Den iranischen Musikern fällt das Improvisieren viel leichter als den israelischen

Foto: Simiya Beheshti
Sistanagila Ein Lied kann eine Brücke sein

Für seine Kompositionen geht Yuval in beiden Kulturen auf Erkundungstour. Er erforscht folkloristisch-religiöse Melodien, jüdische Klezmersongs sowie Texte und Klänge sephardischer Volkslieder. Er nimmt Tonleitern auseinander, arrangiert Gesänge, führt die unterschiedlichen Rhythmen zu neuen Klangbildern zusammen und bedient sich manchmal auch in der klassischen Moderne, bei Stravinsky oder Bartok.

Das erste Stück heißt wie die Band „Sistanagila“ und ist von der klassischen Frage-Antwort-Struktur der Rabbiner inspiriert. Die persische Tombak-Trommel stellt eine Frage in den Raum und der Sänger antwortet mit seinem rhythmischen Trällern. Piano und Flöte treten in einen Dialog und konfrontieren die Trommel mit neuen Fragen. Alle Instrumente stehen gleichberechtigt nebeneinander. Keins erhebt sich über das andere. Es ist ein musikalisches Gespräch, das nicht in der Vergangenheit, sondern im Hier und Heute angesiedelt ist. Wichtig sind dabei auch die Improvisationen. „Im Solo kann sich jeder ganz frei und ohne Druck präsentieren“, erklärt Yuval. Was dabei deutlich wird ist, dass den iranischen Musikern das Improvisieren viel leichter fällt als den israelischen. „Bei uns studieren wir die Musik und spielen mit den Augen“, sagt Yuval: „Im Iran wird mehr improvisiert, findet das Spiel vorwiegend mit den Ohren statt.“ Der Wechsel von Improvisation und Komposition ist somit für beide eine Herausforderung.

Sistanagila ist ein Statement der Verständigung, aber auch der Selbstvergewisserung

Neben dem Blick in die andere Kultur ist das Musizieren aber auch eine Auseinandersetzung mit den eigenen Wurzeln. „Eigentlich kenne ich mich weder mit der jüdischen noch mit der iranischen Musik richtig aus“, gesteht Yuval. Was ihn mit der Musiktradition seines Landes verbinde, sei mehr ein Gefühl als ein bewusstes Wissen.

Sistanagila ist die Band einer neuen Generation. Wie viele Zugewanderte bewegen sie sich nicht nur zwischen zwei, sondern zwischen mehreren Welten. Ihre Improvisationen sind ein Ausdruck von Neugier und eine Suche nach dem eigenen Weg. Sistanagila ist zwar ein Statement israelisch-iranischer Verständigung, aber auch eine Selbstvergewisserung. Den Begriff „Multikulti“ lehnen sie ab. Sie wollen keinen Stempel aufgedrückt bekommen. Und so geht es in ihrem nächsten Stück nicht um folkloristische Tradition, sondern um Heavy Metal.

Am Ende der Probe kommen die Mitglieder von Sistanagila dann noch mal auf die Politik zurück. Nicht auf die internationale Debatte der Zeitungen, sondern auf die im eigenen Umfeld. Jawad berichtet, dass die Polizei vor kurzem bei seinen Eltern im Iran aufgetaucht sei. Die Polizisten haben über Facebook von der Band erfahren. „ Sie wollten meinem Vater nur den Rat geben, ein bisschen auf seinen Sohn aufzupassen“, erzählt Jawad. Trotz seines Lächelns wirkt er traurig. Traurig und ein wenig bitter. Während Yuval daran glaubt, dass sie irgendwann einmal gemeinsam in Israel und im Iran auf der Bühne stehen, hält Jawad diesen Wunsch für naiv. Ein Traum, der mit der Realität nichts zu tun hat.

Mendelssohn-Remise am Gendarmenmarkt, Jägerstr. 51, Mitte, 15.12, 17Uhr. Weitere Informationen über die Band gibt es auf Facebook.

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