Lust“ von „Sex and the City“ oder „And Just Like That“?
„Lust“ ist eine Hommage an unseren Favoriten, wobei unsere Serie nicht so glamourös ist. Ich würde sagen, „Lust“ ist eine ziemlich schwedische Serie und in erster Linie eine Comedy-Serie. Wir wollen den Spaß immer vor das traditionelle Drama stellen.

„Ein bisschen mehr lieben, lachen und ficken“

Wo hört in der Serie der Spaß auf, wo beginnt die Botschaft?
Das entscheidet das Publikum. Wir finden die Serie lustig und hoffen, dass auch das Publikum lacht. Wir wollen damit sagen: komm schon, lasst uns ein bisschen mehr lieben, ein bisschen mehr lachen und ein bisschen mehr ficken. Wenn ich genau darüber nachdenke, ist das tatsächlich eine alte, aber wichtige Botschaft: Macht Liebe, nicht Krieg!

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In der Serie spielen Frauen die Hauptrollen. Was können Männer von „Lust“ lernen?
Es war nie unser Ziel, jemandem etwas beizubringen. Wir wollten einfach in diesen kreativen Raum eintauchen und sehen, ob wir einen Weg zu mehr Lebenslust finden können. Wir hoffen einfach, dass alle, Männer und Frauen und alle dazwischen, gemeinsam mit uns lachen und Lust finden. Gibt es eine ernsthafte Botschaft an Männer? Was könnte das sein? Die Herzen der Menschen erreichen?

Das hat nichts mit dem zu tun, was ich Lust nenne. Am Ende können Männer genau dasselbe lernen wie Frauen – dass Lust und Sexualität komplex, schön, verletzlich und mysteriös sind.

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