Bergweh. Lara (Guilia Goldammar) lässt ihr Baby in Berlin und fährt zu Schwester Ida. Foto: W Film
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Schwestern-Drama "Windstill" Sommerhitze unter der Frustglocke

Regiedebütantin Nancy Camaldo erzählt in ihrem Schwestern-Drama „Windstill“ von uneingelösten Lebensträumen und dem Wunsch nach ewiger Adoleszenz.

Ein Kirche, versunken im See, aus dem nur noch der Turm ragt? Das ist doch der Reschensee in Südtirol. Das von Bergen eingefasste, blaue Meer der Gemeinde Graun im Vinschgau ist Idas (Barbara Krzoska) Revier. In der Eröffnungsszene straft sie den Filmtitel „Windstill“ Lügen und surft mit knatterndem Kite am Kirchturm vorbei. Das von Touristen stark frequentierte Fotomotiv erzählt eine Tragödie, die von der faschistischen Zwangsitalianisierung deutscher Südtiroler und im Stausee versunkenen Bauernhöfen handelt. Vergangenes Jahr erst hat der italienische Schriftsteller Marco Balzano ihm den packenden Roman „Ich bleibe hier“ (Diogenes) gewidmet.

Die alten Storys des gewalttätigen 20. Jahrhunderts sind aber nicht die von Ida und ihrer Schwester Lara (Giulia Goldammer). Regisseurin Nancy Camaldo lässt sie in ihrem Spielfilmdebüt demonstrativ unerzählt. Die Frauen sind Millennials, sie laborieren an einem anderen Problem, nämlich dem ausdauernder Adoleszenz: nichts müssen, alles dürfen, aber was können und vor allem was wollen wir?

Das wissen weder Laura, die in Berlin lebt, und mit ihrem Freund Jacob (Thomas Schubert) in der Sommerhitze unter einer Frustglocke ächzt; noch Ida, die in Südtirol den elterlichen Hof mit der Aushilfe Rafael (Anselm Bresgott) bewirtschaftet, der nebenher auch als nettes Sommer-Boytoy fungiert. Thomas, Laras Freund, ist als Koch dagegen dauergestresst: Baby Olivia kackt und schreit.

Und Laras Nachtschichten als Uber-Fahrerin sind auch nicht ohne. Da scheint Ida es besser getroffen zu haben, doch auch sie steckt in einer Art Trauerstarre, einem Limbo fest, der sich zuerst durch ihre Verzweiflung über den Tod ihres Schäferhundes offenbart.

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Dass es in Idas und Laras über zwei Filmdrittel parallel erzählte Leben nicht nur um uneingelöste Lebensträume wie Medizinstudium und Bücher schreiben geht, deckt die 1992 geborene Regisseurin erst im letzten Drittel auf. Als Psychogramm zweier vom Verlust der Eltern traumatisierter Schwestern gewinnt der betont bleiern realistisch erzählte Alltagstrott von hinten nach vorne gesehen an Intensität und Tiefe. Das vermeintliche Sozial- und Beziehungsdrama über die Nöte und den Druck junger Eltern zwischen Kind, Beruf und brachliegender Paarbeziehung weitet sich zu einem intensiven Kammerspiel über Verlust und Verzeihung.

Eine riskante Dramaturgie, deren Längen die an der Münchner Hochschule für Film und Fernsehen ausgebildete Nancy Camaldo durch einen treibenden, von Gitarre dominierten Akustik-Score (Michael Lauterbach) aufzulockern sucht – was nicht durchgehend funktioniert. Trotzdem ist „Windstill“ ein eindrucksvolles Porträt unentschlossener junger Menschen, die in die ewige Falle tappen, zu lange in ungeliebten Routinen zu verharren, statt ihr Glück in der Veränderung zu suchen. Laufen lassen ist einfacher als tun.

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