Wohngemeinschaft im Badezimmerspiegel: Gemma (Thalissa Teixeira), Ray (Ariane Labed) und Kieran (Gary Carr, v. l.). Foto: House Productions
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Serien auf der Berlinale 2020 Beziehungsstress und Gentrifizierung in der Sitcom „Trigonometry"

Die griechische Regisseurin Athina Rachel Tsangari zeigt auf der Berlinale ihr umwerfendes Seriendebüt.

Wie zwei Menschen miteinander Sex haben, die in unterschiedlichen Zeitdimensionen leben, wäre mal eine originelle Science-Fiction-Prämisse. Für Gemma (Thalissa Teixeira) und Kieran (Gary Carr) stellt sich dieses Problem jeden Tag aufs Neue. Er arbeitet nachts als Rettungssanitäter, ein Knochenjob; wenn Kieran morgens todmüde ins Bett fällt, hat er schon ein paar Menschenleben gerettet. Gemma macht sich dann gerade für den Tag bereit, sie betreibt ein kleines Café im Londoner Stadtteil Hammersmith. Das Paar lebt in einem viel zu großen Apartment, das sie sich früher mal leisten konnten – inzwischen rückt die Gentrifizierungswelle immer näher.

Das Liebesleben junger Großstädter: Er schläft beim Sex ein, sie behilft sich mit Internetpornos. Erschwerend kommt hinzu, dass Gemma und Kieran sich eine Untermieterin nehmen müssen, weil das Geld hinten und vorne nicht mehr reicht. Die Französin Ray (Ariane Labed), frisch in London angekommen, ist eine ehemalige Kunstschwimmerin und Olympionikin, die nach einer Nahtoderfahrung panische Angst vor Wasser hat. Kurz: Man könnte sagen, dass auch die achtteilige BBC-Serie „Trigonometry“ und die WG-Sitcom schlechthin, „Friends“, im modernen Serienfernsehen in zwei Paralleldimensionen existieren.

Blick einer Außenstehenden

„Trigonometry“ ist das Seriendebüt von Athina Rachel Tsangari, einer der prägendsten Filmemacherinnen des New Greek Cinema – und im europäischen Kino. Für Tsangari, die 2013 in der Berlinale-Jury saß, bedeutet die BBC-Produktion nach der introvertierten Coming-of-Age-Tragikomödie „Attenberg“ und der ätzenden Männerfarce „Chevalier“ auch einen ganz neuen Tonfall.

Der Produktionsdruck einer Serie war für die griechische Regisseurin genauso ungewohnt wie das Leben in der britischen Metropole, die Tsangari mit dem aufmerksamen Blick einer Außenstehenden einfängt. „Ich bin beeinflusst von den Filmen Nicolas Roegs, Lindsay Andersons und Antonionis ,Blow up‘, die für mich als Kino-Hommage ein Teil des Gewebes der Stadt geworden sind“, erzählt sie am Telefon, wenige Tage vor der Premiere auf der Berlinale. „London ist ein Palimpsest unterschiedlichster Kulturen, Geschichten, Architekturen. Darum war es mir wichtig, nicht in einem gentrifizierten Viertel zu drehen.“

Arbeit an der Körpersprache

Die Nachbarschaftskunde fungiert aber lediglich als lebensnaher Hintergrund für eine sich anbahnende Ménage-à-trois. Ray scheint das fehlende Bindeglied in der Beziehung zwischen Gemma und Kieran zu sein: Die ersten Blicke sind magnetisch, ihr Umgang miteinander wirkt fast schüchtern.

Ein Herz und seine Seelenverwandtschaft. Foto: House Productions Vergrößern
Ein Herz und seine Seelenverwandtschaft. © House Productions

Noch weiß niemand etwas mit den Spannungen anzufangen. Die drei tänzeln umeinander herum, fotografiert von Sean Price Williams, dem Kameramann der Safdie-Brüder und Alex Ross Perrys. „Sean arbeitet sehr taktil, wie er Bewegungen und Gesichter einfängt“, schwärmt Tsangari am Telefon. „Wir haben viel an der Körpersprache gearbeitet, ich habe mich dem Skript wie einer Choreografie genähert.“

Die Dreharbeiten beschreibt sie wie einen Tanzmarathon. Die Kamera lief ständig im Hintergrund, die Darstellerinnen wussten nie, ob sie gerade gefilmt wurden. „Ich wollte dass sie immer präsent blieben.“ Tsangari gibt lachend zu, dass sie eine langsame Regisseurin ist, ihr letzter Film „Chevalier“ liegt schon wieder fünf Jahre zurück. „Alles musste ganz schnell gehen, es war nervenaufreibend und berauschend. Eine gute Schule.“

Intime Energie in den Bildern

Die intime Energie während der Dreharbeiten ist in den Bildern zu spüren. Labed, der „Attenberg“-Star, bringt diese erratische Tsangari-Qualität in die Geschichte; die Entdeckung aber sind  Teixeira, die vom Theater kommt, und Carr, am bekanntesten durch eine kleine Rolle in der HBO-Serie „Deuce“. Ihr Zusammenspiel ist entwaffnend natürlich. „Sie alle wollen irgendwo hingehören – das ist London“, meint Tsangari über ihre Figuren. Die Halbwaise Gemma sucht Kontakt zum lieblosen Vater, Kieran traut sich nicht, ihr endlich den Ehering zu geben. Ray ist ihre Rettung: Tsangari hält die Rollenbilder und körperlichen Anziehungskräfte schön in der Schwebe. Die drei sind auch Seelenverwandte.

Tsangari hat bei den ersten fünf Folgen, die in Berlin laufen, Regie geführt. Sie erzählt noch, dass sie ihren Darstellerinnen zur Einstimmung Playlists gemacht hat. Das passt: „Trigonometry“ ist ein „Best of Tsangari“.
26. 2., 11.30 Uhr (Cinemaxx 5)

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