Die Haut von Orangen gibt Kuchen eine spritzige Note - Orangenhaut bedeutet das Gegenteil von frisch. Foto: Photo by stiven bravo on Unsplash
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Serie Farben des Sommers (11) Orangenhaut? Zieht euch trotzdem den Bikini an!

Cellulite ist Teil eines Jugendwahns, der vor allem Frauen betrifft: Schluss mit dem Blödsinn, findet unsere Autorin.

Es gibt verschiedene Monster des Alltags. Das Monster, das hinten in der Waschmaschine hockt und einzelne Socken snackt oder das Monster unter dem Schreibtisch, das Kugelschreiber liebt. Dann gibt es noch ein geschlechtsspezifisches Untier: das Orangenhautmonster. Es wohnt gern in Umkleidekabinen mit ungünstiger Beleuchtung, und besonders penetrant nervt es immer genau dann, wenn es warm wird. Das Fiese: Es fällt fast ausschließlich Frauen an.

Die bekommen Cellulite oder „Orangenhaut“, ein verniedlichender Begriff für Dellen und Erhebungen in der Haut. Die echte Orangenhaut ist an und für sich eine feine Sache, sie schützt die Frucht und riecht köstlich. Im Schokoladenmousse oder im Kuchenteig sorgt sie für die spritzige Note.

Die menschliche Ausgabe jedoch strahlt das Gegenteil von Frische aus: Ein schwaches Bindegewebe macht die Bikinisaison zur Schamhölle. Männer stehen neben verzweifelten Frauen, reden beruhigend auf sie ein: Schatz, natürlich kannst du Hotpants tragen. Und all das nur, weil Männer ein stabileres Bindegewebe haben.

Kniebeugen und Heißmangel helfen nicht

Gegen Orangenhaut ankämpfen zu wollen ist in etwa so, wie Falten aufhalten zu wollen. 80 bis 90 Prozent aller Frauen bekommen Cellulite. Wie ausgeprägt sie ist, hängt von Alter, Genetik und leider auch vom Lebensstil ab. Meinen zumindest die Frauen- und Fitnessmagazine, die Pobackenquetschübungen und Kniebeugen verordnen.

Oder absurde Behandlungen empfehlen, bei denen man sich für 59 Euro die Haut wie in der Heißmangel zwischen Rollen einquetschen lassen kann. Dabei ist meist alle Mühe vergebens: Je nach Veranlagung kommt das Cellulitemonster ohnehin vorbei und beißt einem kleine Dellen in den Po.

Cellulite ist ein Teil des Jugendwahns, der vor allem Frauen betrifft. Dass Männer schöner altern, ist zwar ein Gerücht, trotzdem sind sie nicht die Zielgruppe von Onlineanzeigen und Plakaten für Bierbauchcreme. Frauen dagegen wird suggeriert, dass sie gegen das Altern ankämpfen müssen.

Für die Eroberung von Konzernvorständen und das Verschwestern am Frauenstammtisch bleibt dann keine Zeit mehr – wie praktisch für die Männer.

Friedrichstraße: Walk of shame

Ob Orangenhaut wirklich schlimm ist, ist dabei total irrelevant. Schauen Sie mal das Beispielfoto im Wikipedia-Artikel zu Orangenhaut an: Da kniet eine 28-Jährige, ihre Oberschenkelhaut schiebt sich durch den Druck der Waden leicht zusammen, und im Seitenlicht offenbaren sich mikroskopisch kleine Dellen.

Ein Gang entlang der Friedrichstraße ist ein walk of shame. Keines der Bikinimodels in den Schaufenstern hat Unebenheiten in der Haut. Da ist alles glatt und ebenmäßig gebräunt. Das Ergebnis: Man fühlt sich falsch, alt, schlunzig, schlaff.

Schluss mit dem Blödsinn. Einen Bikinikörper bekommt man, indem man einem Körper einen Bikini anzieht, heißt es in kämpferischen Memes im Internet. Denn das Cellulitemonster ist, ebenso wie das Monster unter dem Bett von Kindern, eigentlich nur eine Ausgeburt der eigenen Angst. Und dafür ist der Sommer doch eine viel zu schöne Sache.

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