Holzstatuen im Afrika Museum in Tervuren, Belgien. Foto: Imago/alimidi
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Schritt zur Aufarbeitung Belgien gibt koloniale Raubkunst an Kongo zurück

Die Restitution betrifft zunächst 883 Objekte im Africa Museum in Tervuren. Doch die Regierung will schnellstmöglich den kolonialen Besitz aller Museen untersuchen und Schritte einleiten.

„Alles, was illegitim erworben wurde, gehört uns nicht. Punkt.“ Auf diese Formel bringt der belgische Staatssekretär für Wissenschaft Thomas Dermine von der wallonischen Sozialistischen Partei den Beschluss der belgischen Regierung vom vergangenen Freitag, alle Raubkunst im Königlichen Museum für Zentralafrika (AfricaMuseum) in Tervuren an die Demokratische Republik Kongo zurückzugeben.

„Viele andere Länder entscheiden sich dafür, zu prüfen, ob und wie Objekte Stück für Stück in ihr Herkunftsland zurückgegeben werden sollen. Wir dachten, es sei höchste Zeit für einen globalen Ansatz für diese Objekte", sagte Dermine in einem Interview mit der niederländischen Tageszeitung "NRC".

Alle Stücke aus dem Museum in Tervuren, die durch Diebstahl, Einsatz von Gewalt oder als Kriegsbeute in das Museum gelangten, sind jetzt juristisch Eigentum der Demokratischen Republik Kongo. Von den insgesamt 80 000 Objekten aus der Zeit von 1885 bis 1960 betrifft das vorerst nur 883 Objekte, deren illegaler Erwerb bereits eindeutig nachgewiesen ist.

„Wir haben keinen einzigen Grund, diese Objekte noch zu besitzen, sie gehören nicht dem belgischen Volk, folglich wird das gesetzliche Eigentum an die Demokratische Republik Kongo übertragen,“ sagte Dermine in dem Interview. Die Objekte blieben in Belgien, bis die Museen im Kongo bereit seien, die Sammlung gut aufzunehmen. „Aber sobald die Kongolesen ein Stück zurückfordern, wird dies geschehen“, sagte Dermine.

60 Prozent der Objekte seien ziemlich sicher rechtmäßig erworben worden oder als Geschenke nach Belgien gekommen und würden dort auch bleiben. Von rund 35 000 Objekten wisse man aber nicht sicher, wie sie ins Museum gelangt seien. „Wir verpflichten uns dazu, die wissenschaftliche Untersuchung dieser Objekte in den kommenden Jahren zu beschleunigen.“ so Dermine. Sie würden von der Kategorie „öffentlicher Besitz“ in die Kategorie „privates Staatseigentum“ überführt, was bei nachgewiesenem illegitimen Erwerb dazu führe, dass sie automatisch in den Besitz der DR Kongo übergingen.

Eine parlamentarische Kommission untersucht Belgiens koloniale Vergangenheit

Präsident Félix Tshisekedi hatte 2019 bei der Eröffnung des Nationalmuseums der Demokratischen Republik Kongo in Kinshasa die Belgier zur Rückgabe der Raubkunst aufgefordert. Dies werde nun einvernehmlich geschehen, und man werde helfen, die Objekte in Kinshasa gut zu präsentieren. Das AfricaMuseum in Tervuren habe um die jetzt getroffenen Maßnahmen gebeten. Die Kollektion sei so groß, dass die jetzige Rückgabe kaum ins Gewicht falle, sagte Dermine.

Man werde aber den kolonialen Besitz in ganz Belgien in allen Museen auf seine Herkunft untersuchen, ebenso die Kunstwerke aus Ruanda und Burundi, die nach dem Ersten Weltkrieg als Mandatsgebiete unter belgische Verwaltung kamen.  König Leopold II. hatte nach der Berliner Afrika-Konferenz 1885 den „Kongo-Freistaat“ als seinen Privatbesitz vereinnahmt und brutal ausgebeutet, bis nach den sogenannten Kongogräueln 1908 der belgische Staat die Kolonie übernahm.

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Kurz vor dem 60. Jahrestag der Unabhängigkeit der DR Kongo hatte der König Philippe als erster belgischer Monarch in einem Brief an Präsident Tshisekedi sein „tiefstes Bedauern“ über die „Missetaten“ der Belgier ausgedrückt, was in Kinsasha  als Signal für bessere Beziehungen aufgenommen wurde. Der Brief des Königs habe in Belgien eine breite politische Debatte ausgelöst.

Eine parlamentarische Kommission untersucht derzeit die koloniale Vergangenheit Belgiens, ein erster Bericht werde gegen Ende des Sommers erwartet, sagte Dermine. Die Entscheidung für die Übertragung der Eigentumsrechte an die DR Kongo sei bereits eine Empfehlung dieser Kommission gewesen.

Protest auf den Straßen und gestürzte Denkmäler

Von Einfluss auf die Entscheidung der neuen belgischen Regierung unter dem flämischen Liberalen Alexander De Croo waren auch die Folgen der Black-Lives-Matter-Bewegung, die die koloniale Vergangenheit Belgiens wieder auf die politische Agenda gesetzt hatte. Der König hatte in seinem Brief auch den täglichen Rassismus in seinem Land kritisiert.

Diskriminierung auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt und bei der Polizei hatten zu heftigen Protesten geführt, bei denen zahlreiche Leopold II.-Denkmäler mit Farbe beschmiert wurden, da Leopold in seinem sogenannten Kongo-Freistaat für den Tod von Hundertausenden Kongolesen verantwortlich war.  Die Universitäten in Löwen und Bergen hatten daraufhin ihre Leopold-Statuen entfernt.

Der Beschluss der sogenannten „Vivaldi“-Koalition aus Grünen, Liberalen und Sozialdemokraten aus beiden Landesteilen sowie den flämischen Christdemokraten setzt Belgien nun international an die Spitze der Länder, die bereit sind, geraubtes Kulturgut zurückzugeben. Die Entscheidung,  die Objekte sofort juristisch an die DR Kongo zu übertragen, ist ein klares Signal.

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